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Mobilität auf dem Land:Trampen, ohne den Daumen zu heben

Mitfahrbank

Eine Mitfahrbank steht in der Ortsmitte der Gemeinde Oberlödla im Altenburger Land in Thüringen. Hier kann der Mitfahr-Suchende ein Schild mit seinem Fahrziel anbringen.

(Foto: Bodo Schackow/picture alliance/dpa)

Platz nehmen und auf einen Chauffeur warten: Um die Mobilität im ländlichen Raum zu verbessern, stellen viele Kommunen Mitnahmebänke auf. Doch die nutzt kaum jemand. Warum eigentlich nicht?

Von Joachim Göres

Seit knapp zwei Jahren steht in Nienhagen im Landkreis Celle in Niedersachsen eine sogenannte Mitnahmebank - eine bunte Holzbank, auf die man sich setzen kann, um auf Autofahrer zu warten, die einen mitnehmen. Zum Beispiel zur S-Bahn ins zehn Kilometer entfernte Ehlershausen in der Region Hannover, wohin man mit dem Bus aus Nienhagen selten kommt, weil es fast keinen öffentlichen Nahverkehr gibt, der über die Kreisgrenzen hinweg verkehrt. Ein hinter der Bank angebrachtes großes Schild mit einem gekrümmten Daumen zeigt an, dass hier eine besondere Form des Trampens angeboten wird. Und unter dem Daumen findet sich ein Gestell mit Schildern, auf denen die Namen benachbarter Gemeinden stehen. "Richtungsschild nach vorn stecken", lautet die Anweisung an die Wartenden - damit vorbeikommende Autofahrer sehen, wohin der Mensch auf der Mitnahmebank will.

Und Nienhagen ist nicht allein: In Ehlershausen sowie zwei weiteren Ortschaften in der Umgebung stehen ebenfalls Mitnahmebänke, manchmal auch Mitfahrerbänke genannt. Auch in vielen anderen Regionen Deutschlands wurden solche Bänke in den vergangenen Jahren aufgestellt, etwa in Mehlingen (Rheinland-Pfalz), in Waldshut-Tiengen im Süden Baden-Württembergs sowie in Bordesholm (Schleswig-Holstein). Die Hoffnung: Mit den Bänken lässt sich die Mobilität im ländlichen Raum besser organisieren. Stehen solche Mitnahmemöglichkeiten zur Verfügung, muss nicht jeder ein Auto besitzen, um von A nach B zu kommen.

"Wir haben auf diese Idee viele positive Reaktionen bekommen", erzählt Joschka Denecke, Vorsitzender des Vereins Greenhagen, der sich für diese Mitfahrgelegenheiten in Nienhagen und anderswo eingesetzt hat. In der Praxis allerdings habe sich die Idee noch nicht richtig bewährt. "In der Corona-Zeit werden die Bänke nicht genutzt, weil man ja nicht mit jemandem aus einem anderen Haushalt dicht an dicht im Auto sitzen will", sagt Denecke.

Und in der Zeit vor der Pandemie? "Ich habe hier noch nie jemanden sitzen sehen, der mitgenommen werden wollte", sagt eine Frau, die direkt gegenüber der Bank in Nienhagen wohnt. Ähnliches berichten Anwohner aus vielen oberbayerischen Orten, wo ebenfalls viele Mitnahmebänke stehen. Und Aktivist Denecke sagt: "Gerade von älteren Menschen habe ich gehört, dass sie mit ihrem Auto niemanden mitnehmen würden, den sie nicht kennen, aus Angst vor negativen Erfahrungen."

Hinzu kommt: "Wenn man einen Termin hat und pünktlich sein muss, ist dieses Modell keine Alternative", ergänzt Lothar Macht. Er hat vor drei Jahren in Varel dafür gesorgt, dass in der 25 000 Einwohner zählenden Stadt im Landkreis Friesland drei Mitnahmebänke an Hauptstraßen aufgestellt wurden.

Die Mitnahmebank als Kontaktbörse

Die wurden vor Beginn der Pandemie laut Macht auch gut genutzt. Das hat möglicherweise auch mit den besonderen Bedingungen in Varel zu tun: Macht hat 180 Autofahrern und 70 potenziellen Mitfahrern einen sogenannten Vertrauensausweis ausgestellt. Dabei wurden die Personalien dieser Personen registriert, um auf beiden Seiten das Gefühl der Sicherheit zu erhöhen. Mit diesem gelben Ausweis in der Hand ist man nicht ausschließlich auf die Mitnahmebank angewiesen, sondern kann sich überall in Varel an die Straße stellen und Autofahrern zuwinken, um so zum Beispiel ins Stadtzentrum zu gelangen. Durch diesen Ausweis wüssten die Leute, mit wem sie unterwegs sind, sagt Macht. Und könnten sich zur Not beschweren. "Es hat aber noch nie Beschwerden gegeben, ganz im Gegenteil", schiebt Macht gleich hinterher. Einige ältere Frauen hätten vielmehr bei ihm angerufen und gefragt, ob er einen Kontakt zu den netten Fahrerinnen vermitteln könne, mit denen sie gerade auf Tour waren. "Heute treffen sie sich regelmäßig zum Kaffeetrinken."

