Süddeutsche Zeitung

Private Banking der besonderen Art:Die Rebellenbank

Eine kleine Raiffeisenkasse in Baden-Württemberg macht vor, wie das Geschäft mit dem Geld ganz unaufgeregt ablaufen kann. Die Kunden lieben die Dorfbank und melden sich aus allen Teilen Deutschlands. Aber das Institut in Gammesfeld lehnt sie ab: Es will gar nicht wachsen.

Woanders würde es kaum auffallen. Doch das Schild, das stilisierte Giebelkreuz mit dem zwei Pferde-Köpfen direkt am Eingang der kleinen Bank im baden-württembergischen Gammesfeld - das ist Protest. Normalerweise sollte hier das neuere Volks- und Raiffeisenbankensignet hängen. Stattdessen aber ist es das alte Raiffeisenemblem. Es steht in diesem Ort im Landkreis Schwäbisch Hall für Grundsätze im Geldgeschäft, die manche verdrängt haben. Die nun aber in der Krise zeigen, wie bescheiden das Geldgeschäft sein kann. Und auf ganz eigene Art erfolgreich.

Dabei ist die Raiffeisenkasse in Gammesfeld beeindruckend unauffällig. Ein hellgrauer Bau aus den Sechziger Jahren mit dunkelgrauem Eternit-Satteldach und einigem Kabelgewirr auf dem First. Wer in die Bank möchte, muss zunächst über fünf Stufen auf die alte Laderampe steigen, bevor er die silbergraue Eingangstür erreicht. Das Gebäude ist steingewordene Genossenschaft - im hinteren Teil befinden sich noch die Lagerräume der früheren Warenabteilung.

Hinter der Tür ist ein düsteres Zimmer, das auch der Wartebereich einer kleinen Landarztpraxis sein könnte. Stühle, ein kleiner Holztisch und eine ergraute Tapete, die wahrscheinlich mal heller war. Unter dem Fenster steht auf einem Regal etwas Honig - das Glas für 3,50 Euro. Geradezu selbstironisch wirkt hier das bunte Bauernroulette-Spiel aus Holz, mit dem sich Wartende die Zeit vertreiben können. Bankbesucher müssen sich durch eine Glasscheibe bemerkbar machen, damit ihnen die zweite Tür geöffnet wird. Die in den Schalterraum.

Das erledigt Peter Breiter, ein großer Mann, 40 Jahre, grauer Pullover mit dicken schwarzen Streifen, aus dem ein weißer Polokragen schaut. Nicht nur die Kleidung ist für einen Bankangestellten ungewöhnlich entspannt, auch Breiter ist es. Er hat das Sagen hier. Aber auch die ganze Arbeit. "Ich habe eigentlich gar keinen Titel, ich führe auch keinen Visitenkarten, weil es mir zu blöd ist, wenn dann darauf steht ,Vorstand'. Ich darf die Bank ja auch putzen, könnte also genauso gut Putzmann darauf schreiben", stellt Breiter lakonisch fest.

Die Raiffeisenbank Gammesfeld ist tatsächlich eine Ein-Mann-Bank, sofern man von den im Tagesgeschäft nicht anwesenden nebenamtlichen Vorstandsmitgliedern und dem Aufsichtsrat absieht. Mit einer Bilanzsumme von rund 24 Millionen Euro ist sie eine der kleinsten Kassen Deutschlands. Es gebe in der Bank auch nur drei Produkte, sagt Breiter: Girokonto, Sparkonto und das Darlehen. Dies allerdings zu Konditionen, von denen Bankkunden gewöhnlich nur träumen können. Das Girokonto ist kostenlos, für Guthaben auf dem Sparkonto gibt es derzeit zwei Prozent Zinsen und Kredit gibt es für 3,5 Prozent. Die Sätze sind für alle gleich.

