Ausstand der GDL-Lokführer Konkurrenz-Gewerkschaft kritisiert Streik als "Mitgliederwerbeaktion"

Leere am Stuttgarter Hauptbahnhof: Die meisten Bahnkunden hatten sich vor dem Streik der GDL über den Notfallfahrplan informiert.

(Foto: dpa)
  • Der bundesweite Streik der Lokführergesellschaft GDL hat nicht nur für Fahrgäste negative Folgen, sondern auch nach innen: Die Konkurrenzgewerkschaft EVG kritisiert den Arbeitsausstand als "Mitgliederwerbeaktion".
  • Der Streik führt bei der Deutschen Bahn am Samstag zu großen Einschränkungen im Fern- und Regionalverkehr. Nur etwa 30 Prozent aller ICE- und Intercity-Züge fahren nach Angaben der Bahn.
  • Auch der Nahverkehr ist betroffen: Viele S-Bahnen, etwa in Berlin, Frankfurt und München, fallen aus.

Scharfe Kritik an der Gewerkschaft

Der Streik der Lokführergewerkschaft GDL stößt bei der Konkurrenzorganisation EVG auf Kritik. Der Ausstand diene nicht dazu, Tarifforderungen zu untermauern, sagte der stellvertretende EVG-Chef Klaus-Dieter Hommel dem WDR. Vielmehr handele es sich um eine "Mitgliederwerbeaktion". Ein Ende des Konfliktes ist nach seinen Worten nicht in Sicht. "Ich gehe davon aus, dass die Situation leider noch weiter eskalieren wird in den nächsten Tagen." Der Streik wirkt sich nach Hommels Ansicht auch negativ auf das Verhältnis zwischen den beiden Gewerkschaften aus. Die Stimmung zwischen den unterschiedlichen Mitgliedern werde immer schlechter. Unter anderem würden die am Wochenende arbeitenden Kollegen als Streikbrecher diffamiert, obwohl diese arbeiten müssten, weil sie selbst nicht im Arbeitskampf seien, sagte Hommel. Er habe Drohungen erhalten.

Haben Sie Verständnis für den Streik der GDL?

Mitten in der Herbstferienzeit führt der Lokführerstreik bei der Deutschen Bahn am Samstagmorgen zu großen Einschränkungen im Fern-, Regional- und Nahverkehr. Für Bahn-Personalchef Ulrich Weber sei "die Grenze zur Irrationalität" erreicht. Auch der Präsident des Handelsverbands Deutschland (HDE), Josef Sanktjohanser, spricht von einer "riesengroßen Verantwortungslosigkeit." Stimmen Sie der Kritik zu oder haben Sie Verständnis für die Forderungen der GDL? Diskutieren Sie mit uns. mehr ... Ihr Forum

Heftige Kritik an der Haltung der GDL übte auch Bahn-Personalvorstand Ulrich Weber. "So kurzfristig und in dieser Dimension sind die Streiks völlig verantwortungslos und an der Grenze zur Irrationalität", sagte er der Bild-Zeitung. "Diese Streiks ohne Atempause und ohne Besinnung kann sie keinem mehr erklären." Weber kritisierte, dass sich die GDL auch trotz des neuen Tarifangebots "keinen Millimeter" bewegt habe. Die Bahn habe das neue Angebot eigentlich erst am Sonntag vorlegen wollen, sagte der Bahn-Vorstand. "Doch nach der Streikankündigung haben wir es vorgezogen, um weiteren Schaden abzuwenden." Weber zufolge kostet ein Streiktag "schnell einen einstelligen Millionenbetrag".

Kritik an dem Streik kam auch vom deutschen Handel, er sieht sich vom Streik im Güterverkehr betroffen. "Das ist eine riesengroße Verantwortungslosigkeit der GDL", sagte der Präsident des Handelsverbands Deutschland (HDE), Josef Sanktjohanser, der Bild. "Wenn die Kunden weg bleiben und die Ware nicht ankommt, weil die Bahn nicht fährt, ist das eine absolute Katastrophe für unsere Unternehmen und Beschäftigten", erklärte er.

