PR-Desaster für INSM Luftschlösser für junge Journalisten

Mit Promis wie Josef Ackermann oder Anne Will bewirbt die Lobby-Gruppe INSM ein TV-Projekt. Doch die Genannten haben einer Kooperation nie zugestimmt.

Von Tobias Dorfer

Die E-Mail, die Jutta Lindemann am 12. Juni bekommt, klingt attraktiv. Es ist ein Jobangebot. Junge Journalisten werden darin gesucht für ein TV-Projekt: 30 Tage durch Deutschland reisen, Menschen treffen, Interviews führen. Eine Tagespauschale von 200 Euro wird versprochen - und, für angehende Reporter mindestens genauso wichtig, eine illustere Runde "möglicher Interviewpartner". Neben Bundeskanzlerin Angela Merkel ist von Schriftsteller Günter Grass, Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, Late-Night-Talker Harald Schmidt und Adidas-Chef Herbert Hainer die Rede.

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Ein zusätzliches Schmankerl der Offerte: "Zum Schluss der Aktion wird aus allen Beiträgen eine Reportage für Fernsehsender produziert." Auch vermeintliche Kooperationspartner werden genannt: "Fernsehen (zum Beispiel "Anne Will", "TTT"), verschiedene Radio-Stationen und Printmedien (Neon, Zeit, Bild) sowie lokale Radiosender und Tageszeitungen berichten über die Aktion." Für junge Journalisten könnte das eine große Chance sein, zumindest jedoch könnte das Ergebnis die Bewerbungsmappe aufhübschen.

Das denkt sich Jutta Lindemann, die für die Journalistenschule des Fernsehsenders RTL arbeitet, auch - und leitet das Jobangebot prompt an die Schüler weiter. Schnell muss es gehen, schließlich ist das Casting schon drei Tage später angesetzt. Auch andere Journalistenschulen und -Netzwerke erhalten die Werbemail.

Heftiges Eigentor

Was jungen Reportern als große Chance erscheint, entwickelt sich für die Initiatoren des Projekts "Deutschland 24/30" zu einem handfesten PR-Desaster. Denn hinter der Kampagne steckt niemand geringeres, als die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM), eine durch die Arbeitgeberverbände der Metall- und Elektroindustrie finanzierte Gruppierung, die sich selbst als "überparteiliche Plattform" bezeichnet - die es jedoch mit einer geschickten Öffentlichkeitsarbeit geschafft hat, "einen neoliberalen Mainstream in den Medien durchzusetzen", wie der Medienwissenschaftler Siegfried Weischenberg befand.

Ausgerechnet die INSM-Strategen, sonst Virtuosen auf der Klaviatur lautloser aber effizienter PR, haben ein heftiges Eigentor geschossen.

Denn keiner der im Werbeschreiben erwähnten Prominenten hat offenbar die Zustimmung gegeben, bei der Kampagne mitzumachen. Eine Sprecherin von Adidas sagt, sie sei von einer Werbeagentur wegen eines Interviews mit Konzernchef Herbert Hainer angesprochen werden, habe aber abgesagt. Auch die Deutsche Bank hat die Anfrage der "Deutschland-24/30"-Initiatoren nach Aussage eines Sprechers "aus Termingründen abgelehnt".

Besonders erstaunt ist das Büro von Günter Grass. Der Schriftsteller würde im Sommer ausschließlich aktiv Wahlkampf für die SPD machen und sich nicht für die arbeitgebernahe INSM äußern. "Für eine solche Idee steht Herr Grass nicht zur Verfügung", heißt es aus seinem Büro. Ohnehin habe es eine Anfrage nie gegeben.

Auf der nächsten Seite: Wie der NDR und Neon auf das Schreiben der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft reagieren - und warum Anti-Lobby-Gruppen die Kampagne kritisieren.