Schweden Steuererklärung per SMS

Keine Quittungen, keine Steuerberater und kaum Ausnahmeregelungen - die Schweden zahlen gern an den dortigen Fiskus. Ihre Steuererklärungen sind so simpel, dass gequälten Steuerzahlern in Deutschland die Tränen kommen könnten. Das liegt an den Besonderheiten des dortigen Systems, die für deutsche Ohren aber auch gefährlich nach Überwachungsstaat klingen.

Von Gunnar Herrmann, Malmö

Wenn in Deutschland über Steuerhinterziehung und Steuergerechtigkeit debattiert wird, dauert es meist nicht lange, bis irgendein Experte die skandinavischen Länder als Vorbild anpreist. Denn im Norden, das zeigen Ländervergleichsstudien immer wieder, ist die Steuermoral besonders hoch.

Die Menschen dort geben dem Fiskus offenbar gerne etwas von ihrem Geld ab. Und das, obwohl die Steuersätze dort bekanntermaßen unverschämt hoch sind. Aber stimmt das wirklich? Wenn ja, woher kommt dieses ungewöhnliche freundschaftliche Verhältnis zum Fiskus? Und: Was genau machen die eigentlich anders als wir? Zeit für eine Innenansicht.

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"Wie gerecht ist das deutsche Steuersystem?" Diese Frage hat unsere Leser in der ersten Abstimmungsrunde unseres neuen Projekts Die Recherche am meisten interessiert. Dieser Text ist einer von am Ende mehr als zwei dutzend Beiträgen, die die Fragen beantworten sollen. Alles zum Thema Steuergerechtigkeit finden Sie hier, alles zu Die Recherche finden Sie hier.

Man stelle sich einen deutschen Handwerker vor, der auf der Suche nach einem Job in Schweden fündig geworden ist. Er könnte Hans Müller heißen, aus Sachsen stammen und nun nach Södertälje, eine Stadt südlich von Stockholm, auswandern. Hans Müller verdient dort umgerechnet 3300 Euro brutto im Monat, das entspricht ziemlich genau dem schwedischen Durchschnittseinkommen. Und bei der ersten Gehaltszahlung bekommt er einen Schreck: Er muss feststellen, dass etwa die Hälfte dieser Summe nie bei ihm ankommt, sondern gleich ans Skatteverket, das Finanzamt, weitergereicht wird. Auf den ersten Blick sieht das nach einer erdrückenden Steuerlast aus. Aber der Schein trügt.

Tatsächlich hatte Schweden einst in den 1970er-Jahren Steuersätze, die geradezu wahnwitzig hoch waren. Berühmt ist die Geschichte von Astrid Lindgren, die 1976 ausgerechnet hatte, dass Steuern und Abgaben im vorangegangenen Jahr mehr als 100 Prozent ihrer Einnahmen ausmachten. Sie schrieb daraufhin ein böses Märchen mit dem Titel "Prinzessin Pomperipossa in Monismanien" . Und viele Schweden glauben, dass dieser Text entscheidend beigetragen hat, dass die Sozialdemokraten damals die Wahl verloren. In den folgenden Jahrzehnten sind die Steuersätze jedenfalls immer wieder gesenkt worden.

Der Unterschied ist gar nicht mehr so groß

Wenn Herr Müller seinen ersten schwedischen Steuerbescheid genauer ansieht, wird er feststellen, dass mit der Hälfte seines Gehalts, die ans Skatteverket fließt, bereits eine Reihe von Leistungen bezahlt sind, die er in seiner alten Heimat Sachsen extra hätte bezahlen müssen. Insbesondere werden über die Steuerbehörde auch gleich die Abgaben für die staatliche Kranken- und Rentenversicherung abgerechnet. So betrachtet ist der Unterschied zu Deutschland dann nicht mehr so groß.

Zieht man die Sozialabgaben ab, bleibt Müllers Einkommensteuer übrig: Sie beläuft sich auf lediglich 32,23 Prozent. Dieser Satz ist für alle Arbeitnehmer in Södertälje gleich. Wer allerdings mehr als umgerechnet etwa 48.000 Euro im Jahr verdient, der muss auf den Teil seines Einkommens, der über dieser Grenze liegt, weitere 20 Prozent Steuern zahlen. Und ab einer Grenze von umgerechnet 68.000 Euro jährlich kommen noch einmal fünf Prozent hinzu. Für Spitzengehälter müssen somit mehr als 50 Prozent Steuern bezahlt werden. Die ersten 48.000 Euro im Jahr werden aber stets nur mit 32,23 Prozent belastet.

Arvid Malm vom schwedischen Bund der Steuerzahler, meint, dass die hohen Sätze für Spitzengehälter eigentlich keinen Sinn machen. Nur drei Prozent der gesamten Steuereinnahmen würde damit eingenommen, sagt er. Aber abgeschafft oder auch nur gesenkt wurden die Spitzensätze trotzdem nicht - Steuergeschenke an Reiche sind eben unpopulär.