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Gefangenentransporte:Der "Verschub" läuft nach strengen Vorgaben

Damit nichts schiefgeht, läuft der "Verschub", wie der Gefangenentransport im Amtsdeutsch heißt, nach strengen Vorgaben. Lange bevor die Häftlinge an Bord gehen, prüfen Beamte ihre Akten: Leiden sie unter Krankheiten, die unterwegs zum Problem werden könnten? Sind sie schon mal wegen Gewalt aufgefallen? Oder gehören sie womöglich der organisierten Kriminalität an? "Wir überlassen nichts dem Zufall", sagt Rolf Silwedel, der Leiter der JVA Hamm. "Im Zweifel verschieben wir bestimmte Gefangene lieber einzeln." Die eiserne Regel jedes Transportes: Nie stoppen. Denn sobald der Bus steht, ist er verwundbar - Einzelzellen hin oder her.

Am meisten graut es den Justizvollzugsbeamten vor unerwarteten Ereignissen, vor Umleitungen, Pannen, Unfällen oder Streckensperrungen. Alles, was das akribisch getaktete System durcheinanderbringt, macht die rollenden Festungen angreifbar, zumal längst nicht alle mit kugelsicheren Scheiben ausgestattet sind. Doch es gibt auch ganz lapidare Probleme: Was, wenn ein Transport im Stau steht? Wenn die Passagiere hungrig werden oder auf Toilette müssen? "Ein Gefangener kann in Handschellen schlecht eine Currywurst an der Raststätte bestellen", sagt Silwedel. Zwar sei Wasser grundsätzlich an Bord. Aber gerade bei längeren Standzeiten, werde es kritisch. "Jeder Stau bringt das System durcheinander", sagt der JVA-Leiter.

Wie das enden kann, zeigte sich im Dezember 2010. Durch einen verunglückten Lkw war die A2 bei Helmstedt stundenlang blockiert; ein Schneesturm verzögerte die Bergung. Mittendrin: ein Gefangenbus mit sieben Insassen, die allmählich unruhig wurden. Als kein Ende des Staus absehbar war, riefen die Behörden den Notfallplan aus. Sondereinsatzkräfte der Polizei rückten an und schafften einen Gefangenen nach dem anderen in Kleintransportern weg - ein enormer Aufwand. Und ein wunder Punkt. "Wir sprechen hier über einen gefährlichen Job", sagt René Müller, Vorsitzender des Bundes der Strafvollzugsbeamten. "Schon ein normaler Busfahrer hat eine große Verantwortung gegenüber seinen Passagieren. Hier geht es aber zusätzlich um Schwerverbrecher, von denen einige nichts mehr zu verlieren haben."

Zurück zur Linie U70. Als der Bus die Ausfahrt Gütersloh passiert, bemerkt Transportleiter Walzcak einen seltsamen Geruch. Feuer? Zigarettenrauch? Oder nur ein Duft von draußen? Zur Sicherheit geht er nach hinten, öffnet die Gucklöcher der Zellen. "Hast Du geraucht?", fragt er einen Mann im hinteren Trakt. Keine Antwort. "Ob Du geraucht hast?" Starrer Blick, Schulterzucken. Eine Zigarette ist nicht zu sehen, der Mann hinter der Tür schaut gelangweilt nach draußen. Für Walzcak ist die Sache damit erledigt. In seiner 30-jährigen Dienstzeit hat der Justizvollzugsbeamte schon weit Schlimmeres gesehen. Einmal musste er den Notarzt rufen, weil ein Häftling während der Fahrt zusammengebrochen war. Auch Schlägereien sind in den engen Zellen schon ausgebrochen.

Das Chassis des Spezialbusses kostet etwa 500 000 Euro. Der Umbau noch einmal so viel

Damit die Transporte heil am Ziel ankommen, ist das Verschub-System genau durchgeplant. Jedes Bundesland stellt eigene Bedingungen an seine Gefangenenbusse: Schiebetüren oder Scharniere? Einzelzellen oder Gruppenräume? Panzerglas oder normale Fenster? "Am Ende ist das natürlich eine Preisfrage", sagt Detlef Fahr, Verkaufsleiter beim Fahrzeugbau-Unternehmen Friederichs in Frankfurt. Der mittelständische Betrieb panzert so ziemlich alles - vom Geldtransporter bis zum Luxus-Sprinter des russischen Präsidenten. Etwa zehn Prozent ihres Umsatzes macht die Firma mit Gefangenentransportern. "Die Busse kommen nur mit Fahrersitz und Holzboden bei uns an", sagt Fahr. Alles andere erledigen wir." Etwa 500 000 Euro koste das reine Chassis, der Umbau mindestens noch einmal so viel.

"Das ist ein hartes Geschäft", sagt Fahr. "Wir gewinnen vielleicht jede dritte Ausschreibung." Hauptkonkurrent Volvo, der bei einem finnischen Zulieferer produzieren lässt, sieht das ähnlich: Manchmal gebe es nur drei Aufträge pro Jahr, ein anderes Mal acht oder neun. Einig sind sich beide Firmen darin, dass die Wünsche der Kunden stark variieren - nicht nur von Bundesland zu Bundesland, sondern auch von JVA zu JVA. Bislang scheinen die unterschiedlichen Konzepte aber zu funktionieren: Erfolgreiche Fluchtversuche oder Überfälle hat es nach Angaben der Landesjustizministerien schon lange nicht mehr gegeben. Getürkte Polizeikontrollen oder Befreiungsaktionen mit Panzerfäusten kennen die Beamten nur aus dem Kino. "Zum Glück", meint Walzcak. "Aufpassen müssen wir natürlich trotzdem."

Kurz vor der Autobahn-Abfahrt rast ein Audi A6 hupend am U70-Bus vorbei. Kurz zucken die Beamten zusammen, alle Blicke richten sich auf das schwarze Auto. Schließlich löst Walzcak die Anspannung: "Den Fahrer kenn' ich doch", sagt er. "Ich glaub', den hatte ich schon mal an Bord."