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Daimler und MV Agusta:Kurze Zeit gehörte die Firma zu Harley-Davidson. Doch das ging schief

MV Agusta, darauf legen mit den Verhandlungen vertraute Kreise Wert, ist kein Sanierungsfall. Im Gegenteil: Der Motorradbauer wolle sein Geschäft ausbauen und den Umsatz in den nächsten Jahren auf 200 Millionen Euro verdoppeln. In diesem Jahr sollen an die 9500 der Edel-Motorräder verkauft werden. Für all das braucht der Hersteller Geld.

In einem Interview mit der SZ im vergangenen Jahr hatte Agusta-Chef Giovanni Castiglioni gesagt, er könne sich einen Börsengang vorstellen. "Mit den Einnahmen wären wir dann in der Lage, die weitere Expansion von Agusta selbst zu finanzieren."

Nun also wählt man einen anderen Weg.

Wenn Daimler in den nächsten Tagen seinen Einstieg in Norditalien besiegeln sollte, wäre damit auch ein langfristiger Finanzplan beschlossen. Der Autobauer hat dem Vernehmen nach die Option, seine Anteile weiter aufzustocken - und müsste dann im Gegenzug den weiteren Ausbau des Agusta-Geschäfts finanzieren.

Geschichte wiederholt sich

In Italien erhofft man sich von dem Schulterschluss mit den Deutschen einen Internationalisierungsschub: Unter anderem könne man künftig auf das Vertriebsnetz von Daimler vor allem in den USA und in Asien zurückgreifen.

Wieder ein traditionsreicher italienischer Motorradhersteller, und wieder ein deutscher Premiumautobauer - Geschichte wiederholt sich. Dabei hat der alte Familienbetrieb vom Lago di Varese eine sehr bewegte Geschichte. In den 1920er Jahren aus dem italienischen Flugzeughersteller Agusta entstanden, kamen Ende der 70er Jahre erste finanzielle Probleme. 1992 wurde MV Agusta von den Castiglionis gekauft. 2008 dann, es war mitten in der Zweiradkrise, ging die Firma an den US-Hersteller Harley-Davidson. Dann ging den Amerikanern die Puste aus. Zwei Jahre, nachdem aus MV Agusta ein italo-amerikanisches Unternehmen geworden war, kamen die Castiglionis zurück, kauften - und machten wieder alleine weiter.

Nun also wird bald wohl Daimler hinter dem Motorradhersteller stehen, der Modelle baut, die "Brutale" heißen oder "Rivale". Interessant wohl für Daimler, gut auch für MV Agusta. Der italienische Motorradmarkt mit seinen großen, selbständigen Marken aber verliert immer mehr an Selbständigkeit. Moto Guzzi, Aprilia, Gilera, Vespa - alles Marken, die heute zu Piaggio gehören. Ducati ist ein Außenposten von Ingolstadt, und MV Agusta, nun ja, könnte bald schwäbisch sein.

© SZ vom 21.10.2014/harl
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