Alternative Heilverfahren Kritiker werden als extreme Skeptiker abgestempelt

Sogenannte alternative Heilverfahren sind auf dem Vormarsch. Doch für viele Methoden fehlen Belege für eine Wirksamkeit, andere widersprechen den Naturgesetzen. Wer darauf hinweist, muss sich derzeit auf ruppige Reaktionen aus der Szene gefasst machen. Besonders betroffen davon ist Edzard Ernst, einer der renommiertesten Kritiker der Paramedizin.

Interview: Markus C. Schulte von Drach

Bei der Akupunktur gibt es Hinweise auf Wirksamkeit. Deshalb sollte sie weiter erforscht werden, sagt Edzard Ernst. Für andere sogenannte alternative Heilverfahren wie Homöopathie sollte dagegen endlich Schluss sein.

(Foto: OBS)

Edzard Ernst ist einer der bekanntesten Wissenschaftler im Bereich der sogenannten alternativen Heilverfahren, die er an der University of Exeter in Großbritannien erforscht hat. Zugleich ist er einer der schärfsten Kritiker von Verfahren wie der Homöopathie oder der anthroposophischen Medizin. Das verschafft ihm wenig Freunde in der Szene. Und derzeit weht der Gegenwind besonders scharf.

SZ.de: Sie hätten heute in München einen Vortrag zum Thema Akupunktur halten sollen. Aber der Veranstalter, das Wissenschaftszentrum der Deutschen Ärztegesellschaft für Akupunktur, hat den Vortrag überraschend abgesagt. Warum?

Edzard Ernst: Ich bin vom Vorsitzenden mit einer äußerst seltsamen Begründung ausgeladen worden: Man wolle nicht den Eindruck erwecken, in ein laufendes Verfahren an der Universität Zürich einzugreifen. Dort wird zurzeit entschieden, wer den Lehrstuhl für Naturheilkunde übernehmen soll.

Was hat das eine mit dem anderen zu tun?

Ich habe dort in der Berufungskommission gesessen. Und Mitglieder des Wissenschaftszentrums haben sich auf den Lehrstuhl in Zürich beworben. Das ist die offizielle Begründung für meine Ausladung. Aber den Zusammenhang sehe ich nicht.

(Auf die entsprechende Anfrage von Süddeutsche.de hat der Vorsitzende des Wissenschaftszentrums, Prof. Winfried Banzer von der Universität in Frankfurt am Main, die offizielle Erklärung bestätigt. Auf die Bitte, den Zusammenhang zu erklären, hat er allerdings nicht reagiert.)

In Zürich wurden Sie gedrängt, die Kommission zu verlassen, weil Sie angeblich Interna preisgegeben haben.

Diese Vorwürfe habe ich zurückgewiesen und den Dekan der medizinischen Fakultät auf die Missstände in der Kommission hingewiesen. Die waren für mich auch der Grund, tatsächlich auszuscheiden. (Süddeutsche.de hatte darüber berichtet.)

Also war der Vorwurf des Vertrauensbruchs nur vorgeschoben?

Das ist ganz klar mein Eindruck. Es ist eher so, dass meine Kritik dort nicht gut angekommen ist. Und es hat ganz offensichtlich Vertrauensbrüche von anderen gegeben. Es war nämlich überdeutlich zu bemerken, dass eine Bewerberin vorgewarnt war, ich würde Kritik an ihrer Arbeit üben.

Und kurz darauf die Ausladung des Wissenschaftszentrums ...

Ich vermute, dass sich dort Leute zu Wort gemeldet haben, die nicht mit meinem Verhalten und meiner Kritik einverstanden sind. Eine Ausladung eine Woche vor der Veranstaltung ist einfach haarsträubend.

Worum sollte es in Ihrem Vortrag gehen?

Um eine kritische Analyse der wissenschaftlichen Akupunkturstudien.

Zu kritisch für manche Anhänger der Akupunktur?

Ehrlich gesagt, ich verstehe es nicht. Es ist schließlich bekannt, dass ich für Kritik stehe. Diese Ausladung ist ein Affront.

Sie sind immer schon angefeindet worden. Nehmen die Bestrebungen zu, Sie kaltzustellen?

Den Eindruck habe ich schon. Man versucht immer mehr, mich als extremen Skeptiker mit einer grundsätzlich ablehnenden Haltung den sogenannten alternativen Heilverfahren gegenüber abzustempeln. Es gibt in den einschlägigen Magazinen und auf einer Reihe von Webseiten Versuche, mich zu diffamieren. In Deutschland gibt es zum Beispiel die Internetseiten des Herrn Fritzsche, die von Homöopathie-Firmen finanziert werden.

Darüber hat die Süddeutsche Zeitung berichtet. Was sagen Sie dazu?

Ich bin natürlich kritisch und darauf bin ich stolz. Ein unkritischer Wissenschaftler ist ein Widerspruch in sich. Aber diese Vorwürfe entbehren jeder Grundlage.