Eine Frau ist in den Warteraum getreten. "Kannscht reinkommen Ursel", ruft Breiter und drückt auf den Knopf. Man duzt sich hier. Peter Breiter ist für alle "der Peter". Seit 33 Jahren ist Ursula Weidmann Kundin, obwohl sie nicht in Gammesfeld wohnt. Aber sie arbeitet hier und liebt diese Bank. "Man hat hier nicht das Rating-Getue, das an den Zahlen hängt und den Menschen außer acht lässt", sagt sie. Und so ist es auch: Breiter interessiert nicht, was in einer Schufa-Auskunft steht. "Unsere Stärke ist, dass wir jeden Kunden kennen, seine ganze Familiengeschichte, die Eltern, die Großeltern." Aber nicht er allein entscheidet, wer Geld im Ort bekommt. Das macht der dreiköpfige Vorstand gemeinsam.

Die Sätze sind für alle gleich

Elf Millionen Euro hat die Bank derzeit an ihre rund 800 Kunden ausgeliehen. Die Ausfallquote ist gering: Seit Peter Breiter die Bank führt, seit 2008 also, hat es so gut wie keine Ausfälle gegeben. In diesem Jahr müsse er höchstens 3000 oder 4000 Euro in der Bilanz bereinigen. Nur "in der Vorzeit unter dem Herrn Vogt", Breiters Vorgänger, sei ein Kunde mal rund 50 000 Mark schuldig geblieben. Das war es dann aber auch schon an größeren Katastrophen.

Und so reicht die schmale Differenz zwischen dem, was auf dem Sparkonto gezahlt und für Kredit verlangt wird, der Bank zum Leben. Andere Institute versuchten, die Erträge aus Provisionen in die Höhe zu treiben, um den Gewinn zu steigern, sagt Breiter. "Bei uns sind die Provisionserträge negativ, wir zahlen mehr Provisionen, als wir einnehmen." Es klingt, als formuliere er diesen Satz gerne. Es ist ja auch Beleg für die Politik der Bank, möglichst wenig für sich zu behalten. Er müsste schon neue Gebühren einführen, um die Erträge in die Höhe zu treiben. Nur: Breiter sieht keinen Anlass dafür. "Sicher ist es erforderlich, Gewinn zu machen, aber es geht uns eben nicht darum, ihn Jahr für Jahr zu steigern. Unser Ziel ist es, ihn konstant zu halten."

Für ihn persönlich hätte ein Mehr an Gewinn auch keine Vorteile: Er bekommt ein festes Gehalt, dessen Höhe jeder, der es wissen will, im Jahresabschluss der Bank nachlesen kann. Eine Leistungszulage gehört nicht dazu. Sollte die Bank einmal mehr als erwartet verdienen, könnte sie ihre Reserven aufstocken. Doch zuallererst werden die Anteilseigner ausgezahlt - und das ist, salopp formuliert, das Dorf. Als Raiffeisenbank ist das Institut genossenschaftlich organisiert, die 310 Genossen stammen alle aus Gammesfeld. Jeder Haushalt darf allerdings nur einen Bankanteil besitzen, der immerhin mit acht Prozent verzinst wird. "Wenn wir von 100 Haushalten ausgehen würden, sind bestimmt 97 Mitglieder hier", sagt Breiter.

Es ist eine Dorfbank. Zuweilen gibt es Anrufe aus entfernten Städten, potentielle Kunden, die von den günstigen Konditionen in Gammesfeld profitieren wollen. Doch selbst, wenn sie eine halbe Million Euro an Spareinlage bieten, Breiter will das Geld nicht. "Wir wollen keine Auswärtigen hier." Die Raiffeisenkasse Gammesfeld hält sich streng an die Regionalität, Wachstum ist nicht wichtig.

Die Bank hat sogar dafür gekämpft, klein zu bleiben. In den achtziger Jahren wollte das Bundesaufsichtsamt für Kreditwesen das Institut schließen, denn nach der Pleite der Herstatt-Bank wurde in der Finanzbranche das Vier-Augen-Prinzip eingeführt: Jede Buchung brauchte fortan zwei Unterschriften. In einer Ein-Mann-Bank ist das unmöglich. Doch der frühere Vorstand Fritz Vogt sah einen Ausweg und zog bis vor das Bundesverwaltungsgericht. Drei Mal hatte er in verschiedenen Instanzen seinen Prozess verloren, in letzter Instanz aber, nach einem Plädoyer des heutigen Verfassungrichters Ferdinand Kirchhof, bekam Vogt Recht: Denn nirgends stand geschrieben, dass die zweite Unterschrift von einem hauptberuflichen Vorstand stammen muss.

