Verhaltensforschung Können Tiere Erdbeben spüren?

In Sri Lanka danken die Menschen den Göttern für den Wiederaufbau nach der Tsunami-Katastrophe 2004. Forscher fragen sich, ob Elefanten das Erdbeben vor den Menschen gespürt haben.

(Foto: Anuruddha Lokuhapuarachchi/Reuters)
  • Wissenschaftler sind Anekdoten nachgegangen, wonach sich Tiere im Vorfeld von Erdbeben ungewöhnlich verhielten.
  • Sie konnten die meisten Berichte nicht belegen.
  • Allerdings scheinen Tiere Vorbeben registrieren zu können. Solche Erschütterungen gehen etwa jedem zehnten Erdbeben voraus.
Von Tina Baier

Elefanten sollen sich an Weihnachten 2004 vor dem Tsunami im Indischen Ozean in Sicherheit gebracht haben. Kröten waren angeblich vor dem Erdbeben 2009 im italienischen L'Aquila verschreckt, und Ziegen an den Hängen des Ätna werden unruhig, wann immer sich ein Ausbruch ankündigt. Dann suchen sie Schutz unter Büschen und Bäumen.

Berichte über Tiere, die eine Art sechsten Sinn für Erdbeben haben, gibt es immer wieder. Wissenschaftler vom Deutschen Geoforschungszentrum GFZ in Potsdam haben viele Berichte und Anekdoten nun unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten analysiert. Dazu wertete das Team um den Seismologen Heiko Woith 729 Berichte über seltsames Verhalten von Tieren im Zusammenhang mit 160 Erdbeben aus.

Die meisten Beobachtungen waren demnach eher Anekdoten als wissenschaftliche Untersuchungen und heute nicht mehr überprüfbar. Viele Hinweise waren außerdem "trivial", schreiben die Wissenschaftler. Gemeint sind Aussagen wie "Die Situation war ungewöhnlich, weil mein Hund sich vor dem Erdbeben nicht ungewöhnlich verhalten hat". Solche Aussagen sind aus wissenschaftlicher Sicht wertlos.

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Auch die häufig zu hörenden Berichte über die hellseherischen Fähigkeiten von Elefanten, die den Tsunami überlebt haben sollen, weil sie rechtzeitig ins Landesinnere oder auf Anhöhen geflohen sind, konnten der wissenschaftlichen Überprüfung nicht standhalten. Zufällig wurde während des Erdbebens das Verhalten zweier Asiatischer Elefanten aufgezeichnet, die Halsbänder mit GPS-Sender trugen. Die Tiere befanden sich im Gefahrengebiet auf Sri Lanka. "Die Daten gaben keinerlei Hinweis auf einen sechsten Sinn oder ein ungewöhnliches Verhalten", schreiben die GFZ-Forscher. Selbst wissenschaftliche Untersuchungen zu diesem Thema sind bei genauerer Betrachtung oft unglaubwürdig.

Die Kröten waren fünf Tage vor dem Beben plötzlich weg

Dort, wo Verhaltensänderungen tatsächlich nachgewiesen wurden, konnten die Studien-Autoren oft nicht ausschließen, dass andere äußere Einflüsse oder Faktoren der Auslöser waren. Das gilt auch für die Kröten von L'Aquila, die eine Zoologin zufällig zur Zeit des Erdbebens am San-Ruffino-See untersuchte. Sie wunderte sich, als mitten in der Paarungszeit, in der es am See normalerweise nur so von den Tieren wimmelt, zeitweise kaum Kröten unterwegs waren. Dann kam das Erdbeben, das die Forscherin nachträglich als Ursache für die Unterbrechung der Paarungsaktivitäten identifizierte.

Andere Untersuchungen, zum Beispiel an Roten Waldameisen in der Eifel, konnten nie wiederholt werden, was ebenfalls den Verdacht weckt, dass kein Zusammenhang mit Erdbeben besteht. Die Autoren der Ameisen-Studie hatten die Insekten drei Jahre lang rund um die Uhr mit Videokameras überwacht. Stunden vor einem Erdbeben, das sich 40 Kilometer entfernt ereignete, unterbrachen die Tiere demnach ihren üblichen Rhythmus aus Ruhe- und Aktivitätsphasen. Leider konnten Forscher, die in anderen seismisch aktiven Erdteilen ebenfalls Ameisen untersuchten, keine Verhaltensänderung feststellen.

Lediglich in einem Punkt haben die Seismologen aus Potsdam einen Zusammenhang bestätigt, und zwar als sie Berichte über auffällige Verhaltensweisen mit dem Auftreten von Vorbeben korrelierten. Letztere kommen bei etwa jedem zehnten Erdbeben Tage oder sogar Wochen vor dem Hauptereignis vor. "Die Verteilung der Vorbeben in Raum und Zeit ist ähnlich der Verteilung von Auffälligkeiten im Verhalten von Tieren", sagt Woith. Er vermutet, dass Tiere die schwächeren seismischen Wellen solcher Vorbeben wahrnehmen und deshalb von ihren üblichen Routinen abweichen. Eine andere Erklärung wäre, dass sie auf vorbebenbedingte Veränderungen im Grundwasser reagieren oder auf Gase wie Helium oder Radon, die an die Oberfläche dringen, wenn sich aufgrund der Bewegungen Spalten im Boden öffnen.

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