Warum nimmt der Gegenwind gerade jetzt zu, obwohl die Paramedizin doch auf dem Vormarsch ist? Die Zahl der Ärzte und Apotheker, die sogenannte alternative Verfahren und Mittel anbieten, wächst. An den Universitäten gibt es bereits häufig entsprechende Kurse für Medizinstudenten und angehende Apotheker.

Das hängt vielleicht mit finanziellen Schwierigkeiten der Branche zusammen, etwa wegen der schlechten Wirtschaftslage weltweit. Sicher spielt auch die zunehmend engere Finanzlage in den Gesundheitssystemen, nicht nur in Deutschland, eine Rolle. Die Zeiten, in denen Millionen Euro zum Beispiel für Akupunkturstudien ausgegeben wurden, sind offenbar vorbei. Da sind kritische Stimmen natürlich immer weniger erwünscht, da sie die finanzielle Basis zusätzlich gefährden.

Sie weisen den Vorwurf zurück, Sie würden die komplementären Verfahren grundsätzlich ablehnen. Gibt es Ansätze, deren Erforschung Sie richtig finden?

Bei der Akupunktur zum Beispiel gibt es Hinweise auf eine Wirksamkeit. Es gibt einige gut gemachte Studien mit guten Ergebnissen. Möglicherweise ist die Methode bei einigen Leiden wirksam. Es gibt sogar eine Vorstellung davon, wie. Allerdings hat das nichts mit Yin und Yang und Meridianen zu tun, sondern mit komplizierten neurophysiologischen Mechanismen. Da lohnt es sich, weiter zu forschen.

Gibt es noch weitere Gebiete, die wissenschaftlich untersucht werden sollten?

Phytotherapie, also Pflanzenmedizin. Darin dürfte noch viel Potenzial stecken. Viele Medikamente sind bereits aus pflanzlichen Stoffen entwickelt worden. Diese Forschung muss weitergehen und wird weiterhin Früchte tragen. Interessant ist auch die sogenannte Mind-Body-Medizin.

Was ist das?

Hier wird zum Beispiel versucht, über Entspannungseffekte bei Patienten Schmerzen oder Stress zu mindern. Man kann zwar nicht sicher sein, ob diese Verfahren über den Placeboeffekt wirksam sind. Aber wenn es den Patienten hilft, dann ist diese Frage nachrangig. Das Wesentliche ist, dass einige dieser Verfahren tatsächlich zu helfen scheinen.

Das nehmen Homöopathen und andere Paramediziner auch für sich in Anspruch.

Die Homöopathie ist aber grenzenlos unplausibel. Wir verstehen die Naturgesetze gut genug, um zu wissen, dass sie keine Grundlage hat. Ohne Wirkstoffmoleküle gibt es auch keine Wirksamkeit. Und wenn Sie sich die klinischen Studien in ihrer Gesamtheit anschauen, dann kommen Sie unweigerlich zu dem Schluss, dass die Wirksamkeit für kein einziges Leiden belegt ist. Das alles ist so überzeugend, dass man sagen sollte: Jetzt ist Schluss damit.

Das gilt dann wohl auch für Bach-Blütentherapie, Schüßler-Salze und die anthroposophische Medizin, deren Anhänger von ähnlichen Vorstellungen ausgehen wie die Homöopathen?

Ganz genau. Und die anthroposophische Medizin ist nicht nur unwissenschaftlichen, sondern mit ihrer Haltung zum Impfen sogar antiwissenschaftlich und gefährlich.

Wieso das?

Wenn man eine gefährliche Krankheit wie die Masern als etwas betrachtet, dass für die Entwicklung eines Kindes wichtig ist, dann ist das für mich medizinischer Wahnsinn.

Viele Menschen haben das Gefühl, die alternativen Verfahren würden ihnen helfen. Da kommt offenbar der Placeboeffekt ins Spiel. Sollten Ärzte stärker auf die Wirkung von Scheinmedikamenten setzen?

Natürlich sind hier Placeboeffekte wirksam und können helfen. Und Ärzte sollten sie auch einsetzen. Aber wenn Sie ein pharmakologisch effektives Mittel mit Empathie, Sympathie, Hingabe und Zeitaufwand verordnen, lösen Sie auch einen Placeboeffekt aus - aber zusätzlich auch eine spezifische Wirkung. Wenn Sie jedoch nur ein Placebo geben, etwa Globuli, dann betrügen Sie den Patienten doch um den therapeutischen Effekt eines richtigen Medikaments.

Sie sprechen Empathie und Hingabe des Arztes an. Wie wichtig ist denn die sogenannte sprechende Medizin, die die Bedeutung des Gesprächs zwischen Mediziner und Patient betont?

Gute Medizin besteht aus zwei wesentlichen Elementen. Das eine ist die Kunst der Medizin, das andere die Wissenschaft der Medizin. Moderne Medizin ist vielleicht zu sehr fokussiert auf das wissenschaftliche Element. Alternativmediziner wie die Homöopathen konzentrieren sich dagegen fast ausschließlich auf die Kunst der Medizin. Die können mit den Patienten sehr gut umgehen. Wenn eines der beiden Elemente fehlt, ist es keine gute Medizin. Das ist eine Kritik an der sogenannten Schulmedizin als auch an den sogenannten Alternativmedizinern.