Fleischindustrie Der konzentrierte Rohstoff ist wertvoller als Gold

Die Blutentnahme setzt den Pferden schwer zu. Das begehrte Hormon kann nur in einem frühen Stadium der Trächtigkeit gewonnen werden. Den Stuten wird dann über einen Zeitraum von fünf bis sechs Wochen regelmäßig Blut abgenommen. Je Tier seien das zehn Liter pro Tier und Woche, manchmal sogar noch mehr, sagen die Tierschützer und berufen sich dabei auf Aussagen von Stallmitarbeitern. Zehn Liter entsprechen bei den kleinen Pferden etwa einem Viertel der gesamten Blutmenge. Der Veterinärfachmann Rupert Ebner hält das für unverantwortlich. "Vertretbar wären höchstens fünf Liter pro Woche und das auch nur unter tierärztlicher Aufsicht", sagt er. Werde mehr abgezapft, sei dies gefährlich für die Tiere. "Die Stuten werden stark geschwächt und leiden unter Blutarmut."

Auf den ersten Blick sind die exportierten PMSG-Mengen gering. Doch das Hormonkonzentrat wird teurer aufgewogen als Gold. 2,4 Kilogramm lieferte Syntex nach SZ-Recherchen seit Anfang 2013 allein von Uruguay nach Frankreich. Gesamtwert dieser Lieferungen: 14 Millionen US-Dollar. Das dürfte nicht alles sein. Auf die Frage, wie viele Stuten zur PMSG-Produktion im Einsatz sind und wie viel des Stoffs wohin geht, antwortet Alejandro Abentín, Generalmanager von Syntex: "Wir danken für Ihr Interesse, bitten Sie aber zu verstehen, dass wir unsere Prozesse nicht erklären können, da sie Teil unseres Firmengeheimnisses sind."

Empörende Blutspur

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Die Europäische Kommission bestätigt die Importe aus Uruguay und Argentinien, auch die von Syntex. Genaue Zahlen kann aber auch sie nicht nennen. Das Problem: In der EU-Statistik werden die verschiedenen Blutprodukte nur mengenmäßig erfasst. Wie viel des Stutenhormons darunter ist, lässt sich also nicht feststellen. Die Einfuhrzahlen zeigen jedoch, dass Argentinien und Uruguay nach den Vereinigten Staaten und Neuseeland die größten Lieferanten von Blutprodukten aller Art sind - und dass erhebliche Mengen auch nach Deutschland gehen.

Das Hormon soll Sauen helfen, schnell wieder trächtig zu werden

Syntex beliefert den Recherchen zufolge unter anderem das französische Pharmaunternehmen Ceva, das sein Medikament Fertipig auch in Deutschland vertreibt. Die Firma bestätigt dies. "Wir prüfen unsere Lieferanten regelmäßig", sagt ein Firmensprecher. Auch die Farm, von der die Aufnahmen der Tierschützer stammen, sei kontrolliert worden. Dabei seien keine Tierschutzverstöße aufgefallen. Der Hersteller will die Vorwürfe nun gründlich prüfen.

Die drei anderen Anbieter in Deutschland halten sich dagegen bedeckt. Die spanische Firma Laboratorios Hipra, Hersteller von Gestavet, antwortet nicht auf eine Anfrage. Die Firma IDT mit Sitz in Dessau, Anbieter von Premagon, teilt mit: "Als Unternehmen in einem wettbewerbsintensiven Markt können wir keine Details zu unseren Produkten und zu unserer Lieferkette veröffentlichen." Fast zynisch klingt die Werbung der Firma: "PMSG - der moderne Klassiker: Vertrauen Sie 100 % Natur", heißt es da in einer Broschüre. Versprochen wird mehr Wirtschaftlichkeit und eine höhere Ferkelproduktion.

Zwei Millionen Sauen werden laut Statistik in Deutschland gehalten, die meisten für die Fleischproduktion. Im Schnitt wirft ein Muttertier 2,3 Mal im Jahr, jeweils etwa elf Ferkel. Das Stutenhormon soll helfen, dass es nach einem Wurf möglichst schnell wieder trächtig wird. Auch die Abläufe im Stall lassen sich so besser steuern. Wenn alle Sauen gleichzeitig werfen, können die Ferkel später in großen Gruppen verkauft werden. All dies erleichtert die Arbeit, steigert Umsatz und Gewinn. Ein Vertreter aus der Pharmaindustrie schätzt, dass 80 Prozent der Ferkelproduzenten solche Mittel einsetzen, während der Schweinehalterverband ZDS von bis zu 15 Prozent spricht. Prüfen lässt sich das nicht. Es gibt keine Meldepflicht, wie etwa bei Antibiotika.

