Karl Marx Marxisten glauben noch heute bei jeder Krise, der Kapitalismus sei am Ende

Das Problem für ihn dabei: Je weiter die Entwicklung fortschreitet, desto größer wird der Bestand an Gebäuden und Maschinen, also an Kapital, und desto geringer der Anteil der Arbeit als einziger Quelle des Mehrwerts. Eine Zeit lang können sich Kapitalisten noch durch verschärfte Ausbeutung diesem "tendenziellen Fall der Profitrate" entgegenstemmen, doch vergeblich. Irgendwann versiegt die Quelle des Profits, und das Ende des Kapitalismus ist da.

Offenkundig hat Marx hier fundamental geirrt, trotzdem glauben Marxisten heute immer noch bei jeder Krise, jetzt schlage nun wirklich das Totenglöckchen für den Kaptalismus. Mehr noch: Die Faszination des Buches ist heute so groß wie schon lange nicht mehr, auch und gerade unter Menschen, die es gar nicht gelesen haben. Daher muss man sortieren. Das bleibende Verdienst von Karl Marx liegt darin, erkannt zu haben, dass sich der Kapitalismus verändert, dass Krisen Teil dieser Entwicklung sind und dass diese von der Kapitalrendite ("Profitrate") und den Investitionen ("Akkumulation des Kapitals") angetrieben wird. Reine Metaphysik ist dagegen die ganze Werttheorie und mit ihr die Erklärung für den Fall der Profitrate.

Warum es sich lohnt, Karl Marx zu lesen

Auch wenn es keine leichte Lektüre ist - in dem Werk, das der Philosoph vor 150 Jahren veröffentlichte, stecken viele brandaktuelle Anregungen. mehr ...

Das Wertproblem haben die neoklassischen Ökonomen Leon Walras (1834 - 1910), Stanley Jevons (1835 - 1882) und Carl Menger (1840 - 1921) auf plausible Weise gelöst: Eine Ware, so lehrten sie, wird dadurch wertvoll, dass sie knapp ist, dass die Menschen mehr davon haben wollen, als zur Verfügung steht. Einen ominösen "Arbeitswert" braucht man nicht. Den "tendenziellen Fall der Profitrate" dagegen gibt es sehr wohl, nur hat er andere Ursachen. Der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter, in Marx' Todesjahr 1883 geboren, hat dies mit seiner Theorie vom Pionierunternehmer gezeigt: Wenn ein Unternehmer ein neues Produkt auf den Markt bringt, ist er zunächst Monopolist und erzielt einen Pioniergewinn. Dann jedoch treten Nachahmer auf, die Ware wird billiger, und der Gewinn schwindet. Anders als Marx glaubte, führt dieser Wettbewerb aber nicht in den Untergang des Kapitalismus, sondern ist Anreiz für neue Innovationen. Schumpeter hat seine Theorie in bewusster Auseinandersetzung mit Marx entwickelt und diesen immer hoch geschätzt.

Viel wichtiger noch waren die Wirkungen von "Das Kapital" auf die Politik. Das Buch gab der Arbeiterbewegung eine neue theoretische Grundlage und das Gefühl, dass "mit uns die neue Zeit zieht", wie es in einem schönen Arbeiterlied heißt. Es ging dabei nicht um die Feinheiten der Werttheorie, die ohnehin niemand verstand, sondern um Marx' Anspruch, ein "Gesetz" über die Entwicklung des Kapitalismus entdeckt zu haben. Die schwarze Seite dieses Anspruchs zeigte sich nach der Oktoberrevolution 1917. Die Despoten Lenin, Stalin und später Mao konnten sich bei jedem Akt der Repression auf Marx und irgendwelche historischen "Gesetze" berufen. Die SED ging "von den gleichen allgemeingültigen Gesetzmäßigkeiten der sozialistischen Revolution und des sozialistischen Aufbaus aus, die in der Sowjetunion ihre praktische Bestätigung gefunden hatten", hieß es in einem offiziösen DDR-Geschichtsbuch. Wer nicht an diese Gesetzmäßigkeiten glaubte, der vertrat "opportunistische Auffassungen".

Die SPD hatte eine wechselhafte Beziehung zu Marx

Über die Neigung, historische "Gesetze" zu postulieren, schrieb der amerikanische Liberale Walter Lippmann (1889 - 1974): "Die Kollektivisten ... besitzen den Drang zum Fortschritt, die Sympathie für die Armen, den brennenden Sinn für Unrecht, den Impuls für große Taten, alles Dinge, die dem späteren Liberalismus fehlten. Aber ihre Wissenschaft beruht auf einem grundlegenden Missverständnis (...), und daher sind ihre Handlungen zutiefst destruktiv und reaktionär."

Die SPD ist der kollektivistischen Versuchung nie erlegen, trotzdem hatte sie eine sehr wechselhafte Beziehung zu Karl Marx. 1869, zwei Jahre nach Erscheinen von "Das Kapital", gründete August Bebel in Eisenach die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP), die sich vom bürgerlichen Liberalismus absetzte und die Statuten der Internationalen Arbeiterassoziation von Marx akzeptierte. Das Erfurter Programm der SPD von 1891 war dann uneingeschränkt marxistisch. Aber bereits 1896 erkannte der als "Revisionist" bekannt gewordene SPD-Politiker Eduard Bernstein (1850 - 1932) die Mängel von "Das Kapital" und versuchte, das Programm der SPD an die Bedürfnisse einer Partei anzupassen, die über freie Wahlen an die Macht kommt. Erst 1959 konnte die SPD mit dem Godesberger Programm den marxistischen Ballast endgültig abwerfen.

Das Originalmanuskript von "Das Kapital" ist heute verschollen. Wahrscheinlich hat es der Enkel Otto Meißners 1929 dem SPD-Archiv in Berlin vermacht, wo sich seine Spuren verlieren. Das Hamburger Verlagsgebäude wurde im Krieg zerstört. Otto Meissners Verlag gibt es zwar noch, der Verlagssitz aber ist Berlin. Derzeit erinnert im Hamburger Museum der Arbeit eine Ausstellung an Karl Marx und "Das Kapital". Sie hat noch bis 4. März 2018 geöffnet.

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