Wachsende Ungleichheit Erfolgsformel A-B-K

Die Kluft zwischen Armen und Reichen wächst weltweit - in den Entwicklungs- genauso wie in den Industrieländern.

(Foto: Jan-Philipp Strobel/dpa)

Die weltweite Ungleichheit wächst. Doch es bringt wenig, soziale Benachteiligung mit höheren Steuern für Reiche zu bekämpfen. Stattdessen brauchen die Armen mehr Arbeit, Bildung und Kapital.

Von Nikolaus Piper

Die Zahl erscheint unfassbar: Einem Prozent der Weltbevölkerung gehören demnächst 50 Prozent des Weltvermögens. Die Aktivisten von Oxfam wollten, kurz vor dem Treffen der globalen Managerelite beim Weltwirtschaftsforum in Davos, mit einer möglichst dramatischen Studie zeigen, wie ungerecht es in der Welt zugeht.

Dramatisierung ist ein probates Mittel, um Menschen für ein Ziel zu mobilisieren. Trotzdem sollte, wer dem Problem der Gerechtigkeit in der Welt auf den Grund gehen will, ein wenig entdramatisieren: Die Ungleichheit in der Welt ist tatsächlich bedrückend, aber sie hat, anders als Oxfam unterstellt, in den vergangenen vier Jahren nicht substanziell zugenommen. Der exorbitante Vermögenszuwachs seit 2010, über den Oxfam berichtet, ist vor allem Folge des Börsenbooms. Sinken die Aktienkurse wieder, dann sinkt auch das Vermögen der Reichsten. So war es auch nach der Internetblase im Jahr 2000.

Ein Prozent hat mehr als der Rest der Welt

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Weniger Superarme, aber größere Unterschiede

Das ändert nichts am grundlegenden Befund. Die Unterschiede zwischen Arm und Reich bleiben riesig. Und die Bereitschaft demokratischer Gesellschaften, das hinzunehmen, sinkt zusehends - auch in Amerika, wo man traditionell mehr Verständnis für großen Reichtum hat als anderswo. Einerseits hat die Globalisierung dazu geführt, dass die Unterschiede zwischen einzelnen Ländern sinken. Korea, Indien, Indonesien, China oder die Türkei haben zu den alten Industrieländern aufgeholt. In Asien, aber auch in Teilen Lateinamerikas entsteht eine neue Mittelschicht, der Anteil der Armen ist dramatisch gesunken. Vor 30 Jahren lebte die Hälfte der Erdbevölkerung von umgerechnet weniger als 1,25 Dollar am Tag, was als Grenze zur "absoluten Armut" gilt. Heute sind es noch 18 Prozent, und dies, obwohl die Erdbevölkerung seither um fast 60 Prozent gestiegen ist.

Gleichzeitig hat sich aber in den Ländern selbst die Kluft zwischen Reichen und Armen weit geöffnet. In Indien stehen die Wohnungen der neuen Vermögenden oft direkt neben den Slums der Zurückgebliebenen, die Wanderarbeiter in China haben nichts vom neuen Luxus in Schanghai oder Peking. In den Vereinigten Staaten entfernt sich eine Schicht von Superreichen immer weiter von einer Mittelschicht, die ihre wirtschaftliche Grundlage verliert. In New York kaufen Milliardäre aus der ganzen Welt Luxuswohnungen zu obszönen Preisen, während Wohnen für Normalbürger unbezahlbar wird.

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Es braucht Arbeit, Bildung und Kapital

Was also tun? Eine gewisse Tragik liegt darin, dass die Debatte um globale Gerechtigkeit meist reflexartig bei einem Thema landet: höhere Steuern. Zwar ist es richtig, Steuerprivilegien für Reiche abzuschaffen, generell jedoch kann Ungleichheit nicht bekämpft werden, indem man die Reichen bestraft. Das geht nur, wenn man die Armen in die Lage versetzt, wohlhabender zu werden

Das mit großem Abstand beste Mittel, um die Gleichheit in der Gesellschaft zu fördern, sind Jobs. Und heute bedeutet dies fast immer: mehr und bessere Ausbildung. Das gilt für arme Länder ebenso wie für reiche. Der Niedergang der Mittelschicht in den USA hat viel mit dem Niedergang der öffentlichen Schulen zu tun. Fast alle Staaten der Welt, einschließlich Deutschlands, müssten viel mehr Geld für Bildung ausgeben als heute.

Wer zu Wohlstand kommen will, braucht aber nicht nur Arbeit, er braucht Kapital. Alle erfolgreichen Entwicklungsmodelle haben eine Form des staatlich geförderten Arbeitnehmersparens. Vermögensbildung ist auch in Industrieländern wichtig, gerade wenn die Zukunft der Jobs unsicher ist. Der Anteil der Arbeitnehmer am Weltvermögen kann nur steigen, wenn sie in die Lage versetzt werden, Vermögen zu erwerben.

Steuererhöhungen klingen zwar gut, bringen aber wenig

Arbeit, Bildung, Kapital - das ist das Wichtigste. Andere, scheinbar so nahe liegende Themen kommen erst danach und sind ziemlich kompliziert: Steuern zum Beispiel. Ja, es ist verwerflich, wenn die Reichen ihren Reichtum in Steueroasen verstecken. Aber wäre es fair, einem Land wie Irland zu verbieten, Investoren und Arbeitsplätze mit Steuervorteilen anzulocken? US-Präsident Barack Obama wollte in Washington an diesem Dienstag bei seiner Rede zur Lage der Nation Steuererhöhungen für Kapitalerträge und Steuersenkungen für kleine Einkommen vorschlagen. Das wird ihm Beifall von der Linken, Hass von den Rechten - und wenig Veränderungen bei der Einkommensverteilung einbringen. Wirksamer wäre es, er würde die ganze Nation, Bund und Bundesstaaten, zu einer großen Initiative für bessere Schulen vereinen.

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