Autobahnbrücken Es bröckelt und bröselt auch in Deutschland

Die Rheinbrücke, eine der berühmtesten Brücken Deutschlands, und auch die kaputteste. Sie ist das Symbol für die marode Infrastruktur im Westen.

(Foto: Oliver Berg/dpa)
  • Zwei Drittel der 40 000 Autobahn- und Bundesstraßenbrücken haben mehr als 30 Jahre auf den Pfeilern.
  • Die Bundesanstalt für Straßenwesen (Bast) bewertet fast die Hälfte der Autobahnbrücken nur mit "ausreichend" oder schlechter.
  • Einen Einsturz wie in Genua hält man in Deutschland trotz des schlechten Zustands vieler Bauwerke aber für "nicht vorstellbar".
Von Markus Balser, Berlin

In einem mehr als 300 Meter langen Bogen zieht sich die Talbrücke Thalaubach zwanzig Kilometer südlich von Fulda durch die bergigen Ausläufer der Rhön. Auf dicken Betonpfeilern überspannen die Fahrbahnen Felder und Wald in der Tiefe. Das Bauwerk aus dem Jahr 1968, über das täglich Zehntausende Autos auf der A 7 fahren, sieht für Laien solide aus. Doch ein aktuelles Gutachten attestiert der Konstruktion einen ziemlich kritischen Zustand.

Damit der Verkehr auf der wichtigen Verkehrsader überhaupt weiterrollen darf, wird die Brücke derzeit verstärkt. Eine Reparatur aber ist nicht mehr drin. Von 2022 an wird der Riese aus Stahl und Beton abgerissen und durch einen neuen ersetzt. Kosten: rund 50 Millionen Euro. Ständig muss die Brücke nun überwacht werden. Die Prüfer richteten sogar eine Alarmierungskette ein - falls sie die so wichtige Autobahn kurzfristig sperren müssen. Noch droht kein Ernstfall, doch der Herbst naht. Vor allem bei kühlem Wetter besteht laut Gutachten die Gefahr einer Beschädigung des Brückentragwerks.

Unglück und Unfall "Die Schrägkabel sind der Schwachpunkt der Konstruktion"
Interview zum Einsturz

"Die Schrägkabel sind der Schwachpunkt der Konstruktion"

Wie konnte es zu der Katastrophe in Genua kommen? Ein Baustatiker über mögliche Ursachen und warum Brückeneinstürze häufiger vorkommen, als viele denken.  Interview von Felix Straumann

Solche Protokolle des Verfalls sind selbst in Deutschland keine Seltenheit mehr. Im Gegenteil. Es bröckelt und bröselt allerorten. Zwei Drittel der 40 000 Autobahn- und Bundesstraßenbrücken haben mehr als 30 Jahre auf den Pfeilern. Die Bundesanstalt für Straßenwesen (Bast) bewertet fast die Hälfte der Autobahnbrücken nur mit "ausreichend" oder schlechter. 14 Prozent bekommen sogar die Noten "nicht ausreichend" oder "ungenügend". Nach den Regeln der entscheidenden Bundesbehörde heißt das: "die Standsicherheit und/oder Verkehrssicherheit sind erheblich beeinträchtigt oder nicht mehr gegeben". Auch das Bundesverkehrsministerium kam zuletzt auf mehr als 2500 Brückenabschnitte in mangelhaftem oder sogar ungenügendem Zustand.

Ein Unfall in Deutschland machte 2016 klar, wie schwer die Konstruktionen zu berechnen sind

Brückenfachmann Heiko Durth hält den schlechten Zustand vieler Bauten für ein ernstes Problem. Durth ist Abteilungsleiter im Dienst der hessischen Landesregierung in Wiesbaden und verantwortlich für die Planung und Instandhaltung von Straßen und Brücken. Bei den 6500 hessischen Brücken sieht Durth in 350 Fällen Handlungsbedarf. Mal ist es die Baustoffqualität, mal die Verarbeitung, mal der wachsende Verkehr, was sie mürbe macht. Bei der Thalaubachbrücke kommt vieles zusammen. Schweißnähte drohen zu reißen. Und während bei der Brückenöffnung vor 50 Jahren täglich 3800 Autos und 1300 Laster über die Brücke rollten, waren es zuletzt 47 000 Autos und 10 000 Lkw. "Die Belastungen durch die wachsende Mobilität sind stark gestiegen", sagt Durth.

Es ist aber nicht nur das Mehr an Verkehr, das den Brücken zu schaffen macht. Es ist auch die Art des Verkehrs. Immer mehr Ware wird auf den Straßen transportiert. Die transportierte Last der Lkw wird schwerer. Auch Autos wiegen heute deutlich mehr. Ältere Konstruktionen sind dafür nicht ausgelegt. Die meisten Brücken stammen aus den Sechziger- und Siebzigerjahren, als an ein derartiges Verkehrsaufkommen und einen solchen Wandel auf der Straße nicht zu denken war.

Einen Einsturz wie in Genua hält man in Deutschland in der Bast-Zentrale in Bergisch-Gladbach trotz solcher Entwicklungen und trotz des schlechten Zustands vieler Bauwerke aber für "nicht vorstellbar". Das Urteil "ungenügend" bedeute ja nicht, dass Brücken akut einsturzgefährdet seien, sagt ein Behördensprecher. Dies könne etwa bedeuten, dass Stäbe eines Geländers fehlten oder Beton auf der Fahrbahn abgeplatzt sei. In der Regel würden in der Folge Sicherheitsmaßnahmen ergriffen, etwa Tempolimits oder Fahrverbote für schwere Lastwagen. Eine Vollsperrung sei meist nicht nötig.