Umweltschutz:Öko-Morgana

Egal mit wie viel umweltfreundlichen Attributen ein Produkt sich schmückt: "Grün" ist eine Illusion - sagt der Erfinder der "Ökologischen Intelligenz". Ein Überblick über die Öko-Mythen.

Berit Uhlmann

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"Bio-", "Öko-" oder "natürliche" Produkte im Einkaufswagen - und die Welt wird heil? Der Psychologe und Wissenschaftsautor Daniel Goleman hat eine ernüchternde Antwort: Kein industriell hergestelltes Produkt verdient den Namen "umweltfreundlich", so das Credo, das er in seinem Buch "Ecological Intelligence" zieht. Goleman, Autor des Bestsellers "Emotionale Intelligenz" wirbt darin um einen kritischen Blick auf die Welt der (vermeintlichen) Öko-Produkte. Denn in ihr ist bei weitem nicht alles das, was es scheint. Hier einige Beispiele:

Ökologisch angebaut

Klingt umweltfreundlich, aber das Beispiel Baumwolle zeigt, dass dies auch nur die halbe Wahrheit sein kann. So begrüßenswert es ist, dass Pflanzen ohne Pestizid-Einsatz angebaut werden, so bleibt der Fakt, dass die Baumwolle für ein einziges T-Shirt 2700 Liter Wasser zum Wachsen benötigt, schreibt Goleman. Die Folgen sind besonders eindrücklich an dem zu Kasachstan und Usbekistan gehörenden Aralsee zu sehen. Der einst viertgrößte Binnensee der Welt ist in weiten Teilen ausgetrocknet - hauptsächlich wegen des intensiven Baumwollanbaus in der Region.

Von den Herstellern ebenfalls nicht publik gemacht wird: ...

Foto: Der Aralsee im Jahr 1989 (links) und 2003 (rechts) / NASA

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Der Begriff "ökologisch" bezieht sich nur auf den Anbau, nicht aber auf die Weiterverarbeitung. Baumwollgarn wird so gut wie immer gebleicht, gefärbt oder veredelt. Chromverbindungen, Chlor und Formaldehyd - allesamt giftig - werden dabei häufig verwendet und können über das Abwasser in die Umwelt gelangen.

Foto: Reuters

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Regionales Produkt

Kaum etwas klingt so anständig und anheimelnd wie "in der Region hergestellt". Sinnvoll ist der Rückgriff auf solche Produkte aber nicht automatisch, zumindest den Studien nach, die Goleman präsentiert. So haben britische Wissenschaftler errechnet, dass es für ihre Landsleute ökologisch sinnvoller ist, Rosen für den Valentinstag aus Kenia einzufliegen, als sie aus den Niederlanden heranfahren zu lassen. Denn der CO2-Ausstoß der niederländischen Gewächshäuser schlägt rund sechs Mal stärker zu Buche als der des Transports von kenianischen Blumen, die im Freien gute Wachstumsbedingungen finden.

Und noch etwas fällt ins Gewicht: ...

Foto: Getty

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Egal wie regional ein Produkt in seiner Endform erscheint, es hat allzu häufig eine globale Vergangenheit. Goleman zitiert die kanadische Bäuerin, die Tomaten aufzieht und nahe dem Erzeugungsort verkauft: Die Tomatensorte wurde in Frankreich entwickelt, der Samen in China gewonnen. Zurück in Frankreich wurden die Samen behandelt und verpackt. In Ontario wurden dann die Jungpflanzen gezogen, ehe sie schließlich bei der Bäuerin in der Nähe von Montreal ankamen.

Foto: dpa

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100 Prozent natürlich

Was kann man bei den zu "100 Prozent natürlichen" Produkten noch beanstanden? Mitunter die Irreführung der Verbraucher, sagt TerraChoice, eine Unternehmensberatung, die seit einigen Jahren Öko-Erzeugnisse kritisch untersucht.

Ihrer Erfahrung nach verschleiert der Ausdruck öfter, dass die entsprechenden Produkte Stoffe enthalten, die obgleich sie in der Natur vorkommen, hochschädlich sind. Dazu gehören Arsen, Uran, Chlor oder Formaldehyd.

Solcherart irreführende Werbung wird im Englischen als "Greenwashing" bezeichnet, eine Wortschöpfung aus "grün" und "reinwaschen". In die gleiche Kategorie ...

