Verkehr Warum es mit den Baustellen noch schlimmer wird

Anpacken, bitte: Allein in Bayern steht mittlerweile für die Sanierung von Fernstraßen und Brücken etwa fünfmal mehr Geld zur Verfügung als noch vor einigen Jahren.

(Foto: Stefan Sauer/dpa)

Autofahrer, Radler, Fußgänger - sie alle klagen über die zahlreichen Baustellen auf den Straßen. Daran wird sich so schnell nichts ändern.

Von Marco Völklein

In Ingolstadt schütteln die Mitarbeiter der Stadtverwaltung oft nur noch mit dem Kopf. Wenn Bauarbeiter eine Straße neu machen und diese deshalb mit Baken und Schildern sperren, wird, kommt es schon mal vor, dass Autofahrer anhalten, aussteigen, die Sperren beiseite räumen - und durch die Baustelle durchfahren. Auch Radfahrer samt Kinderanhänger ignorieren die Schilder. Und beschimpfen zugleich die Leute von der Stadt. "Der Ton", sagt eine Mitarbeiterin, "wird immer aggressiver".

Tatsächlich nerven Baustellen viele Verkehrsteilnehmer. Eine repräsentative Umfrage des ADAC ergab zuletzt, dass knapp 60 Prozent der Befragten Baustellen auf Autobahnen als belastend oder sehr belastend empfanden, innerorts störten sich noch 45 Prozent an Baustellen. 41 Prozent gaben zudem an, dass sie die Verkehrsführung für Radfahrer an vielen Baustellen als unsicher einstufen. Und etwa 60 Prozent der Befragten beklagten, dass es in letzter Zeit schlicht zu viele Baustellen gebe.

Über viele Jahre wurde der Straßenunterhalt vernachlässigt

Die schlechte Nachricht für sie alle ist: Die Situation wird sich in den nächsten Jahren wohl kaum bessern - ganz im Gegenteil. Über Jahre und Jahrzehnte wurde die Straßeninfrastruktur in Deutschland vernachlässigt; weil die öffentliche Hand zu wenig Geld für den Unterhalt von Straßen, Brücken und Tunneln zur Verfügung gestellt hatte, hat sich über die Zeit ein "Sanierungsstau" aufgebaut. Erst seit zwei, drei Jahren haben Politiker auf allen Ebenen (Bund, Länder, Kommunen) erkannt, dass sie gegensteuern müssen. Seither fließt - auch dank der konjunkturell guten Lage und der damit relativ hohen Steuereinnahmen - deutlich mehr Geld in den Straßenunterhalt. Allein in Bayern stehen mittlerweile pro Jahr mehr als 600 Millionen Euro für die Sanierung der Fernstraßen zur Verfügung, sagt Norbert Popp von der Autobahndirektion Nordbayern. Noch vor einigen Jahren hätten die Straßenbauer im Freistaat nur etwa ein Fünftel davon ausgeben können. Popp glaubt (und hofft), dass dieser Trend für mindestens die nächsten fünf Jahren noch anhalten wird.

Die Folge davon spüren die Verkehrsteilnehmer unmittelbar: Baustellen, wohin man schaut. Mal bremst eine Vollsperrung Auto- und Radfahrer sowie Fußgänger aus, mal ist es eine Einbahnregelung oder eine Baustellenampel mit "Wechselverkehrsregelung", wie es bei Fachleuten heißt. Laut der ADAC-Erhebung findet etwa jeder dritte Befragte, dass es zu viele Baustellen gibt und diese wenig koordiniert abgewickelt werden. Jede Straßenbauverwaltung, jede Kommune baue einfach munter drauflos, ohne sich mit den anderen Stellen abzustimmen - das zumindest ist der Eindruck, den viele haben.

"Wir sind ja froh, dass gebaut wird", sagt Jürgen Berlitz vom ADAC. Schließlich werde so der Sanierungsstau aufgelöst, Straßen und Brücken würden für die Zukunft ertüchtigt. "Davon profitieren die Verkehrsteilnehmer." Zugleich fordert der Klub von den Bauverwaltungen aber auch eine bessere Koordination der zahlreichen Baustellen und eine bessere Kommunikation. Baumaßnahmen müssten, findet der ADAC, zum Beispiel über die Medien und über Hinweistafeln am Straßenrand, deutlich früher angekündigt werden als bisher. Auch Wirtschaftsvertreter wie etwa Frederik Hupperts von der IHK in Köln fordern, dass die vielen Baumaßnahmen besser aufeinander abgestimmt werden, auch durch den Einsatz digitaler Lösungen.