Auch das Gammesfelder Institut hat zu kämpfen

Damals haben Tausende kleine Dorfbanken fusioniert, aber Gammesfeld blieb. Bei einer Niederlage hätte Vogt wohl ins Gefängnis gemusst - wegen unerlaubten Führens von Bankgeschäften: Formell war während der Auseinandersetzung die Bank geschlossen, Vogt hat dennoch weitergemacht. Diese Geschichte erzählen sie gern hier, als Gammesfeld gegen "die da in Berlin" kämpfte und gewann. Weil das Dorf Vogt unterstützte und ihm weiter das Geld ins Haus trug. Und sie so alle zusammen erreichten, dass Gammesfeld so klein und eigenständig bleiben durfte, wie es war.

Heile Welt also in dem kleinen Ort? Nein, auch das Gammesfelder Institut hat zu kämpfen. Nicht jeder will diese Bank leiten - und nicht jeder kann sie leiten. Lange sah es so aus, als würde Breiters Vorgänger Vogt keinen Nachfolger finden. Für Vogt ein Albtraum: Sein Großvater war seit 1890 der erste "Rechner" in dieser Bank - so hießen damals die Geschäftsführer. Sein Vater war es dann 40 Jahre lang und er selbst ebenfalls 40 Jahre. Doch gerade als sich seine Kinder für die Nachfolge hätten entscheiden müssen, gab es die Probleme mit den Aufsichtsbehörden. Die Bank schien keine Zukunft mehr zu haben. Als Vogt als Sieger aus Berlin zurückkam, war es zu spät. Seine Kinder hatten sich anders entschieden. Doch wer konnte sonst Interesse haben an diesen Job in dem grauen Gebäude? Mit maximal fünf Tagen Urlaub am Stück? Breiter wollte den Job. Er wechselte von einer Bank im Nachbarort nach Gammesfeld, holte das zur Führung einer Bank gesetzlich vorgeschriebene Studium nach - und wurde Vorstand der Raiffeisenkasse.

Verändert hat er fast nichts, auch nicht in dem Schalterraum, seinem Arbeitsplatz. "Bei meinem Dienstantritt hatte mir der Aufsichtsrat 100 000 Euro bewilligt, um die Bank nach meinen Vorstellungen umzubauen." Breiter hätte neue Möbel kaufen können, oder moderne Technik. "Aber das war für mich kein Thema. Ich musste ja erstmal beweisen, dass ich die Bank führen kann, ich war ja vorher noch einfacher Angestellter." Hätte er das nicht gekonnt, wären die 100 000 Euro womöglich umsonst ausgegeben worden. Aber Veränderung war auch nicht wichtig für ihn. "Solange es die Kundschaft nicht wünscht - mir macht es nichts aus."

Und so stehen in dieser Bank viele Gegenstände, die schon sehr lange dort stehen müssen: Die geräuschvolle Rechenmaschine von Walther etwa. Und die alte Universal-40-Schreibmaschine von Adler, auf der Breiter die Überweisungsformulare für die Kunden tippt. Die einzige Neuerung: Zwei Computer gibt es mittlerweile. Einer ermöglicht die Verbindung zur Außenwelt, mit ihm kann Breiter ins Internet gehen. Mit dem anderen führt er die Buchungen durch. Breiter erstellt jeden Kontoauszug von Hand, Posten für Posten. Eine unglaubliche Arbeit. Der Nebeneffekt: Breiter weiß womöglich mehr über diesen Ort, als jeder andere Mensch.

In einer Zeit, in der Kontoauszüge und Geld aus Automaten kommen, mag so viel Intimität manchem unheimlich sein. Auch Breiter sieht das als mögliches Problem. Manche sagten: "Der Peter muss nicht alles von mir wissen." Die hätten dann noch ein Konto im Nachbarort. Vielleicht auch nur, weil die Bank in Gammesfeld kein Online-Bankgeschäft bietet. Aber das stört ihn nicht. Und die Kunden auch nicht. Einer von diesen Zufriedenen sitzt im Wartezimmer, Peter Immel, ein Mann mittleren Alters. Er lobt die guten Konditionen - und den Geist von Gammesfeld: "Ich bleibe da. Ich mache nicht mit bei den Großen, bei den Abzockern."

