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Ineos Automotive:Ein Chemiekonzern will Autos bauen

Land Rover Defender in Afrika

Berühmtes Vorbild: der Land Rover Defender. Ineos Automotive will im Jahr 2020 einen ähnlichen Geländewagen auf den Markt bringen.

(Foto: dpa)
  • Der britische Chemiekonzern Ineos strebt den Bau eines Autos an.
  • Dabei soll es sich um einen robusten Geländewagen nach Vorbild des Land Rover Defenders oder Toyota Landcruisers handeln.
  • Ineos plant die Produktion von 20 000 Exemplaren des Offroaders, der einen Hybridantrieb erhalten soll.

Von Björn Finke, London

Dirk Heilmann ist Ingenieur. Für seinen Arbeitgeber Ineos, einen der größten Chemiekonzerne der Welt, hat er den Bau teurer, aufwendiger Anlagen verantwortet. "In der Autoindustrie habe ich aber keine Erfahrung", sagt der 43-Jährige. Dennoch ist er nun Vorstandsvorsitzender eines Autoherstellers: von Ineos Automotive. Das Chemie-Unternehmen, das in London sitzt und in Köln ein großes Werk betreibt, hat eine Tochterfirma gegründet, die im Jahr 2020 ein Auto auf den Markt bringen soll - und nicht irgendein Fahrzeug, sondern einen Geländewagen, der sich an einem berühmten Vorbild orientiert: dem Land Rover Defender.

Der Defender hat viele Fans; sie schätzen das klobige Fahrzeug, weil es so schlicht und unmodern daherkommt und selbst schwierigstes Gelände meistert. Trotzdem stellte Jaguar Land Rover (JLR) die Fertigung im Januar 2016 ein, nach 68 Jahren. Das alte Modell konnte die schärferen Umweltstandards nicht länger erfüllen. Erst 2019 wird der englische Hersteller, heute Teil des Tata-Konzerns aus Indien, einen grundüberholten Nachfolger anbieten.

Zur Defender-Fan-Gemeinde gehört auch Jim Ratcliffe, Chef und Mehrheitseigner von Ineos. Seine Trauerarbeit nach dem Aus für das Kultauto war allerdings sehr speziell: Der britische Milliardär beschloss, einfach selbst einen ebenso simplen wie robusten Geländewagen bauen zu lassen - mehr Traktor, weniger SUV, wie die Pseudo-Geländefahrzeuge heißen, die durch die Innenstädte rollen. Und deshalb gründete sein Chemiekonzern die Autotochter.

Die Gesellschaft, die Ineos-Ingenieur Heilmann führt, investiert einen hohen dreistelligen Millionenbetrag in das Vorhaben. Der neue Autohersteller, für den die Manager noch einen hübschen Markennamen finden müssen, soll mehr als 20 000 Geländewagen im Jahr verkaufen. Und Gewinn erzielen: "Wir betreiben das Projekt aus Passion, doch es muss sich am Ende rechnen", sagt der Deutsche.

"Ein robustes Nutzfahrzeug, keinen SUV"

Die Konkurrenz durch den überarbeiteten Defender, den JLR auf den Markt bringen wird, fürchtet er nicht: Das Modell von Ineos orientiere sich am "ursprünglichen Defender oder am Toyota Landcruiser" der Siebzigerjahre. "Wir planen ganz klar ein robustes Nutzfahrzeug für den Einsatz im Gelände, keinen SUV", sagt er. "Fahrer bekommen hier keinen Luxus und unnötige elektronische Spielereien, die auf Kosten der Zuverlässigkeit gehen."

Bei aller Liebe zur Einfachheit und Nostalgie soll der Wagen aber heutige Umweltstandards erfüllen. Er könnte daher einen Hybridantrieb haben, also einen Elektro- und einen Verbrennungsmotor. Zunächst muss Heilmann jedoch entscheiden, wo er die Fabrik errichtet - und wie groß diese ausfällt. Die Frage sei, welche Produktionsschritte er an Auftragsfertiger auslagern könne, sagt der Chef. "Presswerk, Montage, Lackiererei: Nicht alles müssen wir selbst neu aufbauen. Es gibt in Europa genügend freie Kapazitäten." Die Montage solle im industriell geprägten Norden Englands erfolgen - "das ist unser Wunsch", sagt Heilmann. "Aber wir machen das nicht um jeden Preis. Um zu entscheiden, wo das Auto gebaut wird, muss ich auch auf den Taschenrechner auf meinem Schreibtisch schauen."

Es gelte, die Vor- und Nachteile verschiedener Standorte abzuwägen, sagt er. "Wichtig ist zudem, welche Folgen der Brexit für britische Autowerke haben wird." Bis zu einem Beschluss warte er erst einmal ab, wie sich die Gespräche zwischen London und Brüssel über ein Freihandelsabkommen für die Zeit nach dem EU-Austritt 2019 entwickeln.

Dass Ineos noch nie Fahrzeuge gebaut hat, sei kein Problem, sagt der Manager. Der Konzern habe viel Erfahrung damit, Großanlagen zu betreiben - "das sind gute Voraussetzungen", sagt Heilmann. "Bei Elon Musk fragt ja auch niemand ständig, ob er vor dem Einstieg bei Tesla Autoerfahrung hatte."

© SZ vom 07.04.2017/harl

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