Fed-Chefin Janet Yellen Warum die Zinswende so nötig war

Hat die Phase des extrem billigen Geldes beendet: Fed-Chefin Janet Yellen.

(Foto: Bloomberg)

Die amerikanische Notenbank-Chefin Yellen hat völlig recht, wenn sie jetzt die Zinswende beginnt. Die Zentralbank ist schon zu lange für die Politik in die Bresche gesprungen.

Von Claus Hulverscheidt

Es ist nicht so, dass Janet Yellen keine Wahl gehabt hätte. Dass sie den Beschluss nicht weitere sechs oder zwölf Wochen hätte hinauszögern können. Dass es keine Gründe gab, hinter denen sie sich hätte verstecken können: der Wachstumseinbruch in China etwa, die scheinbar unendliche Konjunkturflaute in Europa, die Wirtschaftskrisen in großen Schwellenländern wie Russland und Brasilien, die Angst vor einem Crash am Aktienmarkt.

Doch Yellen, die Chefin der US-Notenbank Fed, hat sich nicht versteckt, es wäre auch nicht ihre Art gewesen. Sie hat die Argumente ihrer Kritiker gehört, gewogen - und sich dann entschlossen, ihrem eigenen Seismografen zu folgen. Das Ergebnis ist die erste Leitzinserhöhung in den USA seit fast einem Jahrzehnt, eine Zäsur, mit der die längste und radikalste Billiggeldphase der Geschichte endet. Es ist der Abschluss eines heiklen Experiments - und der Beginn eines neuen.

Noch nie hat die Fed ihr Mandat so weit gedehnt

Was die Fed-Chefin von eitleren Zeitgenossen abhebt, ist, dass sie sich bei der Begründung des historischen Beschlusses jede politische Überhöhung, jedes selbstverliebte Resümee verkniff. Dabei hätte ein Rückblick auf die vielen Feuerwehreinsätze, zu denen die Notenbanken der westlichen Welt in den Krisenjahre hatten ausrücken müssen, einige regierungskritische und demokratietheoretische Bemerkungen durchaus gerechtfertigt.

Noch nie in der Geschichte nämlich ist die Geldpolitik so oft für eine überforderte Finanz- und Wirtschaftspolitik in die Bresche gesprungen, noch nie hat sie ihr Mandat so weit gedehnt - die Stichworte lauten Bankenrettung, Staatenrettung, Währungsrettung. In den USA etwa ist die Politik knapp elf Monate vor der Präsidentschaftswahl derzeit wieder einmal gelähmt. Die Gewählten streiten, die Nicht-Gewählten handeln - das ist ein Zustand, der Demokratien auf Dauer nicht gut tut.

Das Mandat der Fed ist eigentlich ein ganz einfaches

Statt all das zu sagen, hat Yellen Zahlenreihen vorgelesen, Notenbanker-Latein vorgetragen und daran erinnert, dass das Mandat der Fed eigentlich ein ganz einfaches ist: die Sicherung von Preisstabilität und möglichst hoher Beschäftigung. Mit dieser ihr eigenen brachialen Nüchternheit nahm sie den Kritikern den Wind aus den Segeln - sowohl denen, die sie zum Knecht der Finanzmärkte und der Weltwirtschaftsläufe machen wollten, als auch jenen, die klagten, sie handle viel zu spät und ja überhaupt nur, um an der Wall Street nicht als Schwächling zu gelten.

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Dabei galten die Zahlen zunächst als Yellens Achillesferse, denn die offizielle Teuerungsrate von gerade einmal 0,5 Prozent scheint ja für alles Mögliche zu sprechen, nur nicht für eine Zinserhöhung. Bereinigt man den Wert jedoch um die ungewöhnlich niedrigen Energiepreise, dann hat die sogenannte Kerninflation mit zwei Prozent die offizielle Teuerungsgrenze der Fed bereits erreicht. Ja, mehr noch: Sie liegt ziemlich genau dort, wo sie im Juni 2004 gelegen hatte- das war jener Monat, in dem die Fed die letzte große Zinserhöhungsrunde eingeläutet hatte.

Betrachtet man die Zahlen statt im Kontext der Krise also in der Kontinuität früherer geldpolitischer Beschlüsse, dann sprechen sie nicht gegen, sondern für die Notenbank-Führung. Das gilt auch für die Erwerbslosenrate, die sogar niedriger liegt als 2004 und damit signalisiert, dass vom Arbeitsmarkt bald ein spürbarer Lohn- und Preisdruck ausgehen könnte. Da geldpolitische Beschlüsse ihre Wirkung erst mit großer Verzögerung entfalten, muss die Fed zur Abwehr künftiger Inflationsgefahren heute handeln. Ansonsten liefe sie Gefahr, die Zinsen demnächst umso stärker anheben zu müssen.

Die Beantwortung der entscheidenden Frage steht noch immer aus

Und noch etwas übersehen die Kritiker: Selbst wenn 2016 weitere kleine Schritte folgen, werden die Leitzinsen noch auf Jahre hinaus unter jenen Werten liegen, die früher als normal galten. Das zeigt, dass die Notenbank dem Umstand sehr wohl Rechnung trägt, dass auch die Spätfolgen der Krise - geringe Investitionsbereitschaft, zögerliche Kreditvergabe, eher unterdurchschnittliches Wachstum - noch lange zu spüren sein werden.

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Neben all diesen realwirtschaftlichen Überlegungen hat der Zinsbeschluss aber natürlich auch eine übergeordnete Bedeutung, denn die Beantwortung der alles entscheidenden Frage steht ja noch aus: Gelingt es der Fed, die von ihr ersonnene Antikrisenstrategie aus radikaler Nullzinspolitik und milliardenschweren Anleihekäufen hinter sich zu lassen und zum normalen geldpolitischen Instrumentarium zurückzukehren? Oder behalten jene Kritiker recht, die in der Einführung der Droge Billiggeld den ultimativen, nie wieder gut zu machenden Sündenfall sehen?

Dass Yellen und ihre Kollegen die Zinswende jetzt wagen, zeigt, dass sie der eigenen Sicht der Dinge vertrauen und sie weiter für richtig halten. Ja, mehr noch: Sie sind bereit, den Beweis anzutreten.

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