IG Metall Die 28-Stunden-Woche ist eine Wette

Noch muss sich zeigen, für wie viele Menschen die IG Metall tatsächlich in den Kampf gezogen ist. Am Ende könnte für sie ein Desaster stehen - oder ein Loblied.

Kommentar von Detlef Esslinger

Die Arbeitgeber haben in den Abgrund geschaut, und was sie dort gesehen haben, hat sie schaudern lassen. Im Abgrund lagen Fahnen, Transparente und Trillerpfeifen, da stand eine nicht zu beziffernde Menge ihrer Beschäftigten bereit, ihnen Schmerzen zu bereiten. Der Schmerz hätte in einem unbefristeten Streik bestanden, ausgerechnet jetzt, da viele Betriebe ausgelastet sind wie selten.

Die Gewerkschafter standen vor demselben Abgrund. Ihren letzten unbefristeten Arbeitskampf führte die IG Metall vor anderthalb Jahrzehnten im Osten, als sie dort die 35-Stunden-Woche durchsetzen wollte. Am Ende gingen ihr die Streikenden aus und sie musste den Kampf abbrechen. Und diesmal? Wie viele Arbeitnehmer würden wirklich wochenlang durchhalten, nur um für einige durchzusetzen, dass sie ihre Wochenarbeitszeit auf 28 Stunden reduzieren können und dafür auch noch einen Zuschuss bekommen? Wollte sie wirklich Streikposten vor den Toren postieren, um Arbeitswillige zurückzuhalten? Dieselben Arbeitswilligen, die von März an bei den bundesweiten Betriebsratswahlen doch bitte IG Metall wählen sollen?

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Am Abgrund stehend, haben sich der Arbeitgeberverband Südwestmetall und die IG Metall entschlossen, ihre Auseinandersetzung lieber zu beenden. Sie haben sich auf einen Abschluss geeinigt, der zum Teil solide, zum Teil eine Wette ist. Der solide Teil besteht in der Entgelterhöhung um 4,3 Prozent, in der Einmalzahlung von 100 Euro und auch in jener zusätzlichen Einmalzahlung, die gut ein Viertel eines Monatsentgelts beträgt und im kommenden Jahr erstmals gezahlt werden soll.

Die Wette besteht in den Regelungen zur Arbeitszeitverkürzung. Seit Monaten hatten sich die Arbeitgeber gegen die Forderung der IG Metall gestemmt, sogar mit Rechtsgutachten und Schadenersatzklagen (wegen der 24-Stunden-Streiks von vergangener Woche), was sie seit fast vier Jahrzehnten nicht mehr getan hatten. Nun haben sie zwar den Zuschuss abgewehrt, zahlen aber doch jenen Beschäftigten, die aus familiären oder gesundheitlichen Gründen ihre Arbeitszeit reduzieren, eine Prämie - zwar nicht in Geld, wohl aber in freien Tagen. Sie bekommen dafür die Möglichkeit, den Ausfall einiger Beschäftigter durch Mehrarbeit anderer Beschäftigter kompensieren zu können.

Die kommenden Monate werden zeigen, wie viele Metaller wirklich ihre Arbeitszeit verkürzen wollen

Man soll als Außenstehender nicht so tun, als unterscheide man in jedem Detail, was in einer Auseinandersetzung Kampfgeschrei und was ein substanzieller Einwand ist; vielleicht gelingt diese Unterscheidung nicht einmal allen Verbandsfunktionären. Aber interessant wird die nächste Zeit dennoch. Sie wird zum einen die Frage beantworten, für wie viele Beschäftigte die IG Metall tatsächlich in den Kampf gezogen ist - wie viele tatsächlich das Bedürfnis haben, vorübergehend nur 28 statt 35 Stunden zu arbeiten. Zum anderen wird sie die Frage beantworten, ob ihr Ausfall die Betriebe tatsächlich über die Maßen belasten wird, wie es dort in den vergangenen Monaten behauptet wurde. Bekommen sie den Arbeitsausfall kompensiert? Sind die gefundenen Regelungen zum Ausgleich dieses Ausfalls praktikabel oder zu kompliziert oder vielleicht sogar zu teuer?

Wenn alles gutgeht, wird man in ein, zwei Jahren sagen können: was für innovative, allen Bedürfnissen gerecht werdende Arbeitszeitregelungen hier erfunden wurden! Wenn es aber schlecht läuft, werden viele Unternehmen das tun, was ihre Verbände während dieser Tarifrunde zum Teil bereits erlebt, zum Teil auch nur behauptet haben: diese tarifgebundenen Verbände verlassen. Das kann in niemandes Sinne sein, schon gar nicht in dem der IG Metall. Denn was nützen einem die kreativsten Forderungen, wenn eines Tages die Verhandlungspartner fehlen, denen man sie abtrotzen könnte?

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