Streik in Deutschland Wenn der Kulturbruch droht

Um 19.00 Uhr am Sonntagabend ein seltener Anblick: der verlassene Berliner Hauptbahnhof. Es bedeutet den Deutschen etwas, dass ihr Land eine streikarme Zone ist.

(Foto: Imago Stock&People)

Krawall oder Mitbestimmung? Lokführer und Piloten können nicht beides haben. Den Deutschen bedeutet es viel, dass es so wenige Streiks gibt - das sollten die Gewerkschaften nicht vergessen. Auch im eigenen Interesse.

Kommentar von Detlef Esslinger

Zu den Auffälligkeiten dieser Tage gehört, dass so gut wie niemand weiß, wer Ilja Schulz ist, aber praktisch jeder eine Meinung zu Claus Weselsky hat. Der eine kann unerkannt durch jede Stadt spazieren, der andere sollte sich im Bistro lieber weit weg vom Eingang setzen, falls er unbehelligt einen Kaffee trinken will.

"Ich bin für das Streikrecht, aber gegen Weselsky", das ist in etwa die Haltung, die viele Menschen eingenommen haben. Ilja Schulz ist übrigens der Präsident der Pilotengewerkschaft Cockpit.

Da ist viel Empörungspotenzial

Wie kommt es, dass vor allem der Streik der Lokführer die Leute so erzürnt? Und kann es sein, dass sich etwas verändert in einem Land, das sich immer viel auf seine Konsenskultur eingebildet hat? Werden Konflikte nun ausgetragen wie in Frankreich, nach dem Motto: erst kämpfen, dann vielleicht reden?

Zwischen dem Tarifkonflikt der Lokführer und dem der Piloten gibt es eine Gemeinsamkeit und mehrere Unterschiede. Die Gemeinsamkeit ist, dass jeder Mensch mit Reiseplänen einen Streik dieser beiden Gruppen sofort zu spüren bekommt. Deshalb ist da viel Empörungspotenzial - unvergleichlich mehr, als wenn die Arbeit bei Amazon, in Streitkräftebüros, bei DHL oder den Sparda-Banken niedergelegt wird; um vier Streikaufrufe der Gewerkschaft Verdi seit Mitte September zu erwähnen, die alle unbemerkt geblieben sind. Die spürt ja keiner.

Braucht Deutschland mehr oder weniger Streiks?

Der Streik der Piloten und vor allem der Lokführer bewegt die Gemüter. Bisher zählt Deutschland zu den streikarmen Ländern, aber der Bahnkonflikt hat eine neue Dimension. Brauchen wir eine gemäßigte Streikkultur? Oder sind Streiks heute wichtiger denn je? Diskutieren Sie mit uns. mehr ... Ihr Forum

Einer der Unterschiede zwischen Lokführern und Piloten wiederum besteht darin, dass die Piloten eine sozusagen normale Auseinandersetzung führen. Sie kämpfen um Geld, das ihr Arbeitgeber nicht länger zahlen will, sie haben lange verhandelt, und wenn sie nun streiken, benutzen sie die gediegenen Formulierungen von Kontrahenten, denen Formen ebenso wichtig wie Interessen sind.

Die Lokführer hingegen kommen sehr viel hemdsärmeliger daher. Ihr Anführer Weselsky klingt nicht immer wie der nüchtern-professionelle Anwalt seiner Klientel, sondern allzu oft so, als führe er eine persönliche Auseinandersetzung mit dem Management der Bahn. (Dass dessen Vertreter ihm in der Erregung und in der Wahl der Worte kaum nachstehen, ist allerdings ebenso wahr.)

Lokführer wollen verhandeln, Lufthansa-Piloten streiken

Die Lokführer arbeiten wieder - zumindest für die nächsten sieben Tage. Dafür müssen sich Flugreisende auf Beeinträchtigungen einstellen. Die Piloten der Lufthansa streiken ab 13 Uhr, entgegen erster Pläne auch auf der Langstrecke. mehr ...