Wassermangel Bis zum letzten Tropfen

Spanien versteppt, in den USA schrumpfen die Stauseen, Australien fährt immer kleinere Ernten ein: Die Hälfte der Weltbevölkerung ist heute schlechter mit Wasser versorgt als die Bewohner des antiken Rom.

Von Richard Friebe

Wer immer der Erde ihren Namen gegeben hat, es war ein Irrtum. Der Planet müsste "Wasser" heißen, nicht Erde. Mehr als zwei Drittel der Oberfläche sind von Wasser bedeckt. Auf dem Planeten gibt es 1.500.000.000.000.000.000.000 Liter Wasser. Es füllt die Ozeane, Seen, Flüsse und Swimmingpools, es lagert und fließt unterirdisch, vereist die Pole, schwebt als Dampf in der Atmosphäre. Die Wassermenge ist gigantisch, und doch leidet die Menschheit unter zunehmender Wasserknappheit.

Peter Gleick, Präsident des auf Wasserfragen spezialisierten Pacific Institute in Oakland, USA, fasst die Situation vieler Menschen in einem Vergleich zusammen: Die Hälfte der Weltbevölkerung sei heute schlechter mit Wasser versorgt als die Bewohner Roms vor 2000 Jahren. Mehr als eine Milliarde Menschen müssen täglich verschmutztes Wasser trinken. Und das, obwohl in den vergangenen Jahren Millionen Menschen durch Hilfsprogramme erstmals Zugang zu sauberem Wasser bekommen haben. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO sind 88 Prozent aller Erkrankungen weltweit auf verschmutztes Trink- und Brauchwasser zurückzuführen.

Die Situation verschärft sich stetig. Durch die globale Erwärmung geht in Gletschern gebundenes Süßwasser verloren. Der Report "Global Outlook for Ice and Snow" des Umweltprogramms der Vereinten Nationen besagt, dass 40 Prozent der Weltbevölkerung ihre sichere Wasserversorgung wegen des Verlustes von Eisflächen in den Hochgebirgen einbüßen könnten.

Zunehmender Wassermangel beeinträchtigt auch die Landwirtschaft und damit die Produktion von Nahrungsmitteln. Der Klimawandel bringt Niederschlagsmuster durcheinander - manche Gegenden leiden an Dürre, andere werden von ungewöhnlichen Starkregen überschwemmt. Regen- und Trockenzeiten verschieben sich.

Immerhin verbrauchen die gut sechs Milliarden Menschen Wasser nicht auf die gleiche Weise wie andere Ressourcen. Es kann nicht wie etwa fossile Brennstoffe nur einmal aus dem Boden geholt und genutzt werden, bis die Vorräte irgendwann erschöpft sind. Der Wasserkreislauf ist das größte, gegen Störungen widerstandsfähigste und verlässlichste Recyclingsystem der Erde. Doch stößt dieses natürliche Wiederaufbereitungssystem laut dem aktuellen Report "The World's Water" des Pacific Insitute an seine Grenzen.

Der Mensch entnimmt dem Recyclingsystem vielerorts mehr, als es nachliefern kann. "Peak Water" wird das Phänomen genannt - analog zu Peak Oil. Messbar ist das in dramatisch sinkenden Grundwasserständen und vergifteten Seen wie etwa im Norden Chinas oder in katastrophalen Ernteausfällen in Australien; im Schrumpfen des Tschad-Sees ist es zu sehen, der mehr als 90 Prozent seiner Fläche verloren hat, ebenso im Austrocknen des Rio Grande im Westen Nordamerikas kurz vor seiner Mündung, in der fortschreitenden Versteppung Spaniens und in vielen anderen vergleichbaren Entwicklungen.

Quell der Ungerechtigkeiten

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