Noch ist auf der Buell-Website die Rede von der bevorstehenden Präsentation des Einzylindermodells Blast, noch wird die Modellpalette 2010 mit markigen Slogans beworben. Tatsächlich aber ist Buell am Ende: In einer Videobotschaft teilt Entwicklungschef Erik Buell den Tränen nahe mit, dass die Muttergesellschaft Harley-Davidson entschieden habe, die Buell-Produktion am Freitag dieser Woche endgültig einzustellen. 26 Jahre nachdem der Rennfahrer und Ingenieur Buell mit dem Bau höchst individueller Motorräder begonnen hatte, geht sein Lebenswerk zu Ende.

Ein harter Schlag für die weltweite Buell-Gemeinde - auch wenn niemand behaupten wird, dass die Geschichte der Buell Motorcycle Company trotz mehr als 135.000 verkaufter Motorräder eine einzige Erfolgsstory gewesen sei. Schließlich hatte sich Erik Buell, inzwischen knapp 60, stets schwergetan, seine oft ungewöhnlichen Ideen durchzusetzen. Denn sein Credo gründet sich auf drei Punkte: "Die Massenzentralisierung, die Massenreduzierung und die Steifigkeit des Rahmens sind die wesentlichen Elemente." Um das zu erreichen, schreckte Buell vor (fast) nichts zurück: So setzte er schon kurz nach der Gründung seines Unternehmens 1983 auf Underengine-Auspuffanlagen; dabei wird der schwere Auspuff unter dem Triebwerk platziert. Lange wurde er dafür belächelt, doch spätestens seit 2006 ist das Konzept allgemein anerkannt und wurde inzwischen von Honda & Co. übernommen.
Aber Erik Buell ging noch weiter. Zur radikalen Gewichtseinsparung entwickelte er das Prinzip der Multifunktionalität von Teilen, so bunkerte er den Sprit im Rahmen und das Motoröl in der Hinterradschwinge. Statt konventioneller Bremsanlagen setzte er auf die Einscheibenbremsanlage fürs Vorderrad, bei der ein Bremssattel von innen her auf eine riesige Bremsscheibe zugreift. Buell: "Geringe ungefederte Massen reduzieren den Fahrwerksverschleiß und machen dich auf der Rennstrecke schnell."
Ein Fan der Rennstrecke war Erik Buell Zeit seines Lebens. Hier hatte seine Ingenieurtätigkeit ihren Ausgangspunkt. Doch eine Reglementsänderung der US-amerikanischen AMA-Serie stoppte 1984 seinen Weg, noch ehe er dessen Richtigkeit wirklich unter Beweis stellen konnte. Danach suchte er nach Möglichkeiten, aus Harley-Davidson-Motorrädern Sportbikes zu machen. Das gelang ihm, indem er die Sportster-Triebwerke gründlich überarbeitete und in eigene Filigran-Rahmen platzierte. Harley-Davidson gefiel das, weshalb sich das Werk zunächst an der Buell Motorcycle Company beteiligte und die Firma 1998 schließlich ganz übernahm. Die Produktionszahlen wuchsen langsam, aber kontinuierlich. Und Buell gelang es sogar, in diesem Jahr den renommierten Titel des Pro Daytona SportBike Champions zu gewinnen.
Was hat nun den Ausschlag für Harley-Davidson gegeben, die Marke Buell mit zuletzt noch 180 Mitarbeitern endgültig sterben zu lassen? Die Mutterfirma selbst ist durch die Wirtschaftskrise zuletzt in ernste Schwierigkeiten geraten. Der Umsatz sank allerdings bereits seit 2007 und ist in den ersten drei Monaten 2009 nochmals um rund ein Viertel zurückgegangen. Der Gewinn pro Aktie ist inzwischen im Cent-Bereich angekommen. In dieser Situation war die traditionsreiche Marke Buell nicht mehr zu halten. Denn die 2007 eingeführte neue 1125er-Baureihe fuhr nach schwachem Start wirtschaftlich gegen die Wand. Die hohen Entwicklungskosten des von Rotax bezogenen Triebwerks belasteten zudem die unschöne Firmenbilanz. Und Buell selbst war nie ein Mann für stromlinienförmige Weichmachermodelle, die möglicherweise eine höhere Kundenakzeptanz erreicht hätten.

So entschloss sich das Harley-Management, die Buell Motorcycle Company zu schließen - "Produktionsschluss am 30. Oktober, am 18. Dezember wird der letzte Buell-Mitarbeiter seinen Arbeitsplatz verlassen haben", heißt es offiziell. Als sei das nicht genug, will Harley obendrein den erst 2008 eingegliederten Hersteller MV Agusta, einen der großen Namen der Motorradgeschichte, wieder verkaufen. Und Erik Buell? "Ich werde meine Fähigkeiten künftig in den Dienst der technischen Weiterentwicklung von Harley-Davidson-Motorrädern stellen", sagt er sichtlich angeschlagen in seiner zweieinhalb Minuten langen Videobotschaft ( www.buell.com).
Es kann aber auch sein, dass er sich ganz zurückzieht. Denn er hat ein Hobby, das er seit fast vier Jahrzehnten ähnlich besessen betreibt wie die Entwicklung seiner Motorräder - Buell ist Rockmusiker. Erst im vergangenen Jahr veröffentlichte er zusammen mit seiner Band The Thunderbolts seine erste CD.