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Wenn Autobahnbrücken bei laufenden Verkehr erneuert werden, reißen die Ingenieure normalerweise erst die eine und dann die andere Hälfte ab. Doch bei der Talbrücke Rinsdorf im Siegerland geht das nicht, also musste eine kreative Lösung her.

Das aber sei einfacher gesagt als getan, halten Vertreter von Kommunen und Bauämtern entgegen. Die Planer sehen sich in ein enges Korsett gepresst. Unzählige Regelwerke wie etwa die "Richtlinien für die Sicherung von Arbeitsstellen an Straßen", kurz: RSA, oder die "Arbeitsstättenregeln" (ASR) für Straßenbaustellen schreiben zum Beispiel Mindestabstände zum fließenden Verkehr vor, damit die Bauarbeiter ungefährdet werkeln können. Die trügen ohnehin "jeden Tag ihre Haut zu Markte", wie Popp sagt, immer wieder kommt es zu teils tödlichen Unfällen. Werden die Regeln nicht eingehalten, kann es schon mal sein, dass die Berufsgenossenschaft nach einer Inspektion die Baustelle komplett schließt. Dann zieht sich das Ganze noch weiter in die Länge, die Verkehrsteilnehmer sind noch mehr genervt. "Wir schlängeln uns da irgendwie durch", sagt ein Straßenmeister aus Rosenheim. Niemand plane eine Baustelle, um Autofahrer zu ärgern; mittlerweile nehme die Vorplanung, in der Kompromisse gefunden werden zwischen all den Vorgaben, den bautechnischen Anforderungen und einer für die Verkehrsteilnehmer möglichst schmerzarmen Verkehrsführung, mehr Zeit in Anspruch als der eigentliche Bau. "Am Ende sind wir trotzdem die Bösen." Kollegen aus anderen Regionen berichten, wie sie mit Worten und Gesten beleidigt und mitunter mit Gegenständen beworfen werden.

Hinzu kommt oft ein zeitlicher Druck. Esslingen zum Beispiel steht vor der Mammutaufgabe, drei Flussbrücken sanieren zu müssen - alle drei sind wichtige Verbindungswege in der vom Neckar geteilten Stadt. Deshalb hat sie sich entschieden, ein Bauwerk nach dem anderen anzugehen. Klar belaste das die Bürger, räumt Tiefbauamtsleiter Uwe Heinemann ein. Einen Puffer, um das Ganze zu entzerren, gebe es aber nicht, "wir stecken da in einem ganz, ganz engen Zeitkorsett". Denn das Land Baden-Württemberg hat zwar einen Förderfonds aufgelegt, um die Kommunen bei der Instandsetzung von Brücken zu unterstützen. Um das Geld aber abrufen zu können, müssen alle drei Baumaßnahmen bis Ende 2022 beendet sein. ADAC-Mann Berlitz fordert deshalb von der Politik eine "Verstetigung der Finanzmittel", wie er sagt. Müssten sich die Planer nicht von Jahreshaushalt zu Jahreshaushalt hangeln, wäre mehr Planungssicherheit gegeben. Und das würde nicht nur die Situation in den mittlerweile personell oft ausgedünnten Bauverwaltungen entspannen, sondern auch die Lage auf den Straßen.

Und dann passiere manchmal, wie in Esslingen geschehen, auch noch Unvorhergesehenes: Dort senkte sich ein baufälliger Kanal unter der einzigen großen Zufahrtsstraße zu einem Stadtteil mit 15 000 Einwohnern plötzlich ab. Da könne man noch so sehr versuchen, die einzelnen Baustellen aufeinander abzustimmen, sagt Amtsleiter Heinemann, "wenn die Verkehrssicherheit gefährdet ist, muss ich da was machen". Und zwar umgehend. Abwarten, etwa bis die Brückenbauwerke saniert sind, gehe in einem solchen Fall einfach nicht.

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