Süddeutsche Zeitung

Zukunft der Arbeit:Was die digitale Revolution mit uns macht

Erst brechen einfache Arbeitsplätze weg, dann kriecht die Angst auch die Bürotürme hoch. Dass alles automatischer, flexibler, freier wird, kann Bedrohung und Chance sein. Frisst die digitale Revolution ihre Kinder?

Diese Frau ist eine Offenbarung, sie durchs Leben zu begleiten ein Ritt ins Ungewisse. 24 Jahre war Mae Holland jung, als sie uns das erste Mal begegnete, drüben in Kalifornien. Eine junge Frau, so voller Hoffnung. Hatte gerade das dröge Leben als IT-Mensch beim städtischen Gaswerk hinter sich gelassen und einen Job ergattert in diesem coolsten aller Internetkonzerne an der amerikanischen Westküste. Hatte den Arbeitsvertrag unterschrieben, ohne ihn durchzulesen, warum auch, und dann ging's ab. My God, Mae thought. It's heaven.

Der Himmel, meine Güte. Am Anfang war das Wort, hieß es früher, heute muss man wohl sagen: Am Anfang ist der Computer. Der Computer, den Mae gleich am ersten Tag in der Firma bekommen hat. Das Ding, das das Tor in der Welt ist, ein Gehäuse mit Elektronik - und vor allem: die Verbindung ins weltweite Netz.

Beklemmende Utopie

Es war ein Mann namens Dave Eggers, der uns vor Jahresfrist mit Mae bekannt gemacht hat, Schriftsteller, Drehbuchautor und Literaturmanager aus der San Francisco Bay Area. Mae Holland ist sein Geschöpf. Hauptfigur in "The Circle", ein dickes, rot eingebundenes Paket Papier, vergangenes Weihnachten gedruckt oder im Lesegerät ein beliebtes Geschenk. Ein Roman, ein Bestseller, und ja, man kann über die literarische Qualität streiten und über die apokalyptische Botschaft des Buchs, aber man kann sich seiner Wirkung schwer entziehen. Erst recht nicht, wenn man sich Gedanken macht darüber, wohin die digitale Revolution noch führen wird. Was sie mit uns macht, und mit unserer Art zu arbeiten.

Circle, dieses scheinbar freundliche Internetunternehmen aus Kalifornien, das die Geschäftsfelder von Google, Apple, Facebook und Twitter geschluckt hat, stattet seine Kunden mit einer einzigen Internet-Identität aus, über die einfach alle Geschäfte und Beziehungen abgewickelt werden können. Eine Utopie, klar, aber eine beklemmende. Und Mae Holland, die ehrgeizige junge Frau, führt durch diese schöne neue Welt, die so wenig noch gemein hat mit dem, wohinein man als eher älterer Zeitgenosse mal geboren wurde.

Begeistert stürzt sich Mae in ein Arbeitsleben, das durch sonnendurchflutete Büros und kostenlose High-End-Restaurants auf dem Firmengelände definiert ist, wo abends Party angesagt ist und Pop-Stars Gratiskonzerte geben. Und wo dank des Internets alles, alles! netz-öffentlich wird. Mae reüssiert beim Circle, sie spielt das Spiel auf ihre Art perfekt, und das heißt: Sie treibt den Anspruch, alles müsse transparent sein, auf die Spitze. Wahn oder Wirklichkeit, das ist dann die Frage.

Drei Revolutionen der Arbeitswelt

Doch zunächst noch zur Gegenwart, aufregend genug. Heute schon, nach drei gewaltigen Revolutionen der Arbeitswelt, ist die Lage reichlich unübersichtlich.

Drei Revolutionen? Angefangen hatte es vor 200 Jahren, als die gerade erfundene Dampfmaschine Handwerker und Manufakturen verdrängte. Hundert Jahre später machten Elektrizität und Fließband (Autoproduktion bei Ford!) Massenfertigung möglich. In den Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts, das ist noch nicht so lange her, erfand der Mensch den Computer, machte ihn alltagstauglich und ermöglichte die Automatisierung.

Die technische Entwicklung war das eine, die Globalisierung tat ein Übriges. Lange hatten die (West-)Deutschen sich als "Werkbank der Welt" neben den USA weltweit an der Spitze eingerichtet, hatten die Katastrophe des verlorenen Zweiten Weltkriegs schnell hinter sich gelassen. Seit einer Generation aber holen, wie sollte es auch anders sein, immer mehr Länder auf. Die Schwellenländer erobern Marktanteile, China wächst zum Giganten, kurz: Sie alle fordern die Deutschen mit ihrem ziemlich teuren, recht bürokratischen und sozial fein abgefederten Kapitalismus heraus.

Unterbrochene Karrieren werden zum Normalfall

Technik und Globalisierung (und ein paar weitere Gründe) sind verantwortlich dafür, dass die Dinge in der deutschen Arbeitswelt unordentlich geworden sind; das kann man beklagen, verhindern kann man es nicht. Natürlich gibt es mehrheitlich weiter das sogenannte Normalarbeitsverhältnis, sind viele Jobs sicher und gut bezahlt. Aber überall werden Kosten gespart, immer mehr Unternehmen stehen unter Druck. Gehälter steigen nicht mehr, Arbeitsplätze fallen weg, unterbrochene Karrieren werden zur Routine. Wer Arbeit hat, dem wird mehr aufgebürdet. Wer draußen ist, kommt schwer rein.

