Zukunft der Arbeit Was die digitale Revolution mit uns macht

Führt die digitale Revolution zur Vereinzelung und Entmachtung der Beschäftigten?

(Foto: AFP)

Erst brechen einfache Arbeitsplätze weg, dann kriecht die Angst auch die Bürotürme hoch. Dass alles automatischer, flexibler, freier wird, kann Bedrohung und Chance sein. Frisst die digitale Revolution ihre Kinder?

Von Marc Beise

Diese Frau ist eine Offenbarung, sie durchs Leben zu begleiten ein Ritt ins Ungewisse. 24 Jahre war Mae Holland jung, als sie uns das erste Mal begegnete, drüben in Kalifornien. Eine junge Frau, so voller Hoffnung. Hatte gerade das dröge Leben als IT-Mensch beim städtischen Gaswerk hinter sich gelassen und einen Job ergattert in diesem coolsten aller Internetkonzerne an der amerikanischen Westküste. Hatte den Arbeitsvertrag unterschrieben, ohne ihn durchzulesen, warum auch, und dann ging's ab. My God, Mae thought. It's heaven.

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"Zwischen Ausbeutung und Selbstverwirklichung: Wie arbeiten wir in Zukunft?" Diese Frage hat unsere Leser in der achten Runde des Projekts Die Recherche am meisten interessiert. Dieser Beitrag ist Teil eines Dossiers, das sie beantworten soll. Alles zur aktuellen Recherche finden Sie hier, alles zum Projekt hier.

Der Himmel, meine Güte. Am Anfang war das Wort, hieß es früher, heute muss man wohl sagen: Am Anfang ist der Computer. Der Computer, den Mae gleich am ersten Tag in der Firma bekommen hat. Das Ding, das das Tor in der Welt ist, ein Gehäuse mit Elektronik - und vor allem: die Verbindung ins weltweite Netz.

Beklemmende Utopie

Es war ein Mann namens Dave Eggers, der uns vor Jahresfrist mit Mae bekannt gemacht hat, Schriftsteller, Drehbuchautor und Literaturmanager aus der San Francisco Bay Area. Mae Holland ist sein Geschöpf. Hauptfigur in "The Circle", ein dickes, rot eingebundenes Paket Papier, vergangenes Weihnachten gedruckt oder im Lesegerät ein beliebtes Geschenk. Ein Roman, ein Bestseller, und ja, man kann über die literarische Qualität streiten und über die apokalyptische Botschaft des Buchs, aber man kann sich seiner Wirkung schwer entziehen. Erst recht nicht, wenn man sich Gedanken macht darüber, wohin die digitale Revolution noch führen wird. Was sie mit uns macht, und mit unserer Art zu arbeiten.

Circle, dieses scheinbar freundliche Internetunternehmen aus Kalifornien, das die Geschäftsfelder von Google, Apple, Facebook und Twitter geschluckt hat, stattet seine Kunden mit einer einzigen Internet-Identität aus, über die einfach alle Geschäfte und Beziehungen abgewickelt werden können. Eine Utopie, klar, aber eine beklemmende. Und Mae Holland, die ehrgeizige junge Frau, führt durch diese schöne neue Welt, die so wenig noch gemein hat mit dem, wohinein man als eher älterer Zeitgenosse mal geboren wurde.

Begeistert stürzt sich Mae in ein Arbeitsleben, das durch sonnendurchflutete Büros und kostenlose High-End-Restaurants auf dem Firmengelände definiert ist, wo abends Party angesagt ist und Pop-Stars Gratiskonzerte geben. Und wo dank des Internets alles, alles! netz-öffentlich wird. Mae reüssiert beim Circle, sie spielt das Spiel auf ihre Art perfekt, und das heißt: Sie treibt den Anspruch, alles müsse transparent sein, auf die Spitze. Wahn oder Wirklichkeit, das ist dann die Frage.

Drei Revolutionen der Arbeitswelt

Doch zunächst noch zur Gegenwart, aufregend genug. Heute schon, nach drei gewaltigen Revolutionen der Arbeitswelt, ist die Lage reichlich unübersichtlich.

Drei Revolutionen? Angefangen hatte es vor 200 Jahren, als die gerade erfundene Dampfmaschine Handwerker und Manufakturen verdrängte. Hundert Jahre später machten Elektrizität und Fließband (Autoproduktion bei Ford!) Massenfertigung möglich. In den Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts, das ist noch nicht so lange her, erfand der Mensch den Computer, machte ihn alltagstauglich und ermöglichte die Automatisierung.

Arbeit 4.0: Wie beeinflusst die digitale Revolution unsere Arbeitswelt?

Zum vierten Mal durchlebt die Arbeitswelt eine Revolution. Alles wird automatischer, flexibler und freier. Die Digitalisierung kann eine Bedrohung sein - aber auch eine Chance. Diskutieren Sie mit uns. mehr ... Ihr Forum

Die technische Entwicklung war das eine, die Globalisierung tat ein Übriges. Lange hatten die (West-)Deutschen sich als "Werkbank der Welt" neben den USA weltweit an der Spitze eingerichtet, hatten die Katastrophe des verlorenen Zweiten Weltkriegs schnell hinter sich gelassen. Seit einer Generation aber holen, wie sollte es auch anders sein, immer mehr Länder auf. Die Schwellenländer erobern Marktanteile, China wächst zum Giganten, kurz: Sie alle fordern die Deutschen mit ihrem ziemlich teuren, recht bürokratischen und sozial fein abgefederten Kapitalismus heraus.

Unterbrochene Karrieren werden zum Normalfall

Technik und Globalisierung (und ein paar weitere Gründe) sind verantwortlich dafür, dass die Dinge in der deutschen Arbeitswelt unordentlich geworden sind; das kann man beklagen, verhindern kann man es nicht. Natürlich gibt es mehrheitlich weiter das sogenannte Normalarbeitsverhältnis, sind viele Jobs sicher und gut bezahlt. Aber überall werden Kosten gespart, immer mehr Unternehmen stehen unter Druck. Gehälter steigen nicht mehr, Arbeitsplätze fallen weg, unterbrochene Karrieren werden zur Routine. Wer Arbeit hat, dem wird mehr aufgebürdet. Wer draußen ist, kommt schwer rein.

Je besser einer ausgebildet ist, desto leichter wird er es im Leben haben, das stimmt noch immer. Aber die Kausalität ist gebrochen: Nicht jeder qualifizierte Abschluss sichert lebenslange Beschäftigung, schon gar nicht beim immer gleichen Unternehmen. "I gang dann moal zm Daimler und des isches", das gilt nicht mehr. Und wird in Zukunft noch weniger allgemeingültig sein; wer weiß denn schon, wie lange die Daimler-Herrlichkeit noch hält in Zeiten, in denen auch Google und Apple mit dem Auto liebäugeln und der Silicon-Valley-Unternehmer Elon Musk mit dem "Tesla" eine Marke aus dem Nichts heraus etabliert hat.

Wenn sie keine Brötchen verdienen, sollen sie doch Kuchen backen

Beuten wir uns selbst aus oder lassen wir uns ausbeuten? Wird es in Zukunft keine klare Grenze mehr geben zwischen Job und Freizeit? Oder übernehmen Computer und Roboter unser Tagwerk? Eine Woche und mehr als 20 Beiträge zum Recherche-Thema Arbeit. Von Sabrina Ebitsch mehr... Die Recherche - Werkstattbericht