Neue Schiffsantriebe:Kreuzfahrten ohne Rauchsäule

Lesezeit: 3 min

Neue Schiffsantriebe: Die "Costa Toscana" auf der Meyer-Turku-Werft in Finnland: Der Flüssiggas-Antrieb soll die Umwelt entlasten.

Die "Costa Toscana" auf der Meyer-Turku-Werft in Finnland: Der Flüssiggas-Antrieb soll die Umwelt entlasten.

(Foto: Meyer Werft/Lavea Media)

Michael Thamm, Chef der Reederei Costa Crociere, über den Weg der Branche zur Klimaneutralität und was das für die Kunden bedeutet.

Interview von Ingrid Brunner

337 Meter Länge sind für ein Kreuzfahrtschiff nicht außergewöhnlich, der Antrieb mit flüssigem Erdgas (LNG, englisch liquified natural gas) ist es dagegen schon. Anfang Dezember übergab die Meyer-Turku-Werft in Finnland den Neubau Costa Toscana an die Reederei. Michael Thamm, Chef der Costa-Gruppe, zu der auch Aida gehört, erklärt, wie die Kreuzfahrtbranche mittelfristig klimaneutral werden will.

SZ: Herr Thamm, der gesamte Mittelmeerraum soll zur Umweltzone werden. Wie werden die Schiffe entsprechend sauber?

Michael Thamm: Die Costa Toscana ist ein LNG-Schiff und fährt komplett ohne Schwefelemissionen. Schon vor mehr als zehn Jahren hat sich die Costa-Gruppe als erste Kreuzfahrtreederei weltweit für den Bau von LNG-Schiffen entschieden.

Die Costa Toscana ist das zweite LNG-Schiff bei Costa. Bei Aida stößt 2022 ebenfalls ein zweites LNG-Schiff zur Flotte. Klimaschützer beklagen, dass auch LNG ein fossiler Brennstoff ist. Läuft die Branche der Entwicklung hinterher?

LNG ist eine Brückentechnologie, aber es ist die derzeit modernste und sauberste Technik, die verfügbar ist. Bei der Verbrennung entstehen keine Schwefeldioxide, kein Feinstaub, keine Rußpartikel, deutlich weniger Stickoxide und mehr als 20 Prozent weniger CO₂. Das ist ein Fortschritt. Gleichzeitig beschäftigen wir uns intensiv mit nichtfossilen Treibstoffen.

Kreuzfahrtschiffe stoßen weiterhin klimaschädliches Kohlendioxid aus.

Stimmt, aber wir reduzieren es immerhin schon deutlich. Unser Weg zur grünen Kreuzfahrt hat erst begonnen. Um das Ziel zu erreichen, wird es wohl nicht die eine Technologie geben. Wir arbeiten an Lösungen mit Brennstoffzellen, mit großen Batteriesystemen und alternativen Brennstoffen. Und in dem Moment, in dem wir Zugang zu alternativen Brennstoffen in ausreichenden Mengen haben, verwenden wir sie auch. Die Schiffe der XL-Klasse, zu der auch die Costa Toscana gehört, können zukünftig auch mit nichtfossilen Brennstoffen fahren.

Neue Schiffsantriebe: Michael Thamm, Chef der Costa-Gruppe, zu der auch Aida Cruises gehört.

Michael Thamm, Chef der Costa-Gruppe, zu der auch Aida Cruises gehört.

(Foto: Christian Charisius/picture alliance/dpa)

Momentan sind alternative Brennstoffe nur in winzigen Mengen verfügbar, und ihre Energieeffizienz ist ungenügend.

Das ist richtig. In diesem Bereich wird in den nächsten Jahren noch viel passieren. Gleichzeitig beginnen wir mit der Installation von Batteriesystemen an Bord unserer Schiffe und treiben den Ausbau von Landstromanlagen in unseren wichtigsten Häfen voran.

Obwohl diese Batterien riesig sind, ist ihr Energievorrat relativ gering.

