Streamingdienst Netflix-Chef: "Wir müssen einfach sehr viel Geld bieten"

Reed Hasting, 55, lebt und arbeitet am Südrand des Silicon Valley in Kalifornien. Hastings ist Informatiker und Mathematiker und einer der Digital-Gurus des Valley. 1997 hat er Netflix gegründet, deren Vorstandschef er bis heute ist.

(Foto: Tobias Hase/AFP)

Reed Hastings will neue Serien weltweit zur selben Zeit zeigen und so einen globalen Internet-Fernsehsender aufbauen - egal zu welchem Preis.

Interview von Marc Beise und Sara Weber

Schnee und Minusgrade in München. Reed Hastings ist warm angezogen: Hemd, Pullover, Jackett. Die Fensterbank im Interviewraum ist vollgestellt mit Bilderrahmen, darin Szenen aus Netflix-Serien: "Narcos", "Unbreakable Kimmy Schmidt", "Bloodline", "Jessica Jones". Hastings geht es gut, seine Gründung Netflix ist jetzt in mehr als 190 Ländern verfügbar.

Neue Staffeln für 31 Originalserien sind bestellt - darunter bereits bekannte wie "House of Cards" oder "Daredevil", aber auch neue wie "Love" von Regisseur Judd Apatow und "The Crown" über die englische Königin. Dazu kommen zwei Dutzend Spielfilme und Dokumentationen, Comedy-Specials und 30 Kinderserien. Netflix will ganz nach oben, will zum globalen Fernsehsender der Zukunft werden.

SZ: Herr Hastings, das neue Jahr ist noch nicht mal drei Wochen alt, und Sie sind schon zum ersten Mal in Deutschland. Ist der Markt so wichtig für Sie?

Reed Hastings: Er ist sehr wichtig und es läuft gut. Wir haben jetzt mehr als zwei Millionen Mitglieder in Deutschland und Frankreich , und diese Zahl wächst kontinuierlich.

Zwei Millionen - aber Ihr Plan ist doch, jeden dritten Deutschen zu erreichen, richtig? Da fehlt noch viel.

Als wir vor anderthalb Jahren hier gestartet sind, haben wir uns sieben Jahre gegeben. Dafür liegen wir gut in der Zeit.

Der deutsche Markt ist schwierig. Öffentlich-rechtliche Sender haben eine starke Position, und es gibt feste Sehgewohnheiten. Den Tatort am Sonntagabend beispielsweise.

Jedes Land hat seine Besonderheiten, aber eine Sache gilt für alle: Die Leute handeln manchmal anders, als sie es sagen. Viele unserer Filme mit Adam Sandler sind zwar schlecht bewertet, aber sehr beliebt. Manchmal wollen die Leute eben einfach nur entspannen und lachen.

In Deutschland nutzen viele Menschen Virtual Private Networks (VPNs) oder Proxy-Server, um Netflix vorzutäuschen, dass sie sich in den USA aufhalten. Damit können sie auf die amerikanische Version von Netflix zugreifen, bei der andere Serien verfügbar sind. Vor wenigen Tagen haben Sie verkündet, dass das künftig nicht mehr möglich sein soll. Warum?

Wenn wir Inhalte lizensieren, etwa in den USA, gilt das nur für das entsprechende Land. Für andere Märkte wie Deutschland möchte der Verleih die Lizenzen aber vielleicht an einen Konkurrenten verkaufen. Dieses Problem versuchen wir zu lösen, indem wir globale Rechte kaufen. Alle neuen Netflix-Serien wie "Narcos" und "Master on None" werden weltweit ausgestrahlt und das gilt auch für neue Fernsehserien wie "How to get away with murder" oder "Gotham", für die wir Lizenzen kaufen. Aber für einige Sendungen haben wir nur die US-Rechte und da müssen wir uns an die Regeln halten, das ist die Abmachung.

Star der Netzwelt: Der Schauspieler Wagner Moura in der Rolle des Pablo Escobar in der Netflix-Eigenproduktion "Narcos".

(Foto: Daniel Daza/AP)

Bisher haben Sie die Tricks der Netflix-Kunden geduldet.

Jetzt gibt es aber einige neue technische Möglichkeiten, die die Studios entwickelt haben, um VPN-Verbindungen zu erkennen, und das wollten wir die Menschen wissen lassen.

Haben VPN-Verbindungen nicht auch dabei geholfen, mehr Menschen für Netflix zu begeistern? Können Sie darauf verzichten?

Viele unserer Mitglieder wissen gar nicht, was VPNs sind und nutzen sie daher auch nicht. Aber so oder so: Wir haben gar keine Wahl. Die Studios zwingen uns zu bestimmten Dingen, das ist Teil der Verträge.

Die VPN-Nutzer haben ein dringendes Anliegen: Sie wollen Serien so schnell sehen, wie das in den USA geht. Die dritte Staffel der Netflix-Serie "House of Cards" war in Deutschland zunächst ausschließlich bei Sky zu sehen, darüber haben sich viele Leute geärgert.

Wir uns auch. Für unsere beiden ersten Eigenproduktionen, "House of Cards" und "Orange is the new black", haben wir keine globalen Rechte. Aber bei all unseren neuen Sendungen gibt es dieses Problem nicht mehr. Wir konzentrieren uns auf das globale Projekt Netflix. Unsere Kunden wollen Inhalte sehen, sobald sie erscheinen, und das überall. Das ist es auch, was unsere Vision von der Zukunft treibt: Wir wollen global verfügbar sein und den Leuten Zugang zu denselben Inhalten zur selben Zeit von überall aus ermöglichen. Das ist etwas, das es so in der Geschichte von Film und Fernsehen noch nicht gab.