In Europa würde dies gegen Tierschutzgesetze verstoßen

"PMSG dient vor allem dazu, das System der industriellen Schweinehaltung aufrecht zu halten", meint Veterinärexperte Ebner. Zugleich schade es dem Wohl der Sauen. Mit dem Hormon werde deren natürlicher Selbstschutz aufgehoben. "Das Tier bekommt keine Zeit, sich zur erholen", sagt Ebner. Der Schweinehalterverband argumentiert dagegen, das Stutenhormon trage dazu bei, den Einsatz von Medikamenten insgesamt zu senken.

Zu den Firmen, die für Nachschub sorgen, gehört auch MSD Tiergesundheit, eine Tochter des US-Pharmakonzerns Merck und Hersteller von Intergonan und Suigonan. Man beziehe Seren von einer Vielzahl von Lieferanten in Südamerika, Island und Kontinentaleuropa, heißt es dort. Namen will MSD nicht nennen. Das Unternehmen mit Sitz in Unterschleißheim bestätigt jedoch, dass es seine Blutgewinnung in den Niederlanden vor kurzem eingestellt und ganz nach Uruguay und Chile verlagert habe. Angeblich, um die Zahl der Lieferanten zu verringern.

In Südamerika vermutet man dahinter jedoch ganz andere Motive: Professor Ricardo Sienra glaubt, dass das Blutserum zu großen Teilen in Uruguay produziert werde, weil Tierschutzbedingungen in Europa diese Art der PMSG-Gewinnung nicht erlauben würden. Sienra ist Tierschutzexperte im Landwirtschaftsministerium von Uruguay. In einem von Tierschützern aufgezeichneten Interview sagt er, dass es in seinem Land "keine spezifischen Gesetze für den Schutz von Stuten in der PMSG-Produktion gibt". Auf SZ-Anfrage, ob die Produzenten in Uruguay überhaupt kontrolliert werden und wenn ja, von wem, antwortet Sienra, er müsse sich zunächst bei den Produzenten erkundigen. Danach meldet er sich nicht mehr.

Fohlen werden wohl systematisch abgetrieben

Auch die EU-Kommission fühlt sich nicht für die Missstände auf Blutfarmen in Uruguay und Argentinien zuständig. In der Generaldirektion für Gesundheit und Lebensmittel heißt es, EU-Standards würden nur für Produkte gelten, die innerhalb der EU-Grenzen hergestellt werden. In Brüssel wird weiter an die Weltorganisation für Tiergesundheit OIE verwiesen, ein Organ der Vereinten Nationen. Dort heißt es nur, "dass zu diesem speziellen Thema keine Informationen vorliegen". Dann weist die OIE noch auf ihre Empfehlung zum internationalen Tierschutz hin. "Für die Gewinnung von Blutserum in Uruguay und Argentinien fühlt sich offenbar niemand zuständig, sie findet in einer rechtlichen Grauzone statt", klagt York Ditfurth, Präsident der Animal Welfare Foundation. Die Tierschützer sehen die EU in der Pflicht und verlangen einen Einfuhrstopp für PMSG aus diesen Ländern.

Bei einem Geschäftszweig, der darauf basiert, Tausende Stuten so oft es geht zu schwängern, drängt sich nicht zuletzt die Frage auf: Was passiert eigentlich mit den Fohlen? Die Beobachtungen der Tierschützer legen nahe, dass sie systematisch abgetrieben werden - wenn die Föten nicht schon von selbst im Mutterleib absterben, weil die Stuten zu stark geschwächt sind. Mit Stuten, die all diese Strapazen überlebt haben, aber nicht mehr trächtig werden, wird dagegen noch ein letztes Geschäft gemacht. Sie werden an EU-zertifizierte Schlachthöfe verkauft. Ihr Fleisch kann also auch in Deutschland landen.