Je besser einer ausgebildet ist, desto leichter wird er es im Leben haben, das stimmt noch immer. Aber die Kausalität ist gebrochen: Nicht jeder qualifizierte Abschluss sichert lebenslange Beschäftigung, schon gar nicht beim immer gleichen Unternehmen. "I gang dann moal zm Daimler und des isches", das gilt nicht mehr. Und wird in Zukunft noch weniger allgemeingültig sein; wer weiß denn schon, wie lange die Daimler-Herrlichkeit noch hält in Zeiten, in denen auch Google und Apple mit dem Auto liebäugeln und der Silicon-Valley-Unternehmer Elon Musk mit dem "Tesla" eine Marke aus dem Nichts heraus etabliert hat.

Gegenentwurf zur digitalen Schauerversion

Stattdessen finden sich immer mehr Menschen in sogenannten prekären Arbeitsverhältnissen wieder: Zeitarbeiter, Leiharbeiter, Praktikanten, Wissenschaftler in Dauerbefristung, eng reglementierte Callcenter-Mitarbeiter. Die Folgen dieses Umbruchs für Millionen Menschen sind gewaltig. Sie bedeuten Ungewissheit, Unsicherheit, Unruhe, Druck. Mindestens bedeuten sie ein Auf und Ab, eine Herausforderung. Für viele ist das eine Zumutung.

Die Fragmentierung der Arbeitswelt kann Auswirkungen haben auf das Gefüge der Gesellschaft. Denn es brechen ja nicht nur durch die Automatisierung die einfachen Arbeitsplätze weg und es zementiert sich ein "Sockel" von Langzeitarbeitslosen und schwer Vermittelbaren, die Veränderungen strahlen aus bis tief in die Mittelschicht. Wenn die Angst vor dem sozialen Abstieg die Bürotürme hochklettert, dann ist die goldene Mitte bedroht, der Stabilitätsanker einer freiheitlichen Demokratie.

Maschinen kommunizieren untereinander

So geht das seit Jahren - und nun also kommt die vierte, die digitale Revolution. Man kann sie als weitere Bedrohung sehen. Aber auch als Chance, die Dinge zum Besseren zu wenden.

Der Digital-Turbo ist schon angekommen in den Fabriken, das deutsche Stichwort dafür lautet "Industrie 4.0". Der Mensch führt nicht mehr die Maschine, Maschinen kommunizieren untereinander und mit den Leitständen und den Technikern und der Buchhaltung. Man sollte das nicht beklagen, Wirtschaft ist immer Veränderung, wie das Leben. Aber die Veränderungen sind groß. Jobs verschwinden, andere entstehen, und das ist erst der Anfang.

Das nächste Thema ist ja schon zu erkennen, das "Internet der Dinge", die totale Vernetzung aller Lebensbereiche. Das Zuhause wird übers Handy von unterwegs gesteuert, die Autos fahren allein, ganze Branchen wie Reisevermittler, Fahrdienste und Handelsgeschäfte organisieren sich quasi von selbst, über ihre User und deren Daten im Netz, und es verdient derjenige, der dafür die Plattform zur Verfügung stellt. Das verändert Wertschöpfungsketten, vernichtet etablierte Geschäftsmodelle.

Und es verändert den Büroalltag. Handy, Notebook, Laptop machen es möglich, von überall zu arbeiten, was auch heißen kann: zu jeder Zeit. Arbeit ist nicht mehr raum- und zeitgebunden. Neudeutsch formuliert: Die Präsenzkultur wird zur Erlebniskultur. Wissen ist nicht mehr exklusiv. In den Unternehmen muss es um Kreativität gehen, nicht um Hierarchien.

Mitarbeiter werden selbständiger und mündiger

Das alles kann den Menschen, vor allem den nicht selbständig organisierten Arbeitnehmer, fix und fertig machen. Aber es kann auch eine Chance sein. Die Führungskultur in den Unternehmen wird sich verändern müssen. Firmen, in den der Chef von oben nach unten und am besten grummelnd und mit Gewalt führt, sind nicht innovativ, sie werden scheitern. Neue Unternehmen gründen sich, in denen neue Umgangsformen herrschen, übrigens auch neue Ausbildungsberufe Zukunft haben. Es sind immer die zwei Seiten einer Medaille: Der Wegfall der Präsenzpflicht im Büro kann die Arbeitnehmer ihres Schutzes berauben, kann sie in die totale Selbstausbeutung treiben. Es kann aber auch die Chance sein, endlich Familie und Beruf besser zu vereinbaren.

Mitarbeiter werden selbständiger, mündiger: Da lacht das Herz des Marktwirtschaftlers. Endlich wieder mehr Freiheit, mehr Flexibilität, mehr Wettbewerb. Aber wenn er, wie das in Deutschland eine gute Tradition ist, zugleich Ordnungspolitiker ist, also einen gesetzlichen Rahmen befürwortet, innerhalb dessen sich die Freiheiten entfalten können, dann ist er genau hier nun gefordert: beim Verändern des bestehenden, beim Setzen womöglich eines neuen Ordnungsrahmens.

Für diese Projekte gibt es kein richtig und falsch, gibt es keine Blaupause. Die Arbeit beginnt erst. Je eher Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft aber die Herausforderung begreifen und um die besten Lösungen ringen, desto besser wird es gelingen. Das wäre dann ein konkretes Gegenmodell zu der Schauerversion der digitalen Zukunft, wie sie Dave Eggers im "Circle" beschreibt.

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