Ausfahrt mit der Luxuslimousine:Der Rolls-Royce Ghost versprüht den Zauber des Unerreichbaren

Die Kühlerfigur eines Rolls-Royce: Die Spirit of Ecstasy, besser bekannt als Emily.

Bewunderung für ein Stück Technik: Ein Rolls-Royce lässt kaum jemanden kalt.

(Foto: Rolls-Royce )

Die Luxuslimousine verändert Menschen - und zwar nicht nur die, die sich ihn leisten können. Ein Sozialexperiment an der Côte d'Azur und auf dem Weg dahin.

Von Jörg Reichle

Der Himmel auf Rädern sieht aus wie ein ganz normales Auto. Eigentlich, nur ziemlich viel größer. Genauer: 5,40 Meter lang, 1,95 Meter breit und 1,56 Meter hoch. 2,5 Tonnen wiegt der Rolls-Royce Ghost, stolz wie ein Schloss steht sein Kühler im Wind und seine Flanken fallen senkrecht ab wie die Mauern einer Festung. Das ist nicht unbedingt schön, schon gar nicht elegant, aber die Botschaft ist unverwechselbar: "Dies ist ein Rolls-Royce, handle with respect."

Ein Auto wie keines sonst heutzutage und eine Ansage, mehr noch: ein Versprechen. Dieses Auto ist das Maximum an sicht- und fühlbarer Qualität, an Laufruhe, an schierer Leistung, seidenweich verfügbar. Und natürlich ist er so teuer, dass nur wenige ihn sich leisten können. Mindestens 273 000 Euro kostet ein Ghost, kleine Annehmlichkeiten wie eine beleuchtete Kühlerfigur, das Monogramm des Besitzers in den Kopfstützen oder Vorhänge gar nicht eingerechnet, ganz zu schweigen von einem Satz Winterräder für 12 000 Euro. Das zusammen würde in, sagen wir mal, Wolfenbüttel, für ein Reihenhäuschen reichen. Aber ehrlich, wer will so was schon?

Die Kundenliste ist illuster

Eindeutig zugunsten des Autos haben diese Frage bereits namhafte Rolls-Eigentümer beantwortet, John Lennon zum Beispiel, Tom Jones oder Elton John, Muhammad Ali oder Hussein von Jordanien, das britische Königshaus und so weiter. Gekrönte, aber auch Halbseidene, Leistungsträger und Sumpfblüten, Industrielle und Kiezkönige, die Kundenliste ist illuster. Als Ende der Fünfzigerjahre die ersten Rolls-Royce bei deutschen Händlern standen, gehörten der Schnaps-Fabrikant Underberg, Warenhauskönig Helmut Horten oder Theatergott Gustav Gründgens zu den frühen Rolls-Chauffeuren.

Man ist also darauf gefasst, was einen erwartet, wenn man das Glück hat, mit einem Rolls-Royce fahren zu dürfen: dass wildfremde Menschen ihre Nasen an die abgedunkelten Scheiben pressen, nur um zu sehen, wer da drinsitzt. Auch dass man angestarrt wird, begafft, wie sieht so einer aus, der einen Rolls fährt? Immer und überall begegnet einem Neugier, selten Gleichgültigkeit, so gut wie nie aber Aggression oder gar Neid. Das überrascht ziemlich heutzutage.

Den Ghost zieht es an die Côte d'Azur

Die Frage ist, wo solch ein Auto am besten zur Geltung kommt. In der deutschen Provinz eher weniger, nicht einmal in Berlin, wo man den Pelz eher verschämt nach innen trägt. München, Düsseldorf und Hamburg? Schon besser. Am schönsten stellen wir uns einen Ghost unter Palmen vor. Die Côte d'Azur, wo Besitzer astronomisch teurer Luxusyachten nach angemessenen Landfahrzeugen suchen, gilt als natürliche Heimstatt aller vermögenden Briten auf dem Festland, seit der Lordkanzler Lord Brougham sich 1834 an der französischen Mittelmeerküste niederließ und schon bald die vergnügungssüchtige Aristokratie nachzog. Ihr folgten Millionäre, Models, Filmstars und Popsänger. Dahin zieht es unseren Ghost.

