Streaming-Offensive Netflix ist fast weltweit erhältlich

Netflix, überall. CEO Reed Hastings will den ersten weltweiten Fernsehsender schaffen.

(Foto: AFP)

Der Streaming-Anbieter ist nun in 190 Ländern verfügbar. Und will noch mehr.

Von Jürgen Schmieder, Las Vegas

Nein, es war kein peinlicher Versprecher, den sich Reed Hastings auf der Technologiemesse CES in Las Vegas leistete, es war vielmehr eine selbstbewusste Ansage. Hastings ist der Chef von Netflix, und er stellte durch dieses eine Wort klar, dass es sich bei diesem Unternehmen keineswegs um ein Streamingportal handeln würde: "Sie werden gerade Zeuge der Geburt des ersten weltweiten Fernsehsenders." Er sagte wirklich Fernsehsender - und er wählte dieses Wort ganz bewusst.

Ein anderes Wort in diesem Satz freilich war eine dreiste Lüge, denn Netflix ist durch die simultane Freischaltung auf 130 zusätzlichen Märkten nun in 190 Ländern zu empfangen - doch nicht weltweit, weil vor allem China immer noch fehlt. "In der restlichen Welt kannst du einfach loslegen, in China brauchst du die Zustimmung der Regierung", räumte er deshalb später in den Einzelgesprächen ein: "Um dort langfristig erfolgreich zu sein, muss man Geduld haben und Beziehungen aufbauen. Daran arbeiten wir gerade, wir befinden uns in Gesprächen mit der Aufsichtsbehörde für Internetmedien."

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Das Erschließen neuer Märkte gilt als essentiell für den kommerziellen Erfolg von Netflix, hatten Investoren zuletzt die nicht rasant genug steigenden Abonnementzahlen beklagt. Über die definiert sich das Geschäftsmodell des Unternehmens, es kann nicht über einzelne Erfolge und grandiose Einschaltquoten Erlöse generieren, sondern ausschließlich über regelmäßig zahlende Kunden. Es hilft wenig, dass die Nutzer im vergangenen Jahr insgesamt 42,5 Millionen Stunden an Inhalten gestreamt haben. Was zählt, ist die Anzahl der Mitglieder - und die liegt derzeit bei knapp über 70 Millionen weltweit.

Netflix hat die Rezeption kultureller Güter verändert

Das Unternehmen, das mit dem dem Bereitstellen von Inhalten zum Wann-immer-und-wo-immer-Gucken die Rezeption kultureller Güter drastisch verändert hat, sah sich zuletzt gerade auf dem US-Markt mit zahlreichen angriffslustigen Konkurrenten konfrontiert. Das sind nicht nur Streamingportale wie Hulu oder Amazon Prime, die mittlerweile ebenfalls qualitativ hochwertige Eigenproduktionen bereitstellen, sondern auch traditionelle Fernsehsender, die nun auch komplette Staffeln auf ihren On-Demand-Kanälen bereitstellen oder wie der Sportkanal ESPN eine gewaltige Internet- und Mobile-Offensive gestartet haben.

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Inhaltlich versuchte es Netflix deshalb zuletzt mit der Produktion eines schrecklichen Adam-Sandler-Westerns, der laut Programmchef Ted Sarandos beim Publikum offensichtlich überaus erfolgreich war - zum ersten Mal deutete der ansonsten bei Quoten äußerst verschwiegene Sarandon die Zuschauerzahlen an: "The Ridiculous 6 war, gemessen an der Zahl der Streams in den ersten 30 Tagen, der erfolgreichste Netflix-Film der Geschichte." Das gelte sowohl für Eigenproduktionen als auch für eingekaufte Filme. Die zweite Strategie für Abonnentenzuwachs war die Wiederbelebung einst erfolgreicher Serien wie Arrested Development, Wet Hot American Summer und Full House - wobei Sarandon betonte, nicht in die Nostalgiefalle tappen zu wollen: "Es sind ganz einfach die Lieblingssendungen vieler Menschen." Und viele Menschen, die sollen Netflix abonnieren - also liefert Netflix, wofür möglichst viele Menschen zu zahlen bereit sind. Für das kommende Jahr plant das Unternehmen insgesamt 31 Staffeln von eigenen Serien, dazu 25 Filme und 30 Kinderprogramme.

Nun sollen noch mehr Abonnenten über die Expansion in neue Märkte funktionieren - was natürlich mittelfristig eine gravierende Veränderung für die dort ansässigen Fernsehsender bedeuten könnte, die mit aus den USA eingekauften Filmen und Serien Geld verdienen. Die dürften dann deutlich weniger Inhalte von Netflix und anderen Produzenten verkauft bekommen, weil die nun selbst und ohne Zeitverzögerung ausstrahlen können: "In den nächsten fünf bis zehn Jahren wollen wir so weit sein, dass alle Menschen der Welt denselben Inhalt sehen können", sagt Hastings. Seiner Meinung nach braucht es dann weltweit nur noch einen Fernsehsender: Netflix.