Weltbörsen Die Welt fürchtet sich vor dem Absturz

Börse in Frankfurt/Main dpatopbilder Die große Anzeigetafel zeigt am 04.11.2015 in Frankfurt am Main (Hessen) im Handelssaal der Börse die Dax-Kurve (Aufnahem mit Zoom-Effekt). Weitere Hiobsbotschaften von Volkswagen hatten beim Dax den Sprung über die runde Marke von 11 000 Punkten verhindert. Die VW-Vorzugsaktie fiel zeitweilig um mehr als 9 Prozent. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

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Obwohl es der deutschen Wirtschaft gutgeht, stürzen die Aktienkurse ab. Ähnlich sieht es in anderen Ländern aus. Warum viele Anleger das Vertrauen verlieren.

Kommentar von Nikolaus Piper

Den Deutschen geht es, allen Krisen zum Trotz, wirtschaftlich so gut wie schon sehr lange nicht mehr: Die Unternehmen stellen ein, die Löhne steigen, Inflation gibt es praktisch nicht, und an den Tankstellen kostet der Liter Diesel meist schon weniger als einen Euro. Und was macht die Börse? Die deutschen Aktien hatten einen der schlechtesten Jahresstarts seit Langem. Binnen weniger Wochen ist der Deutsche Aktienindex (Dax) auf den Stand von 2014 gesunken. Allein am Montag verlor er 3,8 Prozent und unterschritt die Marke von 9000 Punkten, am Dienstag ging der Kursverfall weiter.

Gute Wirtschaft, schlechte Börse - wie passt das zusammen? Es passt zusammen, weil viele Anleger Angst vor der Zukunft haben, mag die Gegenwart auch noch gut sein. Sie sehen hohe Risiken und versuchen daher, ihre eigenen Lehren aus der Finanzkrise zu ziehen: Sie fliehen das Risiko und parken ihr Geld in sicheren Staatsanleihen. Dort steigen die Kurse, und die Renditen sinken. Für zehnjährige Bundesanleihen bekommt man noch absurde 0,25 Prozent. Das mag den Finanzminister freuen, aber es bleibt ein Signal der Furcht, ein Krisensymptom.

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Die Kurse sinken, weil die Anleger Angst haben

Die Flucht aus dem Risiko ist ein weltweites Phänomen. In New York sind die Kurse ebenso eingebrochen wie in Tokio oder Schanghai. Vier Risiken sind es vor allem, die die Finanzmärkte beschäftigen. Dazu gehört zunächst die Lage der Schwellenländer. China, die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, wächst deutlich langsamer als geplant. Seit den jüngsten Aktienmanipulationen ist zudem das Vertrauen in die Wirtschaftskompetenz der kommunistischen Führung verloren gegangen. Brasilien, ein anderer Star unter den Schwellenländern, steckt in einer schweren Rezession, auch Indien wächst langsamer, während Russland seine kollabierende Wirtschaft durch eine aggressive Außenpolitik kompensiert.

Das zweite große Risiko ist das billige Öl. In diesen Tagen ist zu beobachten, warum der Preissturz, der ja für Autofahrer und Haushalte so angenehm zu sein scheint, hochgefährlich ist. In den USA musste Chesapeake Energy, einer der größten Produzenten von unkonventionellem Gas und Öl, Gerüchte dementieren, die Firma stehe kurz vor dem Bankrott. Öl ist so billig, dass die Technik des Frackens, in der Chesapeake ein Pionier ist, nicht mehr lohnt. Ginge das hochverschuldete Unternehmen pleite, wären die Folgen für einige Banken unkalkulierbar. Für Länder wie Russland, Brasilien, Nigeria oder gar Venezuela ist das billige Öl ohnehin eine Katastrophe.

Hinzugekommen ist jetzt die Sorge um die amerikanische Wirtschaft. Die USA waren unter allen Industrieländern am besten aus der Finanzkrise gekommen; die Wirtschaft wuchs mäßig, aber beständig - trotz der politischen Blockade zwischen Präsident Barack Obama und dem republikanisch dominierten Kongress in Washington. Jetzt zeigen sich erste Schwächen: Der private Konsum, bisher Motor der Konjunktur, geht zurück. Und der vergleichsweise starke Dollar scheint dem Export zu schaden.

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Den Notenbanken geht die Munition aus

Schließlich grassiert die Sorge um Europas Banken. Deutschlands Branchenprimus, die traditionell grundsolide Deutsche Bank, steckt in einer der schwersten Krisen der Firmengeschichte. Der Aktienkurs ist seit Jahresbeginn um mehr als 40 Prozent gesunken. Die Kosten, um sich gegen einen Ausfall von Anleihen der Bank zu versichern, sind so hoch wie seit vier Jahren nicht mehr - ein Hinweis darauf, wie groß das Misstrauen ist. Die gute Nachricht ist, dass die Kapitalreserven der Bank höher sind, was sie besser gegen Zahlungsausfälle schützen sollte. Die schlechte Nachricht ist: Der ganzen Kreditbranche geht es schlecht. Griechische Banken, die gerade von der EU gestützt wurden, stehen massiv unter Druck, die Aktien fast aller europäischer Großbanken sind abgestürzt. Das macht Angst.

Dahinter steht das Wissen, dass die Finanzkrise zwar vorbei ist, dass die Zeiten aber immer noch alles andere als normal sind. Die Notenbanken EZB und Fed haben ihre Zinsen auf beinahe null gesenkt, sie pumpten und pumpen Milliarden in die Wirtschaft. Sie haben daher keine Munition mehr, sollte es zu einer neuen Rezession kommen. Die Schulden der meisten Saaten sind nach der Finanzkrise unverändert hoch geblieben - mit der bemerkenswerten Ausnahme Deutschland. Die Regierungen können also, anders als 2008, nicht mehr so leicht mit riesigen kreditfinanzierten Ausgabenprogrammen die Konjunktur fördern.

Das bedeutet nicht, dass Deutschland 2016 notwendigerweise eine Rezession erleben wird. Wohl aber sollte sich das Land auf unsichere Zeiten mit extrem launischen Kapitalmärkten einstellen.

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