Lebrillas Forschungen zufolge sind etwa die Hälfte der Molekülsorten in dem Oligosacchariden-Set fixer Bestand in der Milch aller Mütter. Die andere Hälfte wird individuell abgemischt. Die Mutter drückt damit ihrem Säugling ihren persönlichen Stempel auf. Denn jedes einzelne Oligosaccharid und seine jeweilige Menge zu einem bestimmten Zeitpunkt vermittelt dem Neugeborenen ein Entwicklungssignal. "Nach dem, was wir heute wissen, können sie aktiv Krankheitserreger abfangen, das Immunsystem einstellen oder sogar Signale für die Gehirnentwicklung geben", sagt Lebrilla.
Anzeige
Damit die Zuckerketten Einfluss aufs Immunsystem oder auf die Gehirnentwicklung nehmen können, müssen sie ihre Signale an das Innere der jeweils zuständigen Zellen weitergeben können. Es ist denkbar, dass dabei die Darmzellen die Vermittlerrolle übernehmen. Das legt jedenfalls eine Arbeit von Robert Chapkin, Biochemiker an der Texas A & M University, nahe: Er konnte nachweisen, dass sich die Genaktivität der Zellen in der Darmschleimhaut deutlich verändert, je nachdem, ob ein Kind gestillt wird oder nicht.
Es könnte also sein, dass die Darmzellen unter dem Einfluss von Muttermilch Signalstoffe ins Blut geben, die im Gehirn Reifungsprozesse befördern. Das würde ein Ergebnis aus Weißrussland erklären: Dort verfolgten Wissenschaftler der Weltgesundheitsorganisation WHO sechseinhalb Jahre lang den Werdegang gestillter und nicht gestillter Kinder.
Das Ergebnis fasst Michael Kramer, Epidemiologe an der kanadischen McGill-Universität, so zusammen: "In den ersten Lebensjahren gab es viele gesundheitlichen Vorteile für die gestillten Kinder. Aber die einzige Langzeitwirkung, die gemessen werden konnte, war ein Unterschied im Intelligenzquotienten." Kurz nach der Einschulung zeigten diese Kinder einen im Durchschnitt um sechs Punkte höheren Intelligenzquotienten.
Es ist schwierig, aus solchen Statistiken handfeste Schlüsse auf Ursache und Wirkung der Muttermilch zu ziehen. Denn stillende Mütter und Mütter, die lieber Fläschchen geben, sind nicht unbedingt miteinander vergleichbar. Die typische stillende Mutter einer Industrienation der Gegenwart ist reicher, gesünder und gebildeter als ihr statistisches Pendant mit Neigung zum Milchpulver. Wenn sie als typische Bildungsbürgerin ihrem Kind einfach nur öfter vorgelesen hätte, als eine Frau aus einer bildungsfernen Schicht es konnte oder wollte, dann würde es schon allein deswegen bei späteren IQ-Tests besser abschneiden.
Ein Indiz zugunsten der MuttermilchThese entdeckte Avshalom Caspi, Psychologe an der Duke-Universität in Durham. Er konnte nachweisen, dass Babys mit einer bestimmten Genvariante spezielle ungesättigte Fettsäuren aus der Milch für ihre Gehirnentwicklung dringend brauchen - Docosahexaensäure (DHA) und Arachidonsäure (AA). Sie dienen als Membranbaustoffe für ihre noch unreifen Nervenzellen.
Zusätzlich steigern diese Fettsäuren die Aktivität der günstigen Genvariante, die für ein Protein kodiert, das die beiden Säuren auch aus anderen Nahrungsfetten herstellen kann. Wie viel DHA und AA eine Mutter ihrem Kind mitgibt, hängt auch von ihrer eigenen Ernährung ab - Fisch und Meeresfrüchte haben ähnlich hohe Anteile der beiden Fettsäuren wie menschliche Gehirnzellen.
Von Makaken weiß man, dass die Mütter via Brust sogar den Charakter ihrer Kinder steuern - durch gezielte Hormongaben. Je mehr vom Stresshormon Cortisol sie ihren Söhnen in die Milch mischen, umso mehr neigen diese später dazu, Streit mit anderen Männchen anzufangen. Sie werden zu Karriereaffen. Auch hier geht es um die Enkelbilanz: Sie bekommen mehr Gelegenheiten zum Babymachen.