Der letzte Jünger von Raiffeisen

Doch warum gibt es ihn überhaupt, diesen Geist von Gammesfeld? Im Wartezimmer liegen, etwas versteckt in einem Fach unter dem Tisch, zwei Bibeln des Gideon-Bundes, die kostenlos verteilt werden. Breiter sagt, die seien noch von seinem Vorgänger Vogt, der engagiere sich in der Gemeinde. Er selbst habe es eher mit dem Fußball. Vogt wohnt in einem altrosafarbenen Haus neben der Bank. Auf einer runden Tonkachel steht in munteren Lettern sein Name. Er kennt die Medien, seit über ihn und die Bank vor Jahren ein Dokumentarfilm gedreht wurde. Bei Beckmann saß er ebenso wie bei Maischberger.

Vogt ist 81 Jahre, sein Blick hellwach, manche würden sagen: bauernschlau. Er redet mit Vergnügen und mit der Eindringlichkeit eines Predigers. Nur nicht mehr so gern in der Bank, sondern lieber Zuhause. Er ist jetzt Rentner, kein "Rechner" mehr. "Ich bin der letzte Jünger von Friedrich Wilhelm Raiffeisen", sagt Vogt mit einer Stimme, die keinen Zweifel daran zulassen möchte. "Der Geist des Friedrich Wilhelm Raiffeisen ist gestorben. Der Wille, die Bank zu erhalten, ist der Versuch, ihn zurückzurufen."

Der Gründer der Genossenschaftsbewegung, dessen Engagement in seinem Glauben wurzelte, habe gewollt, dass das Geld der Kunden mit möglichst wenig Abzügen verwaltet werde. Doch diese Prinzipien würden bei den "Kollegenbanken" nur noch auf dem Papier stehen. Vogt hält nicht viel von den modernen Genossenschaftsinstituten, ganz gleich, ob sie sich nun Volksbanken oder Raiffeisenkassen nennen.

Für ihn ist das alles das "Schultze-Delitzsch-System". Hermann Schultze-Delitzsch, Politiker in Sachsen im 19. Jahrhundert. Er habe zwar gleichzeitig mit Raiffeisen gelebt, aber mit den Volksbanken ein Genossenschaftssystem anderer Ausprägung angestrebt - liberal und wirtschaftsorientiert. Die Vertreter beider Systeme hätten sich lang befehdet. "Im Jahr 1970 kam es dann zum Sündenfall: Die beiden grundverschiedenen genossenschaftlichen Zweige wurden verschmolzen. Von der Stunde an gab es die Raiffeisen-Idee in der reinen Form nicht mehr."

Die Volksbanken seien von vorneherein als Bankinstitute in Kreisstädten konzipiert worden, während Raiffeisen die ländliche Bevölkerung mit Geld und Waren auf genossenschaftlicher Basis versorgen wollte, um dem Wucher vorzubeugen. Darum gebe es heute Gebietsbanken und keine Ortsbanken mehr. Vogt sagt, dass auch Raiffeisen erkannt habe, dass das überschüssige Geld der Dörfer in einem Zentralinstitut gesammelt werden müsse, es dürfe aber nicht "in die unselige Spekulationsmasse eingehen". Geld müsse dem Menschen dienen, und dürfe nicht zur Selbstvermehrung missbraucht werden. "Luftgeld muss wie ein Luftballon platzen."

Gammesfeld versinkt an diesem Dezemberabend früh in Dunkelheit. In der Bank brennt noch ein Licht, obwohl sie geschlossen hat. Peter Breiter ist da. Allein. Womöglich schreibt er Kontoauszüge. Posten für Posten. Aber er hat gesagt, dass es für ihn ein Traum sei, hier zu arbeiten, obwohl ihn die Finanzaufsicht Bafin oft mit Fragen und Forderungen quält. Und die Bank schon drei Mal überfallen wurde. An diesem Abend wird die Bank noch einmal öffnen. Von 19 bis 21 Uhr. Auch das ist ganz im Sinne Raiffeisens. Und typisch für diesen Ort.

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Quelle:
SZ vom 31.12.2011/beitz, luk
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