Umweltbonus:Warum uns E-Autos suspekt sind

BMW i3

Fährt sich wie ein normales Auto, ist nur flotter im Antritt und wegen des fehlenden Motorlärms komfortabler: der BMW i3.

(Foto: BMW)

Es gibt viele Gründe, warum sich Elektroautos nicht verkaufen. Der wichtigste aber ist: Die meisten von uns sind noch nie eines gefahren.

Von Felix Reek

Meine älteste Erinnerung an das Brummen und Dröhnen von Automotoren ist eine Tonbandaufnahme. Mein Vater spielte sie mir vor. Ich muss vielleicht fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein. Jedes Jahr fuhr er zum Formel-1-Rennen nach Monte Carlo. Und nahm die Geräusche der Rennwagen im Training auf. Woooooaaaaar. Wrooooooom. Roooooaaaaaar. Ohrenbetäubend. Als Kind saß ich nur ungläubig vor den Boxen der Stereoanlage. Was für ein Lärm! Wie er das riesige Tonbandgerät dorthin bekommen hat, ist mir bis heute ein Rätsel.

Die Sonntage in meiner Kindheit wurden bestimmt vom Rennsport. Formel 1, Tourenwagen, Moto GP, Rallye, alles mit einem leistungsstarken Motor. Begegnete uns ein Sportwagen auf der Straße, rief mein Vater: "Woooaaah"! Fuhr er an einem alten Indian-Chopper auf der Autobahn vorbei, bremste er und fuhr so lange bewundernd neben der Maschine her, bis die Biker als Zeichen der Anerkennung den Daumen hoben.

Ohne Zweifel: Mein Vater ist ein Autonarr. Und mir blieb nichts anderes übrig, als auch einer zu werden. Wenngleich in einer nicht ganz so absoluten Art und Weise.

Für mich sind Autos in erster Linie ästhetische Objekte. Ich würdige sie als schöne Dinge. Wie auch ein Gebäude, ein Gemälde oder ein Smartphone. Ob sie nun ein Zwölfzylinder-Motor laut fauchend antreibt oder ein nicht vernehmbarer Elektromotor, ist mir egal. Meinem Vater nicht. Für ihn besitzt dieses wohlige Brummen einen sentimentalen Wert. Er ist damit aufgewachsen. Es verkörpert für ihn Sicherheit und Leidenschaft zugleich. Er stammt aus einer Generation, die noch selbst an ihren Motoren schraubte. In einem Elektroauto geht das nicht. Weil es keinen Motor im eigentlichen Sinne gibt. Also zumindest mit Kolben, Kurbelwellen und Ventilen. Ein Elektroauto macht nicht einmal Geräusche. Als Fortbewegungsmittel ist es ein abstraktes Wesen.

Wie meinem Vater geht es vielen Autofahrern. Ihnen sind die E-Autos einfach suspekt. Es ist seit Bekanntwerden der Förderung für E-Autos viel die Rede davon, dass es nicht genug Ladestationen gebe, die Anschaffung zu teuer und die Reichweite zu gering sei. Doch das ist nicht alles. Elektroautos als Massenprodukte sind neu. Die meisten von uns haben noch nie in einem gesessen. Wir haben Berührungsängste. Und deswegen sind wir misstrauisch.

Ich kann das nachvollziehen. Das erste Mal in einem Elektro- oder Hybridauto zu sitzen ist eigenartig. In meinem Fall war dies die erste Generation des Toyota Prius. Nachts auf einem Parkplatz in Köln. Das Auto kombiniert einen Elektro- mit einem Benzinmotor. Ich startete - und hörte nichts. Ein, zwei, dreimal. Und bevor mich die Wache des Testwagenparkplatzes schräg anschauen konnte, bemerkte ich: Der Prius lief schon längst. Ein Elektromotor macht eben keine Geräusche.

In den vergangenen Jahren lernte ich E-Autos durchaus schätzen. Es gibt keine Abgase. Die lästigen Besuche an der Tankstelle entfallen. Die absolute Stille bis auf das Abrollen der Räder ist geradezu wohltuend im Straßenverkehr. Wenn nur alle Autos so leise wären! Stellen Sie sich das einmal vor: Ein Feierabendstau, der keinen Krach macht. Man fühlt sich direkt nur noch halb so gestresst. Das Elektroauto könnte das bessere Auto sein. Vernünftiger, umweltfreundlicher.

Doch mit Vernunft kommt man bei Autos nicht weit. Wir wollen, dass es dröhnt und brodelt. Sonst ist der vielbeschworene Fahrspaß dahin, oder?

Natürlich ist er das nicht. Durch die verlustfreie Umsetzung der Energie auf die Straße beschleunigen Elektroautos sogar besser als Diesel oder Benziner. Wer einmal in einem Tesla Gas gegeben hat, weiß wovon ich spreche. Selbst ein BMW i3 schießt in einem Tempo voran, von dem die meisten sportlichen Limousinen nur träumen können.

Darüber zu lesen, ist aber natürlich etwas anderes, als es selbst zu erleben. Bei gerade einmal 25 000 Elektroautos in Deutschland ist die Anzahl derer, die diese Erfahrung machen konnten, gering. Auch meinem Vater geht es so. Also habe ich ihm angeboten, doch mal einen Test zusammen mit mir zu machen. Motoren-Nostalgiker trifft auf Elektroauto. Er war begeistert. Doch schon im nächsten Satz sagte er: "Und wenn du das nächste Mal kommst, bring' doch mal eine AC Cobra mit. DAS ist ein Auto! Eine sieben-Liter-Maschine, 425 PS, einfach nur vier Reifen und ein Motor." Es wird ein langer Weg bis zur Elektromobilität.

© SZ.de/harl/sekr
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