Bewiesen ist dieser Mechanismus für Homo sapiens noch nicht. Aber es wäre erstaunlich, wenn ausgerechnet das biologische Erbe der Menschenmütter auf diese Möglichkeit der Einflussnahme verzichten würde. Die Gene, die die Milchabmischung beim Menschen steuern, haben sich schließlich in den wenigen Jahrtausenden Zivilisation nicht verändert. Und genetisch gehören Menschen wie die Makaken zu den Altweltaffen. Sie sind Säugetiermütter, die das Stillen als letzte Gelegenheit nutzen, um das Kind in ihrem Sinne zu formen.
Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2
- Thema
- Muttermilch RSS
- Kindergesundheit Gesundheitsrisiko Armut 18.03.2010
- Psychologie Das Geheimnis einer robusten Seele 31.10.2010
- Kindersterblichkeit Grausame Bilanz 12.05.2010
- Mutter-Kind-Beziehung Stillen ohne Ende 14.02.2010
- Alles eklig Körpersäfte, genau betrachtet 11.09.2009
- Schwangerschaft Babypfunde ade 24.08.2009
(SZ vom 05.01.2011/mcs)
Großprojekte in Berlin
Sehr treffend und richtig!
Der Artikel ist von hinten bis vorne Mist und weit weit hergeholt.
„Aus der Sicht der mütterlichen Biologie sind die wertvolleren Nährstoffe demnach bei Söhnen besser angelegt - investiert wird in die Zukunft der eigenen Gene, bei Männern lockt die höhere Rendite.“
Also, wenn ich mir diese Aussage auf der Zunge zergehen lasse, stellt sich mir die Frage, ob es nicht genau anders herum sein könnte. Und bitte – das ist nur ein Gedankenspiel und spiegelt nicht mein Menschenbild wider – es ist nur eine Überlegung!
Bringen männliche Nachkommen eine höhere Rendite? Wenn ich ein Beispiel konstruiere, in dem eine Gruppe von Säugetieren – beispielsweise Menschen – aus 9 Weibchen und einem Männchen besteht, so dürfte deren weitere Nachkommenschaft verhältnismäßig gesichert sein (abgesehen davon, dass diese Gruppe wohl ohnehin zu klein ist; ist ja nur ein Beispiel). Denn ein Männchen kann 9 Weibchen schwängern und es besteht eine gute Chance, dass einige dieser so gezeugten Jungen überleben und erwachsen werden.
Umgekehrt aber, in einer Gruppe von 9 Männchen und einem Weibchen ist diese Chance doch wohl deutlich geringer. Einmal schwanger, kann das Weibchen keine weiteren Jungen empfangen für einen bestimmten Zeitraum und wenn diesem Jungen etwas zustößt dauert es, bis wieder eines herangewachsen ist. Abgesehen davon ist sowieso Hängen im Schacht, sobald dem Weibchen etwas zustößt oder die Männchen sich gegenseitig im Kampf um die Gunst des Weibchens meucheln.
Und überhaupt: Mein letzter Bio-Unterricht ist schon über 20 Jahre her …. Aber da war doch mal was mit der mytochondrialen DNS, die wir alle, ob Männlein oder Weiblein von unserer Frau Mama bekommen. Frauen brauchen sich also um die Weitergabe ihrer Gene keine noch so biologisch eingebauten, unbewussten Gedanken machen, oder?
Sorry, da habe ich Scientisten als Scientologen überlesen...
Auf die schlüssige Darlegung bin ich aber trotzdem gespannt....
Inwiefern der Artikel religiöse Ansichten widerspiegelt wird mir nicht klar. Genausowenig der Bezug zu Scientology. Das hat für mich eher mit naturwissenschaftlicher Denkweise zu tun. Ich bin übrigens auch schon gespannt auf Ihre schlüssige Darlegung, wie dieser "Quatsch" bei näherem und Eigenständigem Nachdenken der Logik und dem gesunden Menschenverstand entgegen steht.
Jeder, der sich mit Biologie auseinander setzt wird merken, dass das wichtigste Prinzip der Biologie das ist, dass eine Zelle zwei Zellen werden "möchte".
bekommen männer mehr kinder als frauen? meine güte so schwer ist das doch nicht!!!
Paging