Legaler Marihuana-Handel in den USA Wettbewerb ums Drogengeld

Die Mitarbeiterin eines legalen Gras-Shops zeigt eine Marihuana-Pflanze. Ihre Kunden brauchen ein Rezept vom Arzt.

Gewinne mit Gras: Seit immer mehr US-Bundesstaaten den Marihuana-Handel legalisieren, wird das Geschäft auch für Banken und professionelle Investoren interessant. Regierungen hoffen auf Steuereinnahmen.

Von Kathrin Werner, Seattle, und Jürgen Schmieder, Los Angeles

In Shawn Scoleris Apotheke mitten in Seattle gibt es das Gramm für acht bis elf Dollar, je nach Qualität. Auf seinem Tresen liegen Plastikboxen mit grün-braunen Marihuanablüten, es gibt Hanf-Handcremes und Cannabis-Schokoriegel, die nach Minze oder Erdnussbutter schmecken. Scoleris Geschäft ist legal, die Kunden brauchen nur eine Bestätigung vom Arzt oder Naturheiler, dass sie auf Rezept kiffen. Und so eine Bestätigung ist leicht zu bekommen. Trotzdem, so der 42-Jährige, fühle er sich manchmal wie ein Krimineller.

Etwa 280 Marihuana-Läden gibt es derzeit in Seattle, der Bundesstaat Washington an der Westküste hat Marihuana komplett legalisiert. Der Gesetzgeber feilt noch an den Regeln - bis die Stadt offizielle Handelslizenzen verteilt, gibt es nur die medizinischen Apotheken wie die von Scoleri. Es ist ein Geschäft in der Grauzone, weil auf Bundesebene Marihuana noch immer verboten ist und in der Kategorie der gefährlichsten Drogen geführt wird. Vereinfacht ausgedrückt: Der Staat Washington erlaubt alles, die Regierung in der Hauptstadt Washington, DC, erlaubt nichts. Eine der Konsequenzen daraus war bislang, dass die Marihuana-Branche keine Konten eröffnen durfte, den Banken drohte sonst ein Verfahren wegen Geldwäsche. Genau das soll sich nun ändern.

Kürzlich hat die Bundesregierung Richtlinien an Banken verteilt, nach denen sie von nun an mit lizenzierten Marihuana-Anbietern zusammenarbeiten dürfen. Solange die Geschäfte nicht Marihuana an Minderjährige verkaufen, mit Drogenkartellen zusammengearbeitet oder Ware außerhalb der Staatsgrenzen veräußert haben, können Banken ihnen erlauben, ein Konto zu eröffnen, eine Kreditkarte zu beantragen und Kredite aufzunehmen. All das also, was legale Unternehmen tun dürfen.

"Die wollen mein Geld, ist doch klar"

Bislang akzeptierten die Inhaber der Geschäfte in einem Land, in dem selbst für ein Päckchen Kaugummi mit Kreditkarte bezahlt wird, beinahe ausschließlich Cash. Scoleri berichtet davon, wie gruselig es sei, mit Bargeld herumzulaufen, er habe Angst vor Überfällen. Seinen Eingang versperren zwei dicke Stahltüren. Alle paar Monate geht er mit einer unauffälligen braunen Papiertüte zur Steuerbehörde. "Das erste Mal haben die eineinhalb Stunden gebraucht, um die 12 000 Dollar zu zählen", erzählt er. "Die haben mir das Gefühl gegeben, ich sei das Allerletzte und mich die ganze Zeit mit blöden Fragen genervt." Mittlerweile hätten sich die Beamten aber an ihn und seine Scheine gewöhnt und brauchen nur noch zehn Minuten fürs Zählen. "Die wollen mein Geld, ist doch klar", sagt Scoleri.

Genau darum geht es: ums Geld. Es ist mittlerweile Konsens, dass der "War on Drugs", der seit 1971 tobende Krieg gegen Drogen, gescheitert ist. Er hat die Steuerzahler innerhalb von 40 Jahren beinahe eine Billion Dollar gekostet - dennoch weitete sich der Drogenhandel immer weiter aus. Die Befürworter der Cannabis-Legalisierung sagen: Marihuana ist gesellschaftsfähig, 58 Prozent der Amerikaner sind mittlerweile für die Komplett-Legalisierung. Derzeit prüfen mehrere Bundesstaaten wie etwa Kalifornien, den Genuss auch zu nichtmedizinischen Zwecken wie in Washington und Colorado zu erlauben. In der Football-Liga NFL wird offen darüber diskutiert, Marihuana als Schmerzmittel zuzulassen. Und Präsident Barack Obama sagte kürzlich, dass er Marihuana für nicht gefährlicher als Alkohol halte.