Neandertaler Ausgestorben wegen der großen Augen

Die Augenhöhlen und der Körper des Neandertalers waren deutlich größer als beim Homo sapiens. Das spricht britischen Wissenschaftlern zufolge dafür, dass auch ihr Gehirn anders organisiert war.

(Foto: dpa)

Es klingt erst einmal absurd: Britische Wissenschaftler vermuten, dass die Neandertaler ausgestorben sind, weil ihre Augen und Körper größer waren als die des modernen Menschen. Deshalb habe ihnen zu wenig Hirnkapazität für wichtige soziale Fähigkeiten zur Verfügung gestanden.

Warum die Neandertaler vor 30.000 bis 40.000 Jahren ausgestorben sind, während der "moderne" Mensch überlebte, ist bis heute unklar. Waren die massiger gebauten Urzeitmenschen schlechter an die sich verändernde Umwelt angepasst oder dem Homo sapiens als Konkurrenten unterlegen?

Britische Wissenschaftler haben nun Hinweise auf Unterschiede im Gehirn der beiden Menschenarten entdeckt, die hier eine Rolle gespielt haben könnten: Die Neandertaler waren demnach stärker an das Sehen bei geringem Licht angepasst als der Homo sapiens. Deshalb dürften bei ihnen die hinteren Hirnregionen, wo sich das Sehzentrum befindet, größer gewesen sein. Außerdem waren ihre motorischen Zentren zur Kontrolle des Körpers stärker ausgeprägt. Und das wurde offenbar ein Nachteil.

Denn beim modernen Menschen hätten sich dagegen vordere Bereiche im Gehirn stärker ausgebildet, die mit kognitiven Fähigkeiten und dem Sozialverhalten zu tun haben, vermuten Eiluned Pearce und Robin Dunbar von der University Oxford sowie Chris Stringer vom Natural History Museum in London.

Die Wissenschaftler haben 32 Homo-sapiens-Schädel und 13 Schädel von Neandertalern untersucht und verglichen. Frühere Studien hatten bereits anhand der Form des Schädelinneren festgestellt, dass es gewisse Unterschiede im Aufbau der Gehirne gegeben haben dürfte. Allerdings, so schreiben die Fachleute nun in den Proceedings of the Royal Society B, beschränkten sich diese Untersuchungen auf die Größe und Oberflächenstruktur der Gehirne. Und von den beobachteten Ähnlichkeiten wurde geschlossen, dass auch die innere Organisation der Gehirne sich entsprechen würde.

Dem widersprechen die Forscher nun: "Unterschiede in der Körpergröße und dem Sehsystem legen nahe, dass es in den gleichgroßen Gehirnen der beiden Arten Unterschiede in der internen Organisation gab", schreiben sie. Auf Unterschiede im Sehsystem schließen sie aufgrund der deutlich größeren Augenhöhlen der Neandertaler - und der demnach weit größeren Augen dieser Urzeitmenschen.

Die Paläoanthropologen berechneten, wie groß die Teile der Gehirne jeweils gewesen sein dürften, die für die Kontrolle des Körpers und für die Verarbeitung des visuellen Inputs zuständig waren. Zuvor hatten die Wissenschaftler aus Oxford bereits gezeigt, dass Menschen in höheren Breiten größere Hirnareale entwickelten, die mit dem Sehen zusammenhängen. Vermutlich liegt dies daran, dass dort weniger Licht vorhanden ist als in der Nähe des Äquators.

"Da Neandertaler sich auf höheren Breitengraden entwickelten und auch größere Körper besaßen als moderne Menschen, waren größere Teile des Neandertalergehirns mit dem Sehen und der Körperkontrolle beschäftigt als mit anderen Funktionen wie dem Knüpfen sozialer Verbindungen", sagte Eiluned Pearce.

Homo sapiens dagegen entwickelte sich im hellen Afrika und wanderte erst später nach Europa aus. Dort lebten beide Menschenarten etwa 10.000 Jahre nebeneinander, bevor die Neandertaler verschwanden.

Vorteil Gruppengröße

Die Forscher vermuten nun, dass letztere eher in kleineren Gruppen lebten, während Homo sapiens aufgrund seiner größeren kognitiven Fähigkeiten auch größere und komplexere Sozialverbände bilden konnte und kann. "Wenn Neandertaler in kleinen Gruppen lebte, könnte dies unter den harten Bedingungen in Europa und Asien ein Nachteil gewesen sein, da sie weniger Freunde hatten, die in Zeiten der Not halfen", vermutet Pearce.

"Stand den Neandertalern weniger Gehirn zur Verfügung, um die soziale Umwelt zu beherrschen, so hatte das auch starke Auswirkungen auf ihre Fähigkeit, Handelsbeziehungen aufzubauen ", ergänzte Pearces Kollege Dunbar.

Die Fachleute gehen davon aus, dass die Unterschiede in der Organisation des Gehirns und des Sozialverhaltens deshalb letztlich helfen zu erklären, wieso die Neandertaler ausstarben, währrend dem Homo sapiens dieses Schicksal erspart blieb.