Ethnologie Die Mär vom edlen Wilden

Er könnte auch beim Casting für die Serie "Game of Thrones" punkten: Ein Mann von den Marquesas-Inseln in Französich-Polynesien posiert für den britischen Fotografen Jimmy Nelson.

(Foto: Jimmy Nelson)

Noch immer lebt der Mythos von den naturverbundenen, friedlichen Eingeborenen. Tatsächlich sind in indigenen Völkern Gewalt, Hexenglaube und sorgloser Umgang mit der Umwelt verbreitet.

Von Christian Weber

Okay, okay - an einigen unwirtlichen Orten dieses Planeten mag es immer noch angebracht sein, fremde Menschen, die einem unangemeldet über den Weg laufen, vorsichtshalber zu erschlagen. Und vielleicht darf man sogar ein bisschen Verständnis zeigen, wenn traditionsbewusste Inuit-Völker in der Arktis oder die San in der Kalahari zumindest früher ihre Alten aussetzten und verhungern ließen; das Essen war halt knapp. Die Frage ist allerdings, ob nicht ein staatliches Gewaltmonopol oder eine allgemeine Rentenversicherung die freundlichere Art der Daseinsvorsorge ist, zumindest dann, wenn man in einem westlichen Industriestaat lebt, der sich solche Institutionen leisten kann.

Ganz seltsam aber ist, dass selbst in den USA und Europa gar nicht wenige Menschen glauben, dass die Stammesgesellschaften dieser unwirtlichen Planetenorte das bessere Leben führen: im Einklang mit Baum und Tier, in Freiheit und Harmonie mit den anderen, einfacher, aber sinnerfüllter und gesünder, freier im Sex. Es ist ein schönes, falsches Märchen, das Unheil anrichtet.

Er lebt halt immer noch in den Köpfen der Großstädter, der Mythos vom Edlen Wilden. Und wahrscheinlich tragen Fotos wie die hier erstmals abgedruckten des britischen Fotografen Jimmy Nelson zu dieser Mythenbildung bei. Es ist die Fortsetzung einer ähnlichen Reihe, "Before they pass away" betitelt, die vor wenigen Jahren quer durchs Internet Aufmerksamkeit erregte, aber auch heftig kritisiert wurde - wenn auch meist aus den falschen Gründen.

Dschungelmärchen

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Denn das zentrale Problem mit Nelsons ebenso prächtigen wie kitschigen Aufnahmen ist nicht - wie häufig bemängelt - die angeblich oder tatsächlich fehlende Authentizität. Die Lendenschürze und Kopffedern sind in vielen oder den meisten von ihm fotografierten Völkern mindestens so authentisch, wie die Lederhosen und Dirndl in denen Männer und Frauen aus Oberbayern in den Prospekten der Fremdenverkehrsindustrie und in den Reiseführern posieren: Lederhose und Lendenschurz sind häufig nicht mehr Alltagsbekleidung, eher festliche Tracht, obwohl sie in den entlegenen Ecken etwa Papua-Neuguineas, Süd-Äthiopiens und Bayerns durchaus noch verbreitet sind. Und Schamanen im nepalesischen Mustang setzen sich zur traditionellen Arbeitsbekleidung mittlerweile auch mal coole Sonnenbrillen aus Kathmandu auf. Selbst urtümliche bayerische Bauern schätzen moderne Gummistiefel, wenn sie durch den Schlamm stapfen.

Zudem behauptet der Ex-Modefotograf Jimmy Nelson ja auch gar nicht, dass er dokumentarischen Journalismus macht. Er macht keinen Hehl daraus, dass er vor seiner Plattenkamera inszeniert. Womöglich hat er seine Protagonisten tatsächlich gebeten, die westlichen Kleidungsstücke zur Seite zu legen und stattdessen die alten Trachten hervorzuholen, vielleicht ein bisschen mehr Haut zu zeigen. Das sieht dann manchmal aus wie eine Szene aus "Game of Thrones" und ist erst Mal auch nicht verwerflicher als das Verhalten von Neu-Münchnern, die eigentlich erst vor zwei Jahren aus Wuppertal hergezogen sind, sich aber für das Oktoberfest in alpenländische Tracht werfen.

Es ist naiv, nur das für authentisch zu halten, was in grauer Vorzeit verankert ist, als sei es von den Göttern gestiftet. Kleidung und Körperdekoration sind immer Menschenwerk. Nichts zeigt das besser als die bayerische Lederhose. Sie war ursprünglich die profane Arbeitshose der Landbevölkerung, die zudem im 19. Jahrhundert zunehmend durch Loden ersetzt wurde. Erst in der Romantik, unter dem Einfluss von Künstlern wie dem Maler Ludwig Richter und unterstützt von den Wittelsbachern, wurde sie zur Jahrhundertwende langsam zur Tracht. Richtig verbreitet hat sich die Lederhose dann erst nach dem 1. Weltkrieg, als es so richtig mit dem Alpentourismus losging und die Großstädter, nun ja: authentische Ureinwohner besichtigen wollten.

Die bayerische Tracht ist also zumindest in Teilen eine erfundene Tradition, ein Begriff, den der britische Historiker Eric Hobsbawm geprägt hat: In der Gegenwart konstruierte kulturelle Symbole werden in die Vergangenheit zurückprojiziert, um die kollektive Identität zu festigen. In unsicheren Zeiten zieht der Münchner eher die Wiesn-Tracht an, damit ihm etwas wärmer ums Herz ist und er sich weniger einsam fühlt in einer globalisierten Zeit, in der so vieles im Fluss ist. Daran muss nichts Schlechtes sein.