Private Banking der besonderen Art Die Rebellenbank

Eine kleine Raiffeisenkasse in Baden-Württemberg macht vor, wie das Geschäft mit dem Geld ganz unaufgeregt ablaufen kann. Die Kunden lieben die Dorfbank und melden sich aus allen Teilen Deutschlands. Aber das Institut in Gammesfeld lehnt sie ab: Es will gar nicht wachsen.

Von Hans von der Hagen und Sonja Sydow, Gammesfeld

Woanders würde es kaum auffallen. Doch das Schild, das stilisierte Giebelkreuz mit dem zwei Pferde-Köpfen direkt am Eingang der kleinen Bank im baden-württembergischen Gammesfeld - das ist Protest. Normalerweise sollte hier das neuere Volks- und Raiffeisenbankensignet hängen. Stattdessen aber ist es das alte Raiffeisenemblem. Es steht in diesem Ort im Landkreis Schwäbisch Hall für Grundsätze im Geldgeschäft, die manche verdrängt haben. Die nun aber in der Krise zeigen, wie bescheiden das Geldgeschäft sein kann. Und auf ganz eigene Art erfolgreich.

Dabei ist die Raiffeisenkasse in Gammesfeld beeindruckend unauffällig. Ein hellgrauer Bau aus den Sechziger Jahren mit dunkelgrauem Eternit-Satteldach und einigem Kabelgewirr auf dem First. Wer in die Bank möchte, muss zunächst über fünf Stufen auf die alte Laderampe steigen, bevor er die silbergraue Eingangstür erreicht. Das Gebäude ist steingewordene Genossenschaft - im hinteren Teil befinden sich noch die Lagerräume der früheren Warenabteilung.

Hinter der Tür ist ein düsteres Zimmer, das auch der Wartebereich einer kleinen Landarztpraxis sein könnte. Stühle, ein kleiner Holztisch und eine ergraute Tapete, die wahrscheinlich mal heller war. Unter dem Fenster steht auf einem Regal etwas Honig - das Glas für 3,50 Euro. Geradezu selbstironisch wirkt hier das bunte Bauernroulette-Spiel aus Holz, mit dem sich Wartende die Zeit vertreiben können. Bankbesucher müssen sich durch eine Glasscheibe bemerkbar machen, damit ihnen die zweite Tür geöffnet wird. Die in den Schalterraum.

Das erledigt Peter Breiter, ein großer Mann, 40 Jahre, grauer Pullover mit dicken schwarzen Streifen, aus dem ein weißer Polokragen schaut. Nicht nur die Kleidung ist für einen Bankangestellten ungewöhnlich entspannt, auch Breiter ist es. Er hat das Sagen hier. Aber auch die ganze Arbeit. "Ich habe eigentlich gar keinen Titel, ich führe auch keinen Visitenkarten, weil es mir zu blöd ist, wenn dann darauf steht ,Vorstand'. Ich darf die Bank ja auch putzen, könnte also genauso gut Putzmann darauf schreiben", stellt Breiter lakonisch fest.

Die Raiffeisenbank Gammesfeld ist tatsächlich eine Ein-Mann-Bank, sofern man von den im Tagesgeschäft nicht anwesenden nebenamtlichen Vorstandsmitgliedern und dem Aufsichtsrat absieht. Mit einer Bilanzsumme von rund 24 Millionen Euro ist sie eine der kleinsten Kassen Deutschlands. Es gebe in der Bank auch nur drei Produkte, sagt Breiter: Girokonto, Sparkonto und das Darlehen. Dies allerdings zu Konditionen, von denen Bankkunden gewöhnlich nur träumen können. Das Girokonto ist kostenlos, für Guthaben auf dem Sparkonto gibt es derzeit zwei Prozent Zinsen und Kredit gibt es für 3,5 Prozent. Die Sätze sind für alle gleich.

Eine Frau ist in den Warteraum getreten. "Kannscht reinkommen Ursel", ruft Breiter und drückt auf den Knopf. Man duzt sich hier. Peter Breiter ist für alle "der Peter". Seit 33 Jahren ist Ursula Weidmann Kundin, obwohl sie nicht in Gammesfeld wohnt. Aber sie arbeitet hier und liebt diese Bank. "Man hat hier nicht das Rating-Getue, das an den Zahlen hängt und den Menschen außer acht lässt", sagt sie. Und so ist es auch: Breiter interessiert nicht, was in einer Schufa-Auskunft steht. "Unsere Stärke ist, dass wir jeden Kunden kennen, seine ganze Familiengeschichte, die Eltern, die Großeltern." Aber nicht er allein entscheidet, wer Geld im Ort bekommt. Das macht der dreiköpfige Vorstand gemeinsam.