Geschäfte deutscher Energiekonzerne mit Uran aus Russland Deutscher Strom aus russischen Atombomben

In deutschen Kernkraftwerken wird nach SZ-Informationen seit Jahren Uran aus russischen Atomwaffen eingesetzt. Ein mysteriöses Geschäft der Energiekonzerne, dessen wahres Ausmaß erst nach und nach ans Licht kommt. Vertrauliche Papiere legen nahe, dass es den Managern nicht nur um den Erhalt des Weltfriedens ging.

Von Markus Balser und Uwe Ritzer

Kananaskis ist ein verschlafenes Nest in den kanadischen Rocky Mountains. Vor zehn Jahren aber schrieb der winzige Ort Weltgeschichte. Die mächtigsten Staatschefs beschlossen hier bei einem G-8-Gipfel 2002 ein historisches Abrüstungsprogramm. Es galt, eine gigantische Gefahr des Kalten Krieges zu beseitigen: Hunderte Tonnen hochangereichertes Uran und strahlendes Plutonium aus Militärbeständen - Atombomben oder U-Booten etwa. Genug Stoff für zig neue Sprengköpfe und genug Grund, es nie in die falschen Hände gelangen zu lassen. "Wir wären dankbar, wenn unsere Partner bereit wären, uns hierbei zu unterstützen", hatte Russlands Präsident Wladimir Putin damals gesagt.

Eine Bitte, die, wie in diesen Tagen bekannt wird, in Deutschland zu einem höchst brisanten Entsorgungsprogramm führte. Es ist eine verstörende Vorstellung: Immer dann, wenn Bürger Strom verbrauchten - am Herd, Laptop oder Lichtschalter - wurden sie zu atomaren Abrüstern. Über ein Jahrzehnt landete die strahlende Gefahr aus Russland nach Informationen der Süddeutschen Zeitung als Brennstoff im großen Stil in deutschen Reaktoren. So machten hiesige Atommanager ein ganzes Land zu ihrem Handlanger - ohne, dass dessen Bürger davon wussten.

Vertrauliche Dokumente der Atombranche machen klar, welche Dimension das Projekt hatte: Es geht um mindestens 100 Tonnen militärisches Uran. Vertrauliche Papiere führender Atommanager enthüllen einen wüsten Verdacht: Sie sollen geplant haben, die Bundesregierung auszutricksen und mit Abrüstungsplänen längere Laufzeiten durchzuboxen. Von den diskreten Geschäften führen Spuren zu einer weiteren Affäre. In deren Zentrum steht Andrey Bykow. Der umstrittene russische Lobbyist gilt als Schlüsselfigur im Skandal um versickerte Millionen bei Atomgeschäften des Energiekonzerns EnBW.

Bykow und führende deutsche Atommanager halfen Putin offenbar gerne. Den Angaben zufolge setzte die Atomindustrie in den vergangenen zehn Jahren mehr als 1000 Brennelemente ein, die mit militärischem Uran bestückt waren. Bei weiteren 500 gilt dies als sehr wahrscheinlich. Damit wurden sie zum wichtigen Stromlieferanten der Deutschen. Zum Vergleich: Mit 200 Brennelementen lässt sich ein ganzes AKW fünf Jahre befeuern. Und die Aktion ist noch nicht zu Ende. Der Einsatz weiterer 180 Elemente ist geplant.

Die Geschäfte machen endgültig klar, wie Atomwaffen der Atomenergie nutzen. Aus einer Mischung von wiederaufbereitetem Uran aus Westeuropa und höher angereichertem Uran aus Russland wurden bei Moskau Brennelemente hergestellt, die dann in Spezialbehältern per Bahn, Schiff und Lastwagen zu ihren deutschen Bestimmungsorten transportiert wurden - in die Kernkraftwerke Obrigheim und Neckarwestheim (beide EnBW), Brokdorf (Eon), Unterweser (Eon) sowie Gundremmingen (RWE und Eon).

Allein RWE bestätigt auf SZ-Anfrage den Einsatz von 856 Brennelementen und erklärt: "Bei der Fertigung wird aus russischen Militärbeständen stammendes Uran beigemischt." Auch der größte deutsche Energiekonzern Eon bestätigt den Einsatz militärischen Urans. EnBW gibt dagegen lediglich an, ein solcher Einsatz sei möglich. Warum die Atomkonzerne selbst nach Jahren das Schweigen nur sehr zögerlich beenden, verstehen selbst Experten nicht: Die Branche hätte sich für ihr Friedensprojekt feiern lassen können, Fachleute halten den Einsatz in deutschen Meilern technisch für lösbar. Doch die Diskretion könnte ihren Grund haben.