Esoterik Gläubige beschaffen sich ihre Beweise selbst

Diese banalen Ideen nehmen Menschen für den Mond-Glauben ein? "Es handelt sich um einen Erfahrungsglauben, der durch Probieren funktioniert", sagt der Soziologe Wunder. Die Menschen widmen sich den Dingen durch die Ratschläge der Kalender intensiver und pflanzen etwa mit großer Sorgfalt Radieschen im Einklang mit dem Mond. "Natürlich beobachten sie dann alles weitere besonders genau und kümmern sich besser um ihre Gemüsebeete, die dadurch gut gedeihen", sagt Wunder.

So beschaffen sich Mond-Menschen selbst scheinbare Beweise: Die Radieschen gedeihen prächtig, der Mond, Sie wissen schon. Die Gegenprobe, wie das Gemüse bei vermeintlich schlechten kosmischen Konstellationen wächst, wird nicht gemacht und so bestätigt sich die Erfahrung subjektiv.

"Das wird dann oft zum Selbstläufer", sagt Wunder. Wer außerdem mal wieder nicht schlafen kann und den Vollmond vor dem Fenster anglotzt, ist endgültig von der unheimlichen Kraft des Erdtrabanten überzeugt. Wenn er bei Neumond auch nicht schlafen kann, erschüttert das seine Annahme nicht: Er wird seine Aufmerksamkeit auf andere Dinge lenken und nicht über den Mond nachdenken - eine Mischung aus selbst bestätigender Erwartung und selektiver Wahrnehmung.

Wie hartnäckig viele Menschen ihren trügerischen Erfahrungen glauben, erlebt Helmut Groschwitz von der Universität Regensburg immer wieder. Bei einem seiner Vorträge widersprach eine Frau den Ausführungen des Kulturwissenschaftlers, der sich mit Mondmythen beschäftigt.

Seit sie ihre Reisigbündel für Adventskränze nach dem Mondkalender schneide, hielten diese länger frisch, erklärte die Dame. Auf Nachfrage erzählte sie, dass sie etwa zeitgleich von Fichten- auf Douglasienzweige umgestiegen sei. Auch als ihr andere Zuhörer mehrmals versicherten, dass Fichten ihre Nadeln rascher verlieren als Douglasien, beharrte sie auf ihrer Interpretation.

In jedem Dorf eine andere Variante

Frauen stellen die Mehrheit unter den Mond-Gläubigen, wie überhaupt unter den Esoterik-Anhängern. In Bayern und Baden-Württemberg ist der Glaube am weitesten verbreitet. "Ein Drittel der Bevölkerung in Süddeutschland steht den Mondkalendern aufgeschlossen gegenüber", sagt Wunder. Im Norden und in den neuen Bundesländern leben eher Mondkalender-Heiden. Doch auch dort existieren Mondmythen.

Es herrscht eine große Beliebigkeit: In Deutschland erzählten sich die Menschen einst praktisch in jedem Dorf eine andere Variante der geheimnisvollen Mondkräfte. "Übereinstimmungen zu finden, ist fast unmöglich", sagt Wunder. Das ist noch heute so.Die USA erlebte zum Beispiel durch die New-Age-Bewegung in den 1970er- und 1980er-Jahren eine Phase der intensiven Mondanbetung. Dort konzentrierte man sich aber auf den Vollmond. Mondphasen oder Konstellationen spielten in Amerika kaum eine Rolle.

Paungger und Poppe vermarkten den Mond erfolgreich als Leben im Einklang mit der Natur und von der Moderne bedrohte Tradition. "Altes Wissen gilt vielen Menschen als per se gut und wertvoll", sagt Groschwitz. Die Bücher erwecken den Anschein, als handele es sich um alte Tiroler Bauernweisheit, die sich über Jahrhunderte im Stillen bewährt habe und nur durch die Autoren vor dem Vergessen gerettet wurde.

"Man argumentiert, dass die böse Moderne etwas verdrängt", sagt Groschwitz. Nur habe es da nichts gegeben, was verdrängt werden konnte, hat der Kulturwissenschaftler in umfangreicher Recherche ermittelt. Mondkalender tauchten erst im 19. Jahrhundert auf.

Zuvor hatte der Aberglaube allenfalls in gehobenen Kreisen eine untergeordnete Bedeutung: In der Medizin des Mittelalters spielte der Mond zum Beispiel eine geringe Rolle. Laut Kalendarien aus dem 15. Jahrhundert sollten junge Leute bei zunehmendem und alte Menschen bei abnehmenden Mond zur Ader gelassen werden. Diese Publikationen erreichten nur eine geringe Verbreitung und verschwanden während der Zeit der Aufklärung.

Im 19. Jahrhundert wurden diese einst elitären Überzeugungen dann als vermeintlich alter Bauernglauben umetikettiert. Die Lebensreformbewegung und die Anthroposophie Rudolf Steiners gaben dem neuen Mondglauben in den 1920er- und 1930er-Jahren einen weiteren Schub.

Heute leben die Ideen Steiners in der biologisch-dynamischen Landwirtschaft fort: Demeter-Produkte wachsen im Einklang mit einem Glauben an die Kraft des Mondes und der Gestirne, die sich etwa in gemahlenen Kristallen konzentrieren soll, die dann als homöopathisch verdünnte Lösung auf die Felder gesprüht werden.

Auf diesem Acker gedeihen heute die Mondmythen. Maria Thun zum Beispiel veröffentlicht seit 1963 einen jährlichen Aussaatkalender, um Beete im Einklang mit dem Mond zu bepflanzen. Laut Groschwitz haben Paungger und Poppe aus diesen Büchern großzügig abgeschrieben. Die Sache mit dem Mond ist eben ein ziemlich beliebiger Käse - ohne Nährwert und Geschmack.

Paungger und Poppe schreiben auf ihrer Webseite übrigens, dass sie ihre Version der Mondlehre nun auf den amerikanischen Markt tragen möchten und ihren Wohnsitz in die USA verlegen werden. Deshalb steht ihr Haus bei Wien zum Verkauf. Natürlich wurde es mit Mondholz nach dem Rhythmus des Erdtrabanten gebaut.