Was Reisende jetzt wissen müssen

Die GDL beendet den Bahnstreik, bis zur Rückkehr zum Normalfahrplan wird es aber noch dauern. Wo finde ich Informationen zu meinem Zug? Was gilt bei der Stornierung von Mietwagen oder Fernbus? mehr... Fragen und Antworten

Streikschwerpunkte in Leipzig, Hamburg und Hannover

Bei der Deutschen Bahn hat der angekündigte 50-stündige Streik der Lokführer begonnen. Zeitgleich sei im Fern- und Regionalverkehr der vom Unternehmen für das Wochenende aufgestellte Ersatzfahrplan in Kraft getreten, sagte eine Bahnsprecherin am Samstagmorgen. Dieser greife auch. Dennoch rechnet die Bahn mit Zugausfällen und Verspätungen für Millionen Reisende. Besonders betroffen seien die Regionen Halle/Leipzig, Hamburg/Hannover sowie Mannheim, teilte das Unternehmen mit. Nur etwa 30 Prozent aller ICE- und Intercity-Züge führen. In der Live-Auskunft informiert die Bahn über den aktuellen Stand.

Insgesamt sei das Ziel, mindestens ein Drittel des Angebotes aufrechtzuerhalten und nach Streik-Ende am Montagmorgen die Verfügbarkeit der Züge zu sichern. Starke Einschränkungen gibt es nach Bahnangaben im Güterverkehr, der bereits seit Freitag bestreikt wird. Der Ausstand trifft nicht nur Wochenendpendler, sondern auch viele Urlaubsreisende, weil in neun Bundesländern Schulferien beginnen oder enden.

Von dem zweitägigen Streik profitieren im Fernverkehr vor allem Busse - am Busbahnhof in Berlin herrscht reger Andrang.

(Foto: dpa)

Um gestrandeten Reisenden zu helfen, stellte die Bahn in Hamburg, Berlin, Frankfurt am Main und München Hotelzüge bereit. Diese seien in der Nacht zum Samstag "wenig genutzt" worden, sagte die Bahnsprecherin. Offenbar hätten sich viele Reisende vor dem Streik genau informiert und umgeplant.

Nahverkehr ebenfalls betroffen

Auch viele S-Bahnen fallen aus, etwa in Berlin, München oder Frankfurt. In Berlin verkehren die Ringbahnlinien S41 und S42 während des zweitägigen Streiks überhaupt nicht, wie ein Bahnsprecher am Samstagmorgen sagte. Auch andere Linien fielen aus. Züge der S1, S2 oder der S9 sollen hingegen fahren, die S-Bahn kündigte allerdings Taktlücken an. Das Unternehmen empfiehlt, auf U-Bahnen, Straßenbahnen und Busse der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) auszuweichen.

In München versucht die S-Bahn, auf allen Linien mindestens einen 60-Minuten-Takt anzubieten. Ebenso ist geplant. die S 8 zwischen München-Pasing und dem Flughafen München im 20-Minuten-Takt verkehren zu lassen. Die S-Bahn München will auf allen anderen Linien zusätzliche Züge einsetzen, wenn das möglich sei.

Keine Annäherung zwischen GDL und Bahn

Die GDL startete den Streik trotz eines neuen Angebots der Deutschen Bahn. Dieses sieht eine dreistufige Gehaltserhöhung um fünf Prozent bis Juli 2016 sowie eine Einmalzahlung von rund 325 Euro vor. Zudem bot der Konzern an, zum Abbau von Mehrarbeit im kommenden Jahr 200 zusätzliche Lokführer einzustellen.

Dieses Angebot wurde am Freitagabend von der GDL zurückgewiesen. Es sei "nicht geeignet, in die Verhandlungen einzusteigen, weil es lediