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Mobilität in Großstädten:Münster, Karlsruhe und Freiburg liegen vorne

Der ADFC ist das Gegenmodell zum ADAC, nur mit deutlich weniger Macht und Geld. Grundsätzlich ist Deutschland ja eher Autoland, mit Autobahnen, auf denen vielerorts schneller gefahren werden darf als irgendwo sonst auf der Welt. Sportwagen sind in Hamburg besonders zahlreich im Einsatz. Andererseits besitzt die Hälfte der Einwohner kein Auto, weil man keines braucht, keines will oder sich keines leisten kann. In Berlin hält sich nur jeder Dritte ein Fahrzeug.

Alles in allem besitzen die Deutschen mehr Fahrräder als Pkw, der Umsatz der Fahrradbranche geht in die Milliarden - aber die fahrradfreundlichsten Großstädte liegen woanders. Beim sogenannten Modal Split, der berechnet, welche Strecken die Bevölkerung mit einem bestimmten Verkehrsmittel zurücklegt, sind beim Fahrrad Amsterdam und Kopenhagen Spitze. Im ADFC-Fahrradklimatest unter deutschen Städten mit mehr als 200 000 Einwohnern wiederum war vergangenes Jahr Münster die Nummer eins, gefolgt von Karlsruhe und Freiburg.

Berlin und Hamburg? Weit abgeschlagen!

München ist Zwölfter, zwischen Bielefeld und Mainz. Der Hamburger ADFC-Sprecher Lau erinnert lobend an den früheren Münchner OB Christian Ude, der so wie der einstige Bremer Bürgermeister Henning Scherf häufig auf dem Rad zu sehen war. Berlin wird als Nummer 30 geführt, die Verwandlung zur Fahrradstadt zieht sich hin. Und Hamburg? Abgeschlagen auf Rang 35, vor Köln und hinter Düsseldorf.

Einen Masterplan kann Lau trotz löblicher Ansätze nicht erkennen. "Das ist halbherzige Radverkehrsförderung." Er erinnert an elf bei Unfällen getötete Hamburger Radfahrer 2014. Die Klagen der Radler ähneln sich fast überall: zu enge Wege, die ausbremsen, zerschnitten von Straßen; Radfahrer haben es eilig. Autofahrer sind ihnen oft zu aggressiv, wobei manche Radfahrer ähnlich humorlos Fußgängern zu Leibe rücken, mit Klingel statt Hupe, so dass Ungeübte in Deckung hechten. Tempo-30-Zonen gibt es relativ wenige, führende Kreise aus Industrie und Politik sind dagegen. Zu weiteren Feinden des Radfahrers zählen Parker in zweiter Reihe, Baustellen und das Wetter. Dazu kommt eine Epidemie von Fahrraddiebstählen.

Misstrauen gegenüber den Fahrradplänen

Der Fahrradverteidiger Lau misstraut auch den Hamburger Fahrradplänen für Olympia 2024, denn falls Hamburg 2017 tatsächlich die Sommerspiele zugesprochen bekommen sollte, dann würden erst mal sieben Jahre städtebaulicher Ausnahmezustand folgen. Er hat eher den Verdacht, dass mit den Versprechen für die Radler die Ehre der Grünen gerettet werden sollte, denn bei den Koalitionsverhandlungen setzten sich weitgehend die wirtschaftsnahen Genossen durch. Wobei das Hamburger Ressort für Wirtschaft, Verkehr und Innovation, das sich um das Prestigethema Fahrrad kümmert, kein Grüner leitet, sondern der parteilose Frank Horch. Der war vorher Präsident der Handelskammer. Dirk Lau sagt: "Mit Scholz und Horch wird es keine Verkehrswende und keine Fahrradstadt geben, solange sie auch den privaten Kfz-Verkehr in der Stadt attraktiver machen wollen."

Der Bürgermeister Scholz rudert übrigens, und der Senator Horch segelt. Nur Scholz' grüne Stellvertreterin Katharina Fegebank war mal Triathletin und radelte bei der Sternfahrt für eine umweltfreundlichere Verkehrspolitik kürzlich vorneweg.

© SZ vom 14.08.2015/harl
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