Geschäfte deutscher Energiekonzerne mit Uran aus Russland Es ging nicht nur um den Erhalt des Weltfriedens

Denn vertrauliche Papiere aus dem EnBW-Konzern legen nahe, dass es Managern beim Thema Abrüstung nicht nur um den Erhalt des Weltfriedens ging: Sie "könnte in Zukunft im politischen Raum eine wichtige Rolle bei der erneuten Diskussion über die Laufzeiten der Kernkraftwerke spielen", heißt es in den Papieren. "Aus diesem Grunde hat RWE mittlerweile auch Interesse am Bezug von Brennelementen aus russischer Fertigung mit militärischem Material bekundet."

Die Papiere ermöglichen tiefen Einblick und decken kaum fassbare Strategien auf: Im Jahr 2001 machten sich Atommanager in Berlin dafür stark, in Zukunft auch den noch gefährlicheren Atombombenstoff Plutonium aus Militärbeständen Russlands in deutschen AKW abzufeuern - gegen den Rat von Umweltschützern und Atomexperten. Man eruierte die politische Lage und resümierte erfreut, die Bundesregierung sei für das Thema grundsätzlich offen. So steht es in einem internen EnBW-Schreiben an Ex-EnBW-Chef Gerhard Goll zur Vorbereitung auf ein Gespräch mit Ex-Kanzler Gerhard Schröder (SPD) 2001.

Selbst die Grünen hatte die Branche nach eigener Lesart im Griff: "Überraschenderweise gibt es bei den Grünen dank guten Lobbyings durch die richtigen Leute eine vergleichsweise hohe Akzeptanz", schreibt der Chef der EnBW-Kraftwerke AG, Michael Gaßner, an Goll und weiht ihn in ein Geheimnis mit großer Sprengkraft ein: "Die Bundesregierung weiß allerdings nicht, dass die Zeiträume, die benötigt werden, um all das russische Plutonium in Reaktoren zu verbrennen, doch deutlich länger sind, als die 'Restlaufzeiten' des Energiekonsenses, sodass hieraus der Druck auf eine Verlängerung der Laufzeiten entstehen wird."

Es sind Zeilen, die in Berlin für Fassungslosigkeit sorgen dürften: Teile der Wirtschaft glauben nicht nur, die Politik dank ihres Lobbyings im Griff zu haben. Sie enthalten ihr offenbar auch noch hochbrisante Informationen vor, um sie bei einer der wichtigsten politischen Entscheidungen der vergangenen Jahre hinters Licht zu führen, dem Atomausstieg. Selbst Jahre später ist dem EnBW-Konzern zu den Vorgängen nicht mehr als ein Achselzucken zu entlocken: Wie EnBW heute den Versuch bewerte, die Regierung beim Atomausstieg auszutricksen? "Der von Ihnen zitierte Satz ist eine Sachverhaltsdarstellung", lässt EnBW auf SZ-Anfrage wissen. "Wir verwahren uns gegen eine pauschale Unterstellung einer geplanten Täuschung."

Bis heute allerdings lässt man die Bundesregierung über das Ausmaß des Abrüstungsprogramms offenbar im Unklaren. Das Bundesumweltministerium weiß zwar von der Lieferung spezieller Brennelemente aus Russland seit dem Jahr 2000. Für deren Produktion könne auch "hoch angereichertes Uran aus dem militärischen Bereich verwendet werden", vermutet die Behörde. Über mögliche Mengen wisse man jedoch nichts. Ähnlich äußerten sich die zuständigen Landesbehörden. Und das für Abrüstungsabkommen zuständige Auswärtige Amt macht klar, dass die Atomwirtschaft nicht im Auftrag der Bundesregierung handelte: "Ein Abkommen in diesem Bereich wie etwa zwischen Russland und den USA gibt es zwischen Russland und Deutschland nach hiesiger Kenntnis nicht."

Mit keiner Zeile haben die drei AKW-Betreiber Eon, RWE und EnBW die Deutschen bislang über das wahre Ausmaß ihrer brisanten Aktivitäten informiert. Und selbst führende Atommanager blieben außen vor. Auch Vattenfall-Europe-Chef Tuomo Hattaka sagte der SZ, er wisse vom Einsatz von Militäruran in Deutschland nichts. Dabei ist Hatakkas Konzern zu 25 Prozent am Eon-Abrüstungsmeiler Brokdorf beteiligt.