Blindgänger in Laos Genug Bomben für 3000 Jahre

Stadt, Land, Bombe

Aus Bomben werden Löffel gemacht, sie werden als Zaunpfähle verbaut. Wie die Laoten mit dem vielen Kriegsschrott umgehen, den ihnen die Amerikaner gebracht haben - und wie sie darunter leiden. mehr...

Vor 40 Jahren endete der Vietnamkrieg, doch im Nachbarland Laos tötet dessen Erbe noch heute. Bis zu 80 Millionen Blindgänger schlummern im Boden. Trotz der Gefahren sind die US-Bomben eine Ressource - Löffel, Boote und Häuser erwachsen daraus.

Von Caroline von Eichhorn und Christoph Behrens, Phonsavan

"Big Bombie!", ruft der Dorfbewohner, lässt seine Hände wie Düsenflugzeuge kreisen. Die Hände fliegen auseinander. "Boom!" Der Mann steht vor seiner Holzhütte und stellt den Indochinakrieg nach. Vor einem halben Jahrhundert krachte es hier gewaltig. US-Kampfpiloten bombardierten jahrelang den Flecken, auf dem heute sein Haus, sein Hühnerstall und eine Handpumpe steht, an der sich die Familie wäscht.

Jetzt streckt er das Überbleibsel des Luftkriegs, ein pechschwarzes Ding, stolz in die Luft. In seinen Händen hält der Bauer eine kleine, fiese 120-mm-Wurfgranate. Sie sieht ein wenig wie eine Aubergine aus und enthält wohl genug Sprengstoff, um fünf Menschen zu töten. Er streckt sie seinen Besuchern aus Deutschland entgegen. Mal anfassen, boom? Nein, danke. Die Fotografin ist bereits in Deckung gegangen. Warum denn bloß? Der Dorfbewohner kann es nicht fassen. Achselzuckend legt er die Bombe beiseite und beginnt summend, die Hühner zu füttern.

So ist das hier im Norden von Laos mit den Bomben: Alltag. Überall liegen sie, in den Feldern, Flüssen, auf den Berggipfeln. Wenn der Monsun kommt, weicht der Regen den Boden auf und die Sprengkörper wandern an die Oberfläche wie vergiftete Pilze. Im Nachbarort schmelzen sie das Altmetall ein und gießen Löffel daraus. Und die großen, mannsgroßen Torpedos, die einst über dem Himmel aufplatzten und die kleinen Granaten über dem Land verstreuten, sind begehrtes Baumaterial. Wenn man mit dem Motorrad über die kurvigen Straßen voller Schlaglöcher holpert, sieht man die Bombenteile gelegentlich in neuer Verwendung als Zaunlatten, Pfähle oder Futtertröge für Kühe. Es ist ein gefährliches Wirtschaftsmodell, denn viele der Kriegsreste sind noch scharf. Und es gibt eine Menge davon.

Wie ein Sack Konfetti, der aufplatzt

Nirgendwo auf der Welt schlummern so viele Blindgänger wie auf der "Ebene der Tonkrüge" in Nordlaos, zugleich eine der am wenigsten entwickelten Regionen der Welt. Wie viele es sind und wo sie liegen, weiß keiner genau. Sicher ist bloß: Von 1964 bis 1973 warfen US-Piloten etwa 270 Millionen Streubomben über Laos ab, diese Zahl hat das US-Nationalarchiv dokumentiert. Weitgehend unbemerkt von der Weltöffentlichkeit gingen 2,5 Millionen Tonnen Munition in dem bergigen Land nieder - mehr Bomben, als die Alliierten im Zweiten Weltkrieg auf Deutschland und Japan zusammen warfen.

Große Bomben mit mehr als 100 Kilogramm Sprengstoff machten nur einen Teil davon aus, viel verheerender war der Abwurf von Clustermunition. Man kann sich das vorstellen wie einen Sack Konfetti, der aufplatzt. Die Bomber lassen einen großen Torpedo fallen, er enthält bis zu 900 Sprengkörper, jeder so groß wie eine Mandarine oder ein Apfel. Einige hundert Meter über dem Boden platzt die Schale auf und verstreut die Fracht in der Landschaft. Neun Jahre lang fiel im Schnitt fast jede Sekunde eine Streubombe auf Laos.

Und etwa jede dritte explodierte nicht.

Diese Blindgänger sind gefrorene Geschichte, die darauf wartet zu tauen. Und wenn es passiert, dann trifft es unbedarfte Menschen wie Phongsavath Manithong. Es ist sein 16. Geburtstag, als der Schüler vom Unterricht heimläuft und einer seiner Freunde etwas Rundes, Schwarzes auf dem Boden findet. Das glänzende Ding zieht sie an, niemand von ihnen hat so etwas je gesehen. Gib es mir, sagt Phongsavath. Sein Freund drückt ihm die Metallkugel in die Hand. Die Kugel explodiert, alles wird schwarz. Als er aufwacht, liegt er im Krankenhaus, er hat beide Hände verloren und ist blind. Die Bombe hat seine Hände zerfetzt, die Ärzte haben sie amputiert.

"Überall in meinem Körper war Schmerz, meine Arme fühlten sich an, als würden sie brennen", sagt Phongsavath. Der heute 22-Jährige umklammert mit den Unterarmen seinen Blindenstock. Er sitzt im gelben T-Shirt in einem Büro der Hilfsorganisation Handicap International in der Hauptstadt Vientiane und erzählt, wie sich seit dem Unfall alles verändert hat. Als er Wochen später in sein Dorf zurückkehrt, reagieren viele ablehnend. Er kann nicht mehr zur Schule gehen oder arbeiten. Kinder rennen schreiend davon, wenn sie Phongsavath über die Straße humpeln sehen.

440 Millionen

Stück Streumunition sind seit 1965 abgefeuert worden, davon allein 383 Millionen in Vietnam, Kambodscha und Laos. Die Geschosse landen auf weiter Flur, manche Raketenwerfer verschießen mit einer einzigen Salve 8000 Kugeln auf einer Fläche von 50 Fußballfeldern. Weil viele Projektile nicht beim Aufprall detonieren, sind nach Angaben von Handicap International neun von zehn Streubombenopfern Zivilisten. 114 Staaten haben mittlerweile ein Übereinkommen zur Ächtung der Munition unterzeichnet. In 17 Staaten wird sie vermutlich noch produziert.

Das Unwissen über die Gefahren ist groß. "Viele kleine Kinder wissen nicht, was sie da finden und spielen damit", sagt Phongsavath. Als Behinderter hat er es schwer in der buddhistischen Gesellschaft. Wer einen Unfall erleidet, erhält damit die Quittung für Untaten in einem früheren Leben, glauben die Menschen. Aus Scham verstecken viele Angehörige Kinder und Jugendliche, die eine Explosion zu Invaliden gemacht hat. Wie viel Schaden die Clusterbomben angerichtet haben, ist daher schwer zu ermitteln. Experten vermuten, dass die Bomben seit Ende des Krieges etwa 20 000 Laoten getötet haben, davon 8000 Kinder. Die Zahl der Schwerverletzten liegt deutlich höher.