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Alternative Lebensweise:Naturnahes Wohnen im Wagen

Wie viel brauche ich, um gut zu leben? Das fragten sich zwei Österreicher. Und erfanden den "Wohnwagon", der sich selbst mit Strom, Wasser und Heizung versorgt.

Von Felix Reek

Wohnen im Bauwagen, das kennen die Deutschen vor allem von Peter Lustig. Mit seinem blauen Anhänger lebte der mitten in Bärstadt, an der Tür die sprechende Ukulele Klaus-Dieter. Generationen von Kindern zeigte der TV-Öko in der Sendung "Löwenzahn", wie verlockend es sein kann, auszusteigen, näher an der Natur zu sein. Immer mit einem deutlichen erzieherischen Anspruch. Ob die beiden Geschäftsführer des östereichischen Start-ups "Wohnwagon" als Kinder auch diese Sendung des Moderators gesehen haben, ist nicht bekannt. Das erste Projekt von Theresa Steininger und Christian Frantal wirkt jedoch, als habe sich Peter Lustig auf eine Liaison mit Ikea eingelassen. Unter streng ökologischen Gesichtspunkten, versteht sich.

Der Wohnwagon, das ist im Prinzip eine High-end-Luxusvariante der knallblauen TV-Behausung. Er wird in Handarbeit herstellt und besteht ganz aus natürlichen Materialien wie Holz, Lehm oder Schafwolle zur Dämmung der Wände, alle mit einer möglichst niedrigen Klimabilanz. In der Basisversion (etwa 45 000 Euro) erhalten Kunden den Wohnwagon als Rohbau mit Steckdosen, Lichtschalter und Sicherungskasten, so dass er an die städtische Strom- und Wasserversorgung angeschlossen werden kann. Die Innenausstattung kostet extra und lässt sich den persönlichen Vorlieben anpassen, wie der ganze Wagen.

Kooperation statt Konkurrenz

Das Konzept des Start-ups geht aber noch weiter. In der Vollausstattung ist der Bauwagen vollkommen autark. Das Flachdach fängt Regenwasser auf, das in Tanks gespeichert wird, die wiederum Dusche und Wasserhähne versorgen. Das benutzte Wasser gelangt dann in ein Aufbereitungssystem auf dem Dach, in dem Mikrorganismen in den Wurzeln von Sumpfpflanzen als Nebenprodukt sauberes Wasser produzieren.

Kernstück der Kombination aus Solar-, Holz- und Zentralheizung ist ein 200-Liter-Warmwassertank, den Sonnenenergie aufheizt. Reicht diese nicht aus, kann mit dem Holzofen nachgeholfen werden. Selbst die Toilette produziert aus menschlichen Ausscheidungen Dünger - angeblich geruchsfrei.

Um so viel technisches Spezialwissen zu bündeln, setzten Steininger und Frantal auf Schwarmintelligenz. Über Networking konnten sie Experten für sich gewinnen, die bei der Entwicklung der Systeme des Wohnwagons behilflich waren, ganz so wie bei Open-source-Projekten in der IT-Branche. "Kooperation statt Konkurrenz, gemeinsam kommt man weiter", sagt Steininger dazu. Das geht bis ins kleinste Detail. Selbst für rechtliche Fragen, etwa wo der Wohnwagon abgestellt werden kann, bietet das Unternehmen eine professionelle Beratung an.

"Politisches und philosophisches Statement"

Das erste Geld für ihr ambitioniertes Projekt beschafften sich Steininger und Frantal vor drei Jahren durch Crowdfunding. In der ersten Runde sammelten sie 70 000 Euro, so finanzierten sie den ersten Prototyp. 2015 folgten weitere 140 000 Euro, um in die Serienproduktion gehen zu können.

Die Idee zum Wohnwagon hatte der 46-jährige Christian Frantal vor einigen Jahren. Er ist Handwerker und leitete damals einen kleinen Betrieb. Theresa Steininger, 25, PR-Fachfrau, gehörte die Werbeagentur, zu deren Kunden Frantal zählte. Zusammen entwickelten sie die Vision des Wohnwagons. Die grundsätzliche Frage, die sie sich dabei stellten, lautete: Wie viel braucht man wirklich für ein gutes Leben? Die beiden Österreicher beantworten das mit ihrem mobilen Minihaus, das maximal 2,5 mal zehn Meter misst.

Ein Wohnwagen als Statement

Der Anspruch der Österreicher geht aber viel weiter. Das Projekt sei nicht einfach nur ein Häuschen im Grünen, sondern ein "politisches und philosophisches Statement, wo es hingehen soll mit der Zukunft des Wohnens", sagt Steininger fast schon utopisch.

Der Wohnwagon ist als Technologieträger zu verstehen, der "die Gesamtheit des Konzepts greifbar macht", erklärt sie. Die autarken Systeme für Wasser, Heizung und Strom sollen auch in anderen Wohneinheiten eingesetzt werden, beispielsweise in Häusern. Dies würde dem Normalbürger nicht nur eine Alternative zu den großen Energieversorgern bieten, sondern sie auch zwingen, bewusster zu leben. Denn Strom gibt es im Wohnwagon zwar, aber nicht unbegrenzt. Die Energie reicht laut Steininger und Frantal für Beleuchtung, Laptop und Smartphone, ein Fernseher ist bei 1,2 Kilowatt Gesamtleistung nicht drin. Das allerdings wäre wiederum im Sinne von Peter Lustig. Denn wie forderte der immer am Ende von "Löwenzahn": "Und jetzt, abschalten!"

© Süddeutsche.de/harl/rus
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