Bisher gab es immer regionale Erscheinungstermine und wenn kein deutscher Sender die Rechte für eine bestimmte Serie gekauft hat, konnte man sie in Deutschland auch nicht sehen. Das ist auf Dauer frustrierend und nicht mehr zeitgemäß in unserer heutigen Welt, in der alles online jederzeit verfügbar ist. Deshalb sehen wir Netflix als globales Internetfernsehen, mit dem die Menschen in Dubai neue Serien zur selben Zeit sehen können wie in Kanada oder Deutschland.

Wann sind Sie wirklich global?

Wir sind noch nicht auf dem chinesischen Markt. Und ohne China kann man kein globales Unternehmen sein. Dazu brauchen wir allerdings die Erlaubnis der Regierung, mit der wir verhandeln. Das kann dauern. Apple hat sechs Jahre auf die Erlaubnis gewartet, das iPhone in China verkaufen zu können. Jetzt ist es ihr größter Markt und jeder Chinese will ein iPhone haben.

Die globale Expansion ist mit Eigenproduktionen, an denen Netflix die Rechte hält, vergleichsweise einfach. Aber die Lizensierung von Fernsehserien und Filmen ist traditionell regional. Wie sehen Ihre Verhandlungen mit den Studios aus?

Wir müssen einfach sehr viel Geld bieten. Das Ziel ist es, die bestehende Praxis zu verändern. Wir wachsen sehr stark und haben sehr viele Mitglieder - deshalb können wir auch viel für Inhalte bezahlen.

Und zugleich wächst auch Ihre Konkurrenz: Amazon bietet seinen Kunden mit Amazon Prime lizensierte und eigene Serien, ebenso Hulu in den USA und auch bei Apple gibt es immer wieder Gerüchte, dass das Unternehmen einen Streamingdienst starten will. Bedeutet das am Ende nicht, dass alle dieselben Inhalte wollen?

Und um die wird geboten, wie bei Sportrechten auch. Es ist ein Wettstreit zwischen uns allen, mal bieten wir mehr und mal jemand anderes.

Auch die vierte Staffel von "House of Cards" wird zuerst bei Sky ausgestrahlt - und nicht bei Netflix selbst.

(Foto: obs/Sky Deutschland)

Haben Sie nicht Angst, Ihre starke Position im Markt zu verlieren?

Ach, Netflix-Videos machen ungefähr ein Prozent aller Videos aus, die weltweit gesehen werden. Wir sind so klein und haben deshalb auch keine Angst, dass uns jemand angreift. Das klassische, lineare Fernsehen, etwa RTL und Pro Sieben und ZDF in Deutschland, ist so viel größer als wir. Youtube wächst, Amazon wächst, und bald kommt mit Virtual Reality eine weitere Option dazu. Wir kämpfen um die Freizeit der Nutzer und wir müssen sie nicht komplett gewinnen. Wir müssen nur so viel gewinnen, dass die Leute kein Problem damit haben, pro Monat zehn Euro für unser Angebot auszugeben.

Sie haben eben Amazon erwähnt. Dort ist es auch möglich, Filme und Serien herunterzuladen und dann offline anzusehen. Müssen Sie nachziehen?

Nein, das werden wir nicht machen. Die Stärke von Amazon ist die Breite des Angebots. Unsere Stärke ist unsere Fokussierung. Wir können eine Sache richtig gut: Fernsehserien und Filme streamen. Wir müssen nicht alles können.

Für 2016 haben Sie angekündigt, noch mehr Eigenproduktionen zu veröffentlichen als jemals zuvor. Kann es auch zu viel Fernsehen geben?

Das fragen sich die Leute seit Jahren: Wann sind es zu viele Filme, wann sind es zu viele Serien? Und man kann das nie sagen, bis man diesen Punkt erreicht. Der Markt wächst immer weiter, und die Menschen haben immer mehr Optionen. Und das Internet macht es viel einfacher, eine davon auszuwählen. Früher war es schwierig, im Zug eine Folge seiner Lieblingsserie zu sehen. Heute geht das.

Sie veröffentlichen keine Zuschauerzahlen. Nicht mal die Produzenten Ihrer Serien wissen, wie viele Menschen zuschauen. Ist das zeitgemäß?

Warum nicht? Das Tolle daran, wenn man keine Zahlen veröffentlicht, ist, dass jeder darüber spricht. Es ist ein Rätsel! Das ist fantastisch für uns. Was wir jedes Quartal veröffentlichen, sind die Mitgliederzahlen und die sind das Wichtigste für uns. Im vergangenen Jahr haben die Leute auf Netflix 42,5 Milliarden Stunden ferngesehen, im Jahr davor waren es noch 29 Milliarden. Darauf kommt es an. Wir müssen keine Werbekunden zufriedenstellen, weil wir keine haben.

Aber interessieren sich die Produzenten der Sendungen nicht auch für diese Zahlen? Sie sprechen gerade mit Matt Groening, dem Erfinder der "Simpsons", über eine neue animierte Serie?

Wir reden mit vielen Filmschaffenden und ja, wir würden auch gerne mit Matt Groening zusammenarbeiten und er auch mit uns. Aber da gibt es noch keine genauen Pläne. Ich glaube allerdings, dass es eher befreiend für die Produzenten ist, nicht auf Zahlen schauen zu müssen. Bei uns ist es auch egal, ob die Leute eine Sendung am ersten Tag oder erst nach einem Jahr sehen. Jeder, der möchte, kann auch jetzt noch mit der ersten Folge "House of Cards" anfangen. Und das ist doch das Tolle.

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