Japan: Lieferengpässe Deutsche Firmen liebäugeln mit Kurzarbeit

Auf der ganzen Welt führt die Naturkatastrophe in Japan zu Lieferengpässen. Deutsche Firmen denken schon wieder an Kurzarbeit.

Von V. Bernau, T. Fromm, G. Hermann und T. Öchsner

Noch sind längst nicht alle Toten geborgen, noch ist längst nicht klar, ob die Experten die Lage an den Atomreaktoren von Fukushima unter Kontrolle bekommen. Nur eines steht knapp zwei Wochen nach dem verheerenden Erdbeben im Nordosten Japans fest:

Das Unglück ist die bislang teuerste Naturkatastrophe aller Zeiten. Etwa 220 Milliarden Euro, so Berechnungen der Regierung in Tokio, dürfte das Desaster unterm Strich kosten - unabhängig von den menschlichen Tragödien, die sich in der Krisenregion abspielen. 220 Milliarden, das sind, auf Deutschland umgerechnet, etwa zwei Drittel des Bundeshaushalts. Und nun erreicht die Jahrhunderttragödie auch deutsche Firmen.

Einige Unternehmen, die auf japanische Zulieferer angewiesen sind, erwägen nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit, Kurzarbeit zu beantragen. "Uns liegen erste Anfragen aus dem Automobilbereich vor", sagte eine Sprecherin der Bundesagentur für Arbeit der Süddeutschen Zeitung.

Sie rechnet damit, dass in den nächsten Wochen auch die ersten Anträge auf Kurzarbeitergeld wegen der Japankrise eingehen werden. Noch könnten Firmen, die auf Lieferungen aus Japan angewiesen sind, Engpässe ausgleichen. "Wir spüren aber schon jetzt einen gestiegenen Beratungsbedarf bei den Unternehmen. Die wissen ja, dass in ihren Lagern früher oder später die Teile aus Japan fehlen."

Die BA hat deshalb bereits juristisch geprüft, ob die Auszahlung von Kurzarbeitergeld wegen der Krise möglich ist. Herausgekommen ist dabei ein klares Ja, sofern das Unternehmen nachweisen kann, dass "Lieferengpässe nicht durch andere Lieferanten oder aus Lagerbeständen kompensiert werden können". Bei der Kurzarbeit kommt die BA für einen Teil der Verdienstausfälle auf, die verkürzte Arbeitszeiten verursachen.

Eine SZ-Umfrage unter deutschen Autobauern ergab: Bislang hat kein Hersteller offiziell Kurzarbeit beantragt. Jedoch wächst die Nervosität. Die Autobauer haben Angst, dass ihre Lieferketten nach Japan reißen könnten - und die Produktion zum Erliegen kommt.

Vor allem bei elektronischen Bauteilen drohen Engpässe

Bei Opel gibt es bereits Engpässe, hier mussten Anfang der Woche zwei Schichten ausfallen, weil Lieferungen aus Japan fehlten. Bei Daimler und BMW heißt es, man prüfe genau, "ob Teile und welche Teile fehlen". Ein VW-Sprecher erklärte, "aktuell" gebe es "keine Auswirkungen auf die Produktion".

Gleich nach dem Unglück sei eine Task Force aus Spezialisten eingerichtet worden, die täglich zusammenkomme, "um die Situation zu analysieren und die konzernweiten Lieferketten zu bedienen". Vor allem bei elektronischen Bauteilen drohen Engpässe. Mehrere japanische Chiphersteller haben ihre Fertigung während des Bebens heruntergefahren. Pausen von wenigen Sekunden aber bringen die Produktion für Wochen aus dem Takt.

Und noch immer etwa ruht die Fertigung zweier Unternehmen, die etwa ein Viertel der weltweit benötigten Siliziumscheiben stellen. Ohne die dünnen Scheiben kommt kein Chip aus - egal, zu welchem Zweck er später eingesetzt wird. Das macht die Chipbranche für andere Industrien so wichtig. Die Zeit drängt: Länger als zwei Wochen, so schätzen die Marktforscher von iSuppli, werden die Reserven nicht reichen.

Nokia rechnet mit Störungen

Bei Leiterplatinen, wie sie in Computern oder Handys stecken, sind die Ausfälle noch größer: Bei zwei japanischen Herstellern, die etwa 70 Prozent des Weltmarktes kontrollieren, stehen die Bänder still. Nokia hat erklärt, man rechne mit "einigen Störungen".

Es könne wegen einem Mangel an Bauteilen und Rohstoffen aus Japan Probleme bei der Auslieferung einiger Produkte geben. Der schwedischen Industriegewerkschaft IF Metall zufolge gibt es derzeit noch keine größeren Probleme. Die Betriebe warten ab. Diese Beschreibung bestätigt man beim Autohersteller Volvo.

Sprecher Per-Åke Fröberg zufolge gibt es derzeit dank Lagerbeständen noch keine akuten Mängel in der Produktion, das könne sich aber Ende nächster Woche ändern, falls keine neuen Bauteile aus Japan eintreffen. Ein Volvo besteht Fröberg zufolge zu zehn Prozent aus japanischen Bauteilen. "Das dürfte dem Durchschnitt auch bei anderen Herstellern entsprechen", sagte er.

Der Lkw-Hersteller Volvo Trucks ist über seine japanische Tochterfirma UD Trucks direkt vom Erdbeben betroffen. Schwierigkeiten gibt es vor allem in der Baumaschinensparte Volvo CE: Bei der Produktion von Baggern in Korea und China ist dem Konzern zufolge mit Beeinträchtigungen zu rechnen, weil wichtige Hydraulikteile aus Japan fehlen. Bagger produziert Volvo CE auch am deutschen Standort Konz- dort rechne man derzeit aber nicht mit Problemen, erklärte Volvo-Konzernsprecher Mårten Wikforss.

Münchener Rück zieht Gewinnprognose zurück

Auch bei den Rückversicherer Münchener Rück, Swiss Re und Hannover Re schlagen Beben und Tsunami mit Milliardensummen zu Buche - Weltmarktführer Münchener Rück zog bereits seine Gewinnprognose in Höhe von 2,4 Milliarden Euro zurück.