Kritik an Arbeitsbedingungen bei Amazon Weihnachtselfen im Praktikum

Billige Arbeitskräfte fürs Weihnachtsgeschäft? Hartz-IV-Empfänger werden beim Versandhändler Amazon zu Praktikanten - und der Steuerzahler zahlt ihnen weiter Arbeitslosengeld. Die Landesregierung Nordrhein-Westfalen wittert einen "ungeheuren Skandal" und will den Fall untersuchen.

Amazon ist überall. Der Versandhändler verkauft weltweit: Bücher, Musik-MP3s, Klamotten und sogar Gemüse. Amazon ist auch in Rheinberg und Werne. In den beiden Versandzentren in Nordrhein-Westfalen hat das Unternehmen Hunderte Arbeitsplätze geschaffen. Doch jetzt steht der Vorwurf eines "ungeheuerlichen Skandals" im Raum. Die Landesregierung will die Arbeitsbedingungen bei Amazon näher untersuchen.

Das Arbeitsamt zahlt Arbeitern von Amazon in ihren ersten zwei Arbeitswochen weiter Hartz IV, Lohn erhalten sei keinen: Versandcenter des Online-Händlers im nordrhein-westfälischen Werne.

(Foto: dpa)

NRW-Sozialminister Guntram Schneider (SPD) sagte in Düsseldorf, nach Zeitungsberichten über "offenbar skandalöse Praktiken bei der Beschäftigung von Aushilfen" gebe es "berechtigte Zweifel, ob diese Praxis legal ist". Sein Ressort prüfe derzeit zusammen mit der Bundesagentur für Arbeit, ob Amazons Vorgehen rechtmäßig sei.

Es geht um Vorwürfe, wonach Amazon Mitarbeiter für das Weihnachtsgeschäft zunächst zwei Wochen lang im Zuge "betrieblicher Trainingsmaßnahmen" zur Probe arbeiten lassen soll, ohne sie zu bezahlen.

Für die Jobvermittler ist es normales Job-Training, eine Chance für Arbeitssuchende. Gewerkschafter von Verdi und offenbar auch Minister Schneider meinen dagegen, dass Amazon sich so nur billige Arbeitskräfte besorgen will, die das Unternehmen dann wieder leicht loswerden kann.

Arbeiter, die von der Arbeitsagentur vermittelt werden, müssen in diesen zwei Wochen als Praktikanten arbeiten. In dieser Zeit zahlt Amazon keinen Cent - dafür aber der Steuerzahler. Die Jobcenter überweisen weiter Hartz IV an die Arbeiter. Der Sinn dahinter: Wenn sie sich bewähren, können sie festangestellt werden. Das gefällt Gewerkschaftern nicht, ist aber legal und laut dem zuständigen Arbeitsamt Unna auch durchaus üblich bei der Vermittlung von Arbeitslosen.

Im Weihnachtsgeschäft beschäftigt Amazon mehr als 1000 Saisonarbeitskräfte. Sie sollen helfen, die großen Mengen an Bestellungen in den Wochen vor dem Fest zu bewältigen. Viele werden nicht übernommen. Allerdings besteht die zuständige Regionaldirektion der Arbeitsagentur darauf: Diese Saisonarbeitskräfte würden in den Wochen vor Weihnachten sowieso nicht von ihr unterstützt.

Im Sommer waren die Arbeitsbedingungen bei Amazon in den USA in die Kritik geraten. Eine Lokalzeitung aus Pennsylvania hatte Arbeiter in einem Lagerhaus interviewt, die von unerträglicher Hitze an ihrem Arbeitsplatz berichteten. Reihenweise seien Amazon-Angestellte in Krankenhäusern gelandet. Doch statt etwas gegen die Hitze im Lager zu unternehmen, habe Amazon einfach Ambulanzwagen vor der Tür warten lassen - für den nächsten kollabierenden Mitarbeiter. Manche der betroffenen Angestellten sollen angeblich diszipliniert worden sein, weil sie ihren Arbeitsplatz verlassen hätten.

Amazon versucht derzeit, neben dem Verkauf von Büchern, Musik und anderen Waren fremder Hersteller auch mit eigenen Produkten Fuß zu fassen. Das Unternehmen verlegt neuerdings nicht nur Autoren selbst, sondern will mit seinem Kindle Fire auch Apple auf dem Markt der Tablet-PCs angreifen. Unter anderem wegen seiner Kampfpreise bei E-Readern und Tablets war Amazons Gewinn im dritten Quartal deutlich eingebrochen.