Foto: ddp

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... gehört auch das eingangs zitierte "ökologisch angebaut", vage Ausdrücke wie: "für eine sauberere Welt", Phantasie-Ökosiegel oder das Werben mit Selbstverständlichkeiten, etwa wenn Agrar-Unternehmen verkünden, keine Antibiotika zu verfüttern - denn dies ist ohnehin in der EU verboten.

TerraChioce fand in der jüngsten Untersuchung von mehr als 2000 nordamerikanischen Öko-Produkten in 98 Prozent der Fälle Methoden, die sie als "Greenwashing" klassifizierten.

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Gesund

Wer eine gesunde Lebensweise pflegt, glaubt gerne, damit im Einklang mit der Natur zu sein. Was kann schon schädlich daran sein, sich im Freien zu bewegen und zu schwimmen, solange man seine Haut dabei vor schädlicher UV-Strahlung schützt?

Laut Goleman werden durch dieses Verhalten jährlich zwischen 4000 und 6000 Tonnen Sonnenschutzmittel ins Meer gewaschen - und tragen so zum Korallensterben bei.

Die möglichen Folgen der zerstörten Korallenriffe sind enorm: Fischen und damit Fischern ganzer Regionen werden die Lebensgrundlagen entzogen. Der natürliche Schutz vor Überflutungen, den die Riffe bieten, wird hinfällig.

Fotos: ddp/AFP

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Recyclebar

Wiederverwertbar und hygienisch: Kaum etwas hat einen so guten Ruf wie Glas. Darüber wird jedoch vergessen, welch schwindelerregendes Ausmaß die Produktion eines einzigen Honigglases hat.

1959 einzelne Produktionsschritte hat Goleman in der Produktion eines Glases gezählt. Diese wiederum ziehen ganze Ketten weiterer Produktionsschritte nach sich. 659 verschiedene Zutaten werden benötigt, viele von denen werden unter enormem Energieaufwand und Schadstoffausstoß gewonnen. Selbst krebserregend geltende Substanzen, so Goleman, werden freigesetzt, allerdings nicht während der Glasherstellung, sondern hauptsächlich bei der Produktion der Kunststoff -Verpackungen, in der das Glas normalerweise transportiert wird.

Sollte man Glas nun also nicht mehr verwenden und recyclen?

Fotos: AP/ddp

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Doch, schreibt Goleman. Denn die Wiederverwertung oder das Wiedereinschmelzen senken - trotz der Transportkosten - den Gesamtenergieaufwand der Herstellung enorm.

Golemans Botschaft ist eine andere: Ein industriell hergestelltes Produkt ist nicht einfach grün oder nicht, sondern mehr oder weniger "grünlich". Auch wenn die Ökobilanz gemessen an den Alternativen günstig ausfällt, sollte es immer noch mit Bedacht benutzt werden.

Foto: dpa

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Und nun?

Goleman hält keine griffigen Lösungen bereit. Vielmehr plädiert er für einen kritischen Blick - oder wie er es ausdrückt: für eine ökologische Intelligenz in der Lebensweise. Dies bedeutet in erster Linie, sich nicht allein über den Preis von Produkten und Dienstleistungen zu informieren, sondern auch über deren Ökobilanz. Helfen können dabei unter anderem folgende Informationsquellen:

www.goodguide.com Die Webseite bewertet Produkte nach ökologischen und gesundheitlichen Gesichtspunkten. Wenn auch auf den US-Markt ausgerichtet, finden sich Produkte, die es auch in Deutschland zu kaufen gibt.

www.cosmeticsdatabase.com Bewertet die Inhaltsstoffe kosmetischer Produkte auch nach ökologischen Kriterien.

www.environmentalhealthnews.org Bietet täglich aktualisierte Forschungsmeldungen aus dem ökologischen Bereich.

www.eu-info.de/europa-punkt/politikbereiche/biosiegel Hier gibt es Informationen zum EU-Biosiegel und dem deutschen Pendant.

www.prtr.bund.de In dieser Datenbank stellt das Bundesumweltamt den Schadstoffausstoß deutscher Firmen zusammen.

http://greenpeace.klima-aktiv.com Der CO2-Rechner von Greenpeace hilft bei der Kalkulation der CO2-Emissionen der persönlichen Lebensweise.

Die Beispiele stammen mit einigen Ergänzungen aus dem Buch: "Ecological Intelligence" von Daniel Goleman, Broadway Books 2009.

Foto: dpa

(sueddeutsche.de/beu/cf)

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