Schon die Fahrt nach Süden eröffnet eine Ehrfurcht heischende Welt aus Chrom, Leder, analogen Instrumenten und nobler Zurückhaltung. Kaum dass der 6,6-Liter-V-12 die Autobahn wittert, lässt er flüsternd seinen 570 Pferden freien Lauf, saugt die Straße unter sich weg und hüllt seine Insassen dabei in wunderbare Ruhe, dezent untermalt allenfalls von ganz großen Opern aus den zig Lautsprechern der High-End-Anlage.

LEDs im Dachhimmel, Geschmeide im Schafsfellteppich

Rolls-Royce Ghost

Der Rolls-Royce Ghost wurde gerade überarbeitet - sehr behutsam, ganz wie es der Gewohnheit dieser Marke entspricht.

(Foto: Rolls Royce)

Und während der Fahrer die präzise Lenkung genießt, die unendlich scheinenden Kraftreserven oder die perfekt dosierbaren Bremsen, sinken die übrigen Insassen, sanft luftgefedert in entspannten Schlaf, über sich den von unzähligen LEDs illuminierten Dachhimmel, die Füße versenkt in Schafsfellteppichen, die so tiefflorig sind, dass die schöne Dame auf dem Beifahrersitz gut beraten ist, auf ihr Geschmeide zu achten. Andernfalls verschwände es spurlos und würde womöglich erst bei der nächsten Reinigung wieder zum Vorschein kommen. Denn bei Rolls-Royce muss sich ein Teppich wieder aufrichten, wenn er zuvor niedergetreten wurde. "Niemand will seine Abdrücke von gestern sehen", heißt es ganz offiziell, "wenn er sich morgen wieder ins Auto setzt." Die Technik jedenfalls ist so souverän, wie die Preise erwarten lassen, auch dank der Vaterschaft von BMW, zu dem die Marke seit der Jahrtausendwende gehört.

"May I ask you, how much . . .?"

Wir erreichen Monte Carlo nach gut 800 Kilometern ausgeruht wie nach einer Fahrt zum Supermarkt um die Ecke. Zwischen aufgeregten Ferraris, Lambos und Allerweltsporsches wirkt der Rolls in den Häuserschluchten wie der Gottvater einer Gelassenheit, die nur ein großes Vermögen schafft. Und das Publikum weiß es zu honorieren. Da werden bei Autobahntempo Handy-Kameras gezückt oder man versammelt sich auf dem nächsten Parkplatz vor dem Ghost schnell mal zum Selfie.

Dass der ein britisches Kennzeichen trägt, erhöht noch den öffentlichen Respekt. Und artig fasst so mancher seine ehrfürchtige Anrede in flugs ausgegrabenes Schul-Englisch. "May I ask you, how much . . .?" Wie viel er kostet? Nun ja. Ein bisschen geht es einem mit diesem Auto wie dem armen Schneider Wenzel Strapinski in Gottfried Kellers "Kleider machen Leute". Was immer man auch tut, was immer man sagt, stets wird es einem als ein Nachweis ganz besonderer Vornehmheit ausgelegt.

Staunend wird dann beäugt, wie sich die hinten angeschlagenen Fondtüren per Knopfdruck von innen öffnen lassen, oder wie die chromglänzende Emily beim Verschließen der Türen surrend in der Kühlermaske verschwindet. Da bettelt der Tankwart förmlich darum, nach dem Wasser zu schauen, nur um einen Blick unter die Haube zu erhaschen. Restaurantbesitzer bitten, den Ghost doch direkt vor ihrer Tür abzustellen, um womöglich ein bisschen für ihre Küche zu werben. Selbst der Parkwächter vor dem Casino steckt dem Ghost-Driver diskret einen Durchfahrtsschein zu. Morgen, am Tag des Grand Prix, sei "selbstverständlich ein Parkplatz reserviert". Und die Vermieterin des Ferienhauses bittet freudestrahlend, man möge doch im nächsten Jahr unbedingt wiederkommen. "Aber bringen Sie auf jeden Fall dieses wunderbare Auto wieder mit."

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