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Elektroautos bei Daimler:Daimler plant eigene Marke für Elektroautos

CDU-Wirtschaftstag mit Dieter Zetsche

Dieter Zetsche will bei Daimler eine Zeitenwende einleiten.

(Foto: dpa)
  • Daimler will eine eigene Marke für Elektrofahrzeuge gründen.
  • Im nächsten Jahr soll auf dem Pariser Autosalon ein Fahrzeug mit einer elektrischen Reichweite von 500 Kilometern vorstellen, das ab 2017 verkauft wird.

Von Cerstin Gammelin, Berlin

Später Dienstagabend, im feinen Hotel Maritim in Berlin. Auf der Bühne steht Dieter Zetsche, ein paar Meter neben ihm auf dem Podium sitzt Angela Merkel, vor ihm im Saal mehrere Hundert christdemokratische Unternehmer. Der Vorstandschef des Autobauers Daimler hat sich das illustre Publikum ausgesucht, um anzukündigen, dass bei Daimler nichts bleiben wird, wie es war. "Daimler wird sich in den nächsten zehn Jahren radikal zu einem anderen Unternehmen entwickeln", sagt er. Und schlägt den Bogen vom ersten Auto, dessen Erfindung sich Carl Benz 1886 patentieren ließ, hin zum Angebot, das Daimler zu einem weltweit führenden Mobilitätsanbieter machen soll.

Der Konzern wird zum Dienstleister umgebaut. Fahrzeuge werden nicht nur verkauft, sondern auch vermietet und geteilt. Sie werden autonom fahren, emissionsfrei und mit alternativen Antrieben und den Kunden vor allem eines bringen: Zeit. Genauer gesagt Zeit, in der sie etwas anderes tun können. "Der fundamentale Wandel läuft bereits", verweist Zetsche auf aktuelle Zahlen. Mit zwei Millionen Fahrzeugen sei sein Konzern der weltweit größte Carsharing-Anbieter.

Es ist kein Zufall, dass der Konzernchef seinen Plan am Abend des Wirtschaftstages der CDU präsentiert. Merkel sitzt da und hört zu. Nach ihm wird sie über die Zukunft reden. In der soll die Autoindustrie vorkommen. Mit Daimler. Zetsche braucht politische Unterstützung für den Wandel, und er holt die Kanzlerin dort ab, wo sie selbst die Zukunft sieht: bei digitalen, emissionsfreien Produkten.

Elektroautomarke von Daimler

Zetsche will eine eigene Submarke für Elektrofahrzeuge aufbauen. In Berlin lässt er ein riesiges Foto an die Wand werfen, es zeigt ein mit roten Tüchern verhülltes Fahrzeug. Er dürfe noch nicht die Tücher lüften, sagt der Vorstandschef. Und bemüht Humphrey Bogart aus dem berühmten Film Casablanca: "Uns bleibt immer noch Paris". Auf dem Autosalon in Paris Ende September wird Daimler das erste E-Auto mit 500 Kilometer Reichweite vorstellen. Es soll schon im kommenden Jahr am Markt verkauft werden können. Zetsche macht klar: Daimler will dem kalifornischen Konkurrenten Tesla nicht die Kundschaft überlassen. Im Jahr 2017 will Daimler zehn Hybride im Angebot haben. Bis 2020 sollen mehrere E-Modelle folgen. Das Angebot werde "jährlich sechsstellig wachsen", sagte Zetsche. Und: Daimler werde einen erheblichen Teil des für Forschung und Entwicklung vorgesehenen Geldes in eben diese neuen Technologien investieren.

Die Vergangenheit hat Zetsche in Berlin schon abgehakt. Dass der Strategieschwenk vom Verbrennungsmotor hin zu alternativen Antrieben das Ergebnis der längst nicht ausgestandenen Diesel-Betrugsaffäre ist, erwähnt er nicht. Das Wort Diesel kommt nicht mehr vor. Der Daimler-Chef schaut nach vorn, lässt den Wandel durch riesige Bilder illustrieren. Er zeigt die neue E-Klasse, deren Fahrzeuge in Nevada serienmäßig als autonom fahrende Version getestet werden. Und die Kunden in Italien schon bei Amazon bestellen können. Und das Forschungsfahrzeug F015, das ähnlich wie Google-Fahrzeuge nur alle paar Tausend Kilometer technische Eingriffe nötig hat. Als die Bundeskanzlerin schon merklich unruhig wird, kommt Zetsche zum Finale. Er dankt Merkel freundlich für die E-Auto-Prämie, die sie gegen den Widerstand der CDU-Fraktion durchgesetzt hat. Ein enger Schulterschluss zwischen Politik und Herstellern sei "für den Erfolg unerlässlich".

Merkel vollzieht den Schulterschluss später verbal. Sie wirbt für den digitalen Wandel. Sie kündigt an, weiter dafür zu sorgen, dass Unternehmen in Deutschland forschen und entwickeln können. Als Kanzlerin liege es ihr besonders am Herzen, die Innovationskraft zu fördern, das sehe sie wie Herr Zetsche. "Wir haben alle Hände voll zu tun", sagt sie noch. Was so klingt, als seien sich Zetsche und Merkel mindestens in einem Punkt einig. Die Zeitenwende trifft nicht nur Daimler, sie trifft das ganze Land.

© SZ vom 23.06.2016/reek

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