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Marx im 21. Jahrhundert:Klassen-Kampfpreis

Karl Marx - 150 Jahre ´Das Kapital"

"Das Kapital" von Karl Marx in einer Buchhandlung in Leipzig

(Foto: dpa)

2668 Seiten für 49 Cent: Der Klassiker "Das Kapital" findet immer noch seine Leser. Und das nicht nur als Billigausgabe zum Herunterladen im Internet.

Von Dieter Sürig

Nur gratis ist günstiger: Den demokratischsten Preis für die Gesamtausgabe bietet der Prager Internet-Verlag Ok Publishing. Auf diversen Plattformen ist "Das Kapital" von Karl Marx zum Klassen-Kampfpreis von 49 Cent zu bekommen. In Worten: neunundvierzig Cent, und das für die Gesamtausgabe in drei Bänden, 2668 Seiten als elektronisches Buch. Der niedrige Preis hängt damit zusammen, dass der Originaltext längst rechtefrei vertrieben werden darf. Gut 1800-mal wird die Billigausgabe pro Jahr heruntergeladen, meldet der Verlag.

Wer Karl Marx liest, denkt jedoch meist an die Standardausgabe, die seit 1947 vom Berliner Dietz Verlag, jetzt Karl Dietz Verlag, verlegt wird. Marx-Fans haben dort freilich gleich die kompletten Marx-Engels-Werke (MEW) erworben, in denen "Das Kapital" auch enthalten ist: 45 Bände für 1120,50 Euro. Oder den USB-Stick mit der elektronischen Fassung für 99 Euro. Karl Dietz verkauft von den Regalmetern in blauer Leinenprägung nicht einmal zehn Komplettausgaben pro Jahr, wie Programmleiter Martin Beck sagt.

Ein Verlagsbestseller ist dagegen "Das Kapital 1", das mit 956 Seiten zuletzt 2013 neu gedruckt wurde - in 40. Auflage. Davon gingen im vergangenen Jahr immerhin rund 1600 Exemplare über Ladentisch oder Internet-Shop, inklusive der Ausgabe innerhalb der MEW-Reihe. Bei den Bänden 2 und 3 reißt das Interesse allerdings rapide ab: Die hat der Karl Dietz Verlag 2016 nach eigenen Angaben 431- und 407-mal verkauft. Dabei hatten in jüngerer Vergangenheit zwei historische Einschnitte Einfluss auf die Verkaufszahlen: die Wende und die Finanzkrise.

"Der Verkauf von ,Das Kapital' ist nach 1990 deutlich zurückgegangen", sagt Beck. Der Verlag hat von Band 1 zu DDR-Zeiten ungleich mehr gedruckt als nach der Wiedervereinigung. Höhepunkt waren die Siebzigerjahre mit zeitweise bis zu 50 000 Exemplaren pro Jahr. Parteipolitische Pflichtschulungen in der DDR sicherten einen Großteil der Auflage, Abnehmer waren Beck zufolge aber auch westdeutsche Studentengruppen, die an den Hochschulen gerne Marx gelesen haben.

Der erste Nachdruck nach der Wende kam erst 1993 mit 4000 Exemplaren. Mit der weltweiten Finanzkrise kam 2007 noch eine Wende für den Verlag: Ein Jahr zuvor hatte Karl Dietz nur noch 758 Exemplare von "Kapital 1" verkauft, plötzlich waren es fast doppelt so viele, 2008 sogar 3120 Exemplare. "Wir sehen ein vermehrtes Interesse, auch an den Hochschulen fängt das langsam wieder an", sagt Beck, der nun eine "solide Basis" für die nächsten Jahre sieht. Die höchste Auflage des ersten Kapital-Bandes erzielte der Verlag übrigens 1953 mit 63 000 Exemplaren.

Neben der eher populären Ausgabe beim Karl Dietz Verlag gibt es die Marx-Engels-Gesamtausgabe (Mega), die im De-Gruyter-Verlag erscheint. Es handelt sich um eine wissenschaftlich-kritische Edition, in der auch Entwürfe, Notizen und Briefe enthalten sind. Teil der bisher 64 opulenten Bände ist auch das "Kapital".

Der Marx-Klassiker ist auch in anderen Ausgaben erhältlich, beispielsweise beim Hamburger Nikol-Verlag und bei Anaconda in Köln. Gleichfalls in Hamburg sitzt der Verlag VSA. Dort hat Thomas Kuczynski die Vorzüge der deutschen und französischen Ausgabe herausgearbeitet, die Marx nicht mehr realisieren konnte. Wer Marx lieber hören möchte, kann sich den gekürzten Band 1 als Hörbuch herunterladen. Die CD-Fassung ist vergriffen, der Osterwold-Verlag will sie aber im März 2018 wieder auf den Markt bringen. Fast acht Stunden, gelesen von Gert Heidenreich und Johannes Steck.

© SZ vom 14.09.2017
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