Die Batterie reicht ungefähr zwei Stunden, damit kann man emissionsfrei in Häfen einlaufen und anlegen, oder auch in einen Fjord einlaufen. Mit der Landstromanlage werden die Batterien im Hafen mit grüner Energie wieder aufgeladen und für das Auslaufen genutzt. Das ist der aktuelle Stand, aber die Entwicklung geht weiter. Zudem arbeiten wir an Brennstoffzellen. Nächstes Jahr sollen Brennstoffzellen auf der Aida Nova installiert werden. Wir wollen aus dem Betrieb lernen und diese Technologie weiterentwickeln, um sie serientauglich zu machen.

Schlägt die Preisexplosion bei Erdgas auf die Kreuzfahrtpreise durch?

Natürlich sind die gestiegenen Treibstoffpreise ein Problem für uns, wie auch für jeden Verbraucher. Wir haben uns für die LNG-Technologie aus Umweltgründen entschieden und ziehen das unabhängig von den Treibstoffpreisen durch.

Die Kreuzfahrtindustrie hat branchenübergreifend das Jahr 2030 als Zielmarke für das erste klimaneutrale Kreuzfahrtschiff ausgegeben. Ist die Costa-Gruppe dabei?

Unser Plan ist, 2030 das erste klimaneutrale Schiff in Betrieb zu nehmen. Bis 2040 soll die gesamte Flotte der Costa Group emissionsfrei unterwegs sein.

Haben Sie je um staatliche Subventionen nachgesucht?

Ich glaube nicht an Subventionen. Ich sähe es lieber, wenn wir die Bedeutung der Kreuzfahrtbranche für unser Land in der Regierung besser platzieren könnten.

Ist die neue Regierung da eher Anlass zu Hoffnung oder zu Sorge?

Ich bin froh, dass es diese neue Regierung gibt. Wir haben mit der Drei-Parteien-Koalition unter Beteiligung der Grünen in Schleswig-Holstein gute Erfahrungen gemacht. In einem gemeinsamen Public-Private-Partnership-Projekt haben wir es geschafft, eine Landstromanlage in Kiel zu errichten und diese auch konsequent zu nutzen. Aber wir sehen durchaus weitere Möglichkeiten, wie wir aus Deutschland heraus eine ganze Branche auf einen nachhaltigen Entwicklungskurs bringen können.

Welche denn zum Beispiel?

Im Jahr 2018 haben wir 0,1 Prozent des Bruttosozialprodukts in Deutschland erwirtschaftet. Costa und Aida stehen für 60 Prozent des deutschen Kreuzfahrtmarktes. Wir haben in unserem Unternehmen Verantwortung für 30 000 Mitarbeiter. In Tourismus und maritimer Wirtschaft können wir unter Beweis stellen, dass ein Unternehmen mit einer grünen Agenda Geld verdienen und ein attraktiver Arbeitgeber sein kann.

Deutschland ist keine Seefahrer-Nation.

Das sehen wir nicht so. Hamburg ist einer der führenden maritimen Standorte weltweit. Von hier aus betreiben wir die größte Kreuzfahrtflotte Europas. Wir hoffen, dass unsere neue Regierung den Wert der Kreuzfahrtindustrie für unser Land versteht. In Italien weiß man, wie wichtig die Branche ist und wie viele Arbeitsplätze an diesem Tourismus-Segment hängen.

Wie viel hat die Costa Toscana eigentlich gekostet?

Mehr als eine Milliarde Euro.

Hat das Unternehmen diese riesige Summe nicht überfordert?

Für uns sind die Investitionen in die vier LNG-Schiffe auch ein Ausdruck dessen, dass wir für unser Unternehmen mit seinen Mitarbeitern eine gute langfristige Zukunft sehen. Schließlich wird die Costa Toscana mehrere Jahrzehnte für unser Unternehmen auf den Weltmeeren unterwegs sein.

Zur SZ-Startseite
Coronavirus - Argentinien

Corona und Schiffsreisen
:Wie geht es weiter mit den Kreuzfahrten?

Testvorschriften werden verschärft und Routen geändert: Was Omikron für die Branche bedeuten könnte.

Lesen Sie mehr zum Thema