Wissenschaft mit Facebook-Daten Kernschmelze der Privatsphäre

Auch Wissenschaftler mögen Facebook

Der gigantische Datenschatz von Facebook weckt auch bei Wissenschaftlern große Begehrlichkeiten. Doch was, wenn Nutzer gar nicht wissen, dass sie beobachtet und vermessen werden?

Von Christoph Behrens

Im Herbst 2005 trat ein hoffnungsvoller neuer Jahrgang an der Harvard University an. Die "Freshmen" hatten es geschafft: Eine der besten Hochschulen der Welt hielt sie für würdig, hier zu studieren. Diese Chance wollten die 1600 jungen Frauen und Männer nutzen. Sie wollten lernen und Wissen aufsaugen, Sport, Wirtschaft, amerikanische Geschichte.

Doch niemand von ihnen ahnte, dass zugleich sie selbst studiert wurden.

Der Soziologe Jason Kaufman, ebenfalls aus Harvard, interessierte sich sehr für die Studenten - oder eher für ihre Facebook-Profile. Seine Arbeitsgruppe lud sämtliche öffentliche Facebook-Daten der 1600 Novizen herunter, dazu Fotos, Freundeslisten, Informationen über Herkunftsländer, Musikgeschmack und sexuelle Interessen. Den Download wiederholten die Soziologen die nächsten drei Jahre immer wieder. Zudem wussten sie aus Unidatenbanken, wo jeder Student auf dem Campus wohnte, auch diese Informationen speicherten sie. "Ein komplettes soziales Universum" nannten die Forscher das. Sie betrachteten so die gesamte Collegekarriere dieser Studenten mit der Lupe. Die Forscher sahen in den Datensätzen, wie sich der Musikgeschmack der Studenten entwickelte, welche Filme auf dem Campus angesagt waren, wer sich in wen verliebte. Sie erzählten den Studenten aber nie etwas davon.

Sexuelle Orientierung oder Scheidungskind - das lässt sich mit Facebook-Daten ablesen, glauben Forscher

Facebook hat in den zehn Jahren seines Bestehens nicht nur bei Geheimdiensten und Werbern Begehrlichkeiten geweckt. Das soziale Netzwerk sitzt auf einem gigantischen Datenschatz, der sich der Größenordnung Exabyte nähert - das sind eine Milliarde Gigabyte Informationen. Auch immer mehr Wissenschaftler unterliegen der Versuchung, diese Quellen anzuzapfen. "Wir stehen an der Schwelle zu einer neuen Sozialwissenschaft", schwärmte ein Forscher des Harvard-Projekts "Tastes, Ties and Time" (Geschmäcker, Bindungen und Zeit). "Unsere Vorgänger konnten von diesen Daten nur träumen."

Die vielen Gesichter des Gesichtsbuchs

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Längst ist die Forschung mit Facebook-Daten nicht mehr auf die Sozialwissenschaften beschränkt. Geisteswissenschaftler untersuchen mit ihnen, welche Wörter in Mode kommen, Informatiker, wie Informationen sich ihren Weg durch den Cyberspace bahnen. Eine Forschungsgruppe der Universität Cambridge konnte zeigen, dass sie anhand der Likes eines Facebook-Nutzers dessen sexuelle Orientierung, religiöse und politische Ansichten relativ genau vorhersagen kann. Sie erkannten sogar, ob er oder sie ein Scheidungskind ist.

Psychologen nutzen Facebook zur Stimmungsanalyse, etwa um depressive Züge von Menschen anhand ihrer Textmuster zu erkennen. "Eine typische Fragestellung ist, ob schlechte Laune ansteckend ist", sagt Viktor Mayer-Schönberger von der Universität Oxford. Der Professor für Internet Governance und Regulierung glaubt allerdings, Wissenschaft mit Daten aus sozialen Netzwerken sei "im Moment noch stark für die jungen Wilden", also für Wissenschaftler aus jüngeren Jahrgängen, die sich trauen, die Realität mit unkonventionellen Methoden zu untersuchen. Till Keyling von der Universität München etwa hat gemeinsam mit Jakob Jünger von der Universität Greifswald das Tool Facepager entwickelt. Damit können Wissenschaftler öffentlich zugängliche Daten aus Facebook-Profilen untersuchen. Etwa 200 Kollegen nutzen das Werkzeug regelmäßig, schätzt Keyling.

Das große Ziel: in die Zukunft sehen

So versuchten Forscher des Unternehmens Microsoft kürzlich, anhand der Facebook-Profile von 165 jungen Müttern auf etwaige Wochenbett-Depressionen zu schließen. Mit dem Einverständnis der Frauen betrachteten die Wissenschaftler rund ein Jahr ihres Lebens auf Facebook. Mütter, die nach der Geburt ihres Kindes eine depressive Phase erlebten, waren nach der Geburt weniger im Netzwerk aktiv als andere Mütter. Sie teilten weniger Bilder und kommunizierten seltener mit Freunden. Zudem konnten die depressiven Frauen nicht so viel soziales Kapital aufbauen: Wenn sie Inhalte teilten, klickten Freunde seltener auf "Gefällt mir".

Nach Ansicht der Microsoft-Forscher geht eine geringe Online-Aktivität mit einer Abschottung auch im echten Leben einher, denn "soziale Netzwerke wie Facebook unterstützen die Kommunikation mit der Außenwelt und helfen dabei, soziales Kapital zu erzeugen und zu erhalten". Im nächsten Schritt wagten die Forscher den Blick in die Zukunft. Anhand der Online-Aktivität vor der Entbindung sagten sie voraus, welche Frauen Depressionen bekommen würden und welche nicht.

Bislang ist die Genauigkeit solcher Vorhersagen beschränkt, die Modelle produzieren auch viel Unsinn. Doch die Wissenschaftler werden immer besser darin, aus vergangener Aktivität auf künftige Taten zu schließen. Genau davor warnt der Oxford-Wissenschaftler Mayer-Schönberger: "Der Wunsch, mit Big Data menschliches Verhalten vorherzusagen, muss Grenzen haben."