Süddeutsche Zeitung

Daimler und MV Agusta:Italienische Reize

Die italienische Motorradmarke MV Agusta baut Modelle, die "Brutale" heißen oder "Rivale". Jetzt plant Daimler eine Teilübernahme des Familienunternehmens. Und die könnte sich für beide Seiten lohnen.

Von Thomas Fromm

Als die Volkswagen-Tochter Audi im Frühjahr 2012 nach den schnellen Roten griff, fragten viele: Warum zum Teufel kaufen die jetzt auch noch Ducati, die noble Motorradmarke? In Ingolstadt wusste man natürlich, dass solche Nachfragen kommen würden, also hatte man die Antwort schon parat: Man passe eben "hervorragend zusammen". Beide sportlich, beide Premium. Ducati, das waren auch potente Motoren, Expertise im Leichtbau, Italo-Design. Man könnte sagen: Das allein sind schon ganz gute Gründe.

Andererseits: Es gibt immer noch viele in der Branche, die sagen, dass die Ducati-Nummer von damals vor allem eines gewesen sei: das Capriccio eines alten Mannes. VW-Patriarch Ferdinand Piëch habe sich einfach einen alten Traum erfüllt und mal eben für eine Hand voll Euro Ducati ins Wolfsburger Reich geholt.

In Stuttgart hat man sich das damals wohl genau angeschaut. Offenbar fand man den Zug der Konkurrenz ganz schick, denn vor einiger Zeit ging es dann los: Daimler begann, mit dem Ducati-Rivalen MV Agusta aus dem norditalienischen Varese über eine Millionen-Beteiligung zu verhandeln. Kann ja vielleicht doch nicht schaden, so eine edle Motorrad-Tochter in Italien zu haben. Technologisch ist es interessant. Und gut für's Image sowieso.

Nur wenige ungeklärte Fragen

Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung stehen die Verhandlungen nun kurz vor dem Abschluss - und Daimler vor dem Einstieg bei MV Agusta. "Die Verhandlungspartner sind sich in den meisten Punkten einig, wir rechnen damit, dass der Deal in Kürze unter Dach und Fach ist", heißt es aus Mailänder Finanzkreisen. Die Chancen stünden derzeit "bei 90 Prozent, dass es klappt". Man rechne damit, dass der Deal schon Ende nächster Woche unterzeichnet werden könnte. Zu den bislang ungeklärten Fragen gehöre, ob man seine Pressekonferenz dann in Italien oder Deutschland abhalten werde.

Das allein zeigt wohl: Es scheint sonst keine großen Probleme mehr zu geben. Bei Daimler wollte man sich auf Anfrage nicht äußern.

Die Details sehen so aus: Die Stuttgarter wollen über ihre Sportwagen-Tochter AMG zunächst einen Anteil von rund 25 Prozent an der Motorradschmiede erwerben, die Rede ist von einer Investition in Höhe von rund 30 Millionen Euro. Offenbar soll aber nur ein Teil davon als Cash der Agusta-Eigentümerfamilie Castiglioni zufließen. Der Rest der Millionenüberweisung aus Stuttgart soll direkt für Investitionen - zum Beispiel ins Marketing - geleitet werden.

Kurze Zeit gehörte die Firma zu Harley-Davidson. Doch das ging schief

MV Agusta, darauf legen mit den Verhandlungen vertraute Kreise Wert, ist kein Sanierungsfall. Im Gegenteil: Der Motorradbauer wolle sein Geschäft ausbauen und den Umsatz in den nächsten Jahren auf 200 Millionen Euro verdoppeln. In diesem Jahr sollen an die 9500 der Edel-Motorräder verkauft werden. Für all das braucht der Hersteller Geld.

In einem Interview mit der SZ im vergangenen Jahr hatte Agusta-Chef Giovanni Castiglioni gesagt, er könne sich einen Börsengang vorstellen. "Mit den Einnahmen wären wir dann in der Lage, die weitere Expansion von Agusta selbst zu finanzieren."

Nun also wählt man einen anderen Weg.

Wenn Daimler in den nächsten Tagen seinen Einstieg in Norditalien besiegeln sollte, wäre damit auch ein langfristiger Finanzplan beschlossen. Der Autobauer hat dem Vernehmen nach die Option, seine Anteile weiter aufzustocken - und müsste dann im Gegenzug den weiteren Ausbau des Agusta-Geschäfts finanzieren.

Geschichte wiederholt sich

In Italien erhofft man sich von dem Schulterschluss mit den Deutschen einen Internationalisierungsschub: Unter anderem könne man künftig auf das Vertriebsnetz von Daimler vor allem in den USA und in Asien zurückgreifen.

Wieder ein traditionsreicher italienischer Motorradhersteller, und wieder ein deutscher Premiumautobauer - Geschichte wiederholt sich. Dabei hat der alte Familienbetrieb vom Lago di Varese eine sehr bewegte Geschichte. In den 1920er Jahren aus dem italienischen Flugzeughersteller Agusta entstanden, kamen Ende der 70er Jahre erste finanzielle Probleme. 1992 wurde MV Agusta von den Castiglionis gekauft. 2008 dann, es war mitten in der Zweiradkrise, ging die Firma an den US-Hersteller Harley-Davidson. Dann ging den Amerikanern die Puste aus. Zwei Jahre, nachdem aus MV Agusta ein italo-amerikanisches Unternehmen geworden war, kamen die Castiglionis zurück, kauften - und machten wieder alleine weiter.

Nun also wird bald wohl Daimler hinter dem Motorradhersteller stehen, der Modelle baut, die "Brutale" heißen oder "Rivale". Interessant wohl für Daimler, gut auch für MV Agusta. Der italienische Motorradmarkt mit seinen großen, selbständigen Marken aber verliert immer mehr an Selbständigkeit. Moto Guzzi, Aprilia, Gilera, Vespa - alles Marken, die heute zu Piaggio gehören. Ducati ist ein Außenposten von Ingolstadt, und MV Agusta, nun ja, könnte bald schwäbisch sein.

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Quelle:
SZ vom 21.10.2014/harl
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