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Kanada:Ureinwohner kultivierten Gärten im Ozean

Vancouver Island vor der Westküste Kanadas - hier wurde der erste Gezeitengarten der Ureinwohner entdeckt.

(Foto: Boris Kasimov / Flickr / CC by 2.0)
  • Die Ureinwohner Kanadas waren nicht nur Sammler und Jäger.
  • An den Küsten legten sie Muschelgärten an, in der indigenen Sprache K'yuk'yugwisnuxw genannt.
  • Neben Schalentieren im Meer kultivierten sie an Land auch Beeren und sogar Apfelbäume.

Von Bernadette Calonego

Dana Lepofsky ist patschnass. Die kanadische Archäologin kniet im Wasser des Nordostpazifiks und gräbt sich durch eine meterdicke Schicht voller Schlamm und Kalkschalen. Sie ist entschlossen, das Geheimnis dieses Muschelgartens aufzudecken, den Menschen vor langer Zeit angelegt haben. Auf der Insel Quadra an Kanadas Westküste, wo Lepofsky derzeit forscht, hat sie bereits ähnliche Kulturen entdeckt. Es sind wichtige Funde: Sie widerlegen das Bild, das die Siedler von den Ureinwohnern British Columbias zeichneten, um ihnen leichter das Territorium wegnehmen zu können: Sie behaupteten, dass die Eingeborenen ausschließlich Jäger und Sammler waren. Hinweise aus der mündlichen Überlieferung auf eine solche Bewirtschaftung wurden hingegen ignoriert, auch von der Wissenschaft.

Das hat sich geändert. Schalentiere erregen neuerdings viel Aufsehen unter Archäologen. So zeugen Lepofskys Ausgrabungen auf Quadra Island von der großen Expertise der Indianer. Sie errichteten in den Gezeitenzonen Barrieren mit Steinen, um das Ozeanwasser am Zurückfließen zu hindern. In den Wasserbecken vermehrten sich die Muscheln in großer Zahl. Sie waren der ideale Lebensraum etwa für Buttermuscheln.

Die ersten Steingärten entdeckte der Meeresbiologe John Harper aus dem Helikopter

Aber Steine sind schwer zu datieren. Deshalb ist Lepofsky auf andere Hinweise angewiesen. An diesem Tag hat sie Glück: Ein Stein weist Narben auf, die Rankenfüßer auf der glatten Oberfläche hinterlassen haben. Jetzt kann das Alter dieser Krebse - und damit das Alter des Muschelgartens - bestimmt werden. "Wir sind überzeugt, dass die Muschelkulturen tausend Jahre alt sind", sagt Lepofsky, "und manche wahrscheinlich noch älter."

Laut Lepofsky gibt es Tausende Gezeitengärten entlang der Westküste Kanadas. Die ersten hat der Meeresgeologe John Harper 1995 entdeckt, als er im Helikopter tief über die Inseln vor der Nordostküste von Vancouver Island entlang flog, um Daten für topografische Landkarten zu erstellen. Im Broughton-Archipel fielen ihm merkwürdige niedrige Steinwälle entlang der Strände auf. Die Steinbrocken waren säuberlich aufgeschichtet und so groß wie Basketbälle.

"Diese Menschen waren nicht annähernd so passiv, wie wir bislang glaubten"

"Hinter den Wällen fanden wir eine riesige Zahl von Muscheln", sagt Harper. Er brachte Experten an diese Strände. "Keiner wusste etwas darüber", sagt Harper. Erst als Harper dem 86-jährigen, indianischen Clanhäuptling Adam Dick Bilder zeigte, erhielt er eine Erklärung. Es waren Muschelkulturen der Ureinwohner, ihr Name lautete "K'yuk'yugwisnuxw", was so viel bedeutet wie: "Steine, die aufrecht stehen".

"In diesen Gärten wurden die Muscheln von Oktober bis März geerntet, wenn die Ebbe am niedrigsten war", sagt die Forscherin Kim Recalma-Cletusi, die selbst indigenen Ursprungs ist. Ihre Vorfahren hätten das Muschelfleisch dann gegrillt und gedünstet. "Es war eine wichtige und zuverlässige Proteinquelle an unserer Küste. Unsere Vorfahren erzählten davon, aber das wurde ignoriert", sagt Recalma-Cletusi. "Wir wurden für Wilde gehalten." Dabei hätten ihre Vorfahren das Land klug bewirtschaftet. Sie kultivierten nicht nur Muscheln, Beeren und Obst, sondern auch Wurzelgemüse. Diese Pflanzen hätten die Ureinwohner insbesondere in den Mündungsgebieten von Flüssen angebaut, darunter Lilienarten, Rotklee, Lupinen oder Gänsefingerkraut. Die Wurzeln hätten als komplexe Kohlenhydrate in der Ernährung gedient.

Diese Bewirtschaftungsmethoden hätten es ermöglicht, dass relativ große Gemeinschaften über lange Zeiträume ernährt werden konnten, sagt Doug Deur, Privatdozent für Anthropologie an der Portland State University. Die Menschen, die seit Jahrtausenden an der Küste von British Columbia lebten, hätten ein viel umfassenderes Verständnis der Umweltprozesse gehabt und wie man sie nutzen und mit ihnen arbeiten könne. "Diese Menschen waren nicht annähernd so passiv, wie wir bislang glaubten", sagt Deur. "Das verändert unsere wissenschaftliche Betrachtung dieser eingeborenen Gemeinschaften." So führt ausgerechnet ein unglamouröses Tier wie die Muschel zu einem völlig neuen Bild der Ureinwohner an Kanadas Westküste.

© SZ vom 26.10.2015/chrb

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