Es sind vor allem Rentner ohne eigenen Pkw, die bei Macht registriert sind. Wer noch nicht volljährig ist, braucht eine Bescheinigung der Eltern, um einen Vertrauensausweis zu bekommen. Sobald die Pandemie irgendwann mal unter Kontrolle ist, will Macht erneut die Werbetrommel rühren - er spricht bei Schützenfesten und anderen Feiern gerne Autofahrer an, ob sie nicht mitmachen wollen. "Die Bereitschaft dazu ist groß", sagt er. Und mit kleinen Preisen als Anreiz, zum Beispiel einer kostenlosen Autowäsche, werde diese Bereitschaft belohnt. Macht setzt sich dann auf eine Mitnahmebank und übergibt an den Ersten, der anhält, einen von Sponsoren gestifteten Gutschein. "Manchmal warte ich fünf, mal zehn Minuten", sagt Macht. "Länger als 20 Minuten dauert es eigentlich nie, bis ein Auto stoppt."

Eine Aussage, die Beate Ufer bestätigt. Die Projektleiterin bei der Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe im Saarland hat dafür gesorgt, dass im Landkreis Neunkirchen elf Mitfahrerbänke aufgestellt wurden, die sie selber ausprobiert hat. Vier Bänke stehen alleine im etwa 1300 Einwohner zählenden Münchwies, einem entlegenen Stadtteil von Neunkirchen ohne Geschäfte, Apotheken und Ärzte. Hat nicht jeder, der hierherzieht, ohnehin ein Auto? "Im Prinzip schon, aber deswegen ist es alleine aus Gründen des Klimaschutzes sinnvoll, mit den Bänken das gemeinsame Fahren zu unterstützen", sagt Ufer und fügt hinzu: "Außerdem gibt es im Saarland viele Ältere auf dem Dorf, die nicht mehr selber ein Auto steuern können."

Neben der Förderung des Umweltschutzes und der Mobilität älterer Menschen nennt Ufer ein weiteres Ziel: Der soziale Zusammenhalt der Ortsgemeinschaft soll mit den Mitfahrerbänken gestärkt werden. Auch wenn sich die Menschen im überschaubaren Münchwies meist kennen, sei dies nötig. "Rentner leben oft zurückgezogen, alleine im Eigenheim, und viele haben nur noch wenig Kontakte", sagt Ufer. Doch setzen sich die Menschen wirklich auf eine Mitfahrerbank? "Die Bänke werden eher wenig genutzt, auch schon vor Corona", räumt Ufer ein.

In Wolfratshausen in der Nähe von München gibt es ebenfalls eine Mitfahrbank.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Die Gründe dafür sind vielfältig. Eine Umfrage zeigte, dass viele eben doch (noch) aufs eigene Auto setzen, auch die unbestimmte Wartezeit schreckt viele ab, und die Rückfahrt ist nicht gesichert. Um zumindest etwas gegen die Anonymität zu tun, wurden in Neunkirchen 80 mitnahmebereite Autofahrer registriert. Ein Ausweis hinter der Windschutzscheibe zeigt den potenziellen Mitfahrern, dass der Pkw offiziell angemeldet ist. Auch die Angst vor den Folgen eines möglichen Unfalls haben die Organisatoren der Mitfahrerbänke bedacht - falls die Kfz-Versicherung, die Unfall- oder Haftpflichtversicherung für Schäden nicht aufkommt, springt in jedem Fall die staatliche Ehrenamtsversicherung des Saarlandes ein. Doch auch solche Garantien haben die Nutzung der Mitfahrerbänke nicht richtig angekurbelt. Zumindest einen langfristigen Effekt haben sie, sagt Ufer: "Durch das Mitnehmen haben sich regelmäßige Fahrgemeinschaften gebildet - man spricht sich ab, wenn man beispielsweise in Frankenholz einkaufen will."

Frankenholz ist das zwei Kilometer entfernte Nachbardorf - und auch dort zeigt sich, woran es im ländlichen Raum oft mangelt: an einem funktionierenden öffentlichen Nahverkehr. Frankenholz gehört zur Stadt Bexbach im benachbarten Saarpfalz-Kreis. Dorthin gibt es von Münchwies aus keinen Bus, "beide Landkreise haben kein Interesse, einen öffentlichen Nahverkehr über die Kreisgrenzen hinweg zu subventionieren", sagt Ufer. Für die Kommunen sei es günstiger, ein paar Mitfahrerbänke aufzustellen. Mehr als 50 Exemplare gibt es davon im ganzen Saarland. Kritiker vermuten: Mehr als eine Alibi-Funktion für eine verkorkste Verkehrspolitik haben die Mitfahrerbänke vielerorts nicht.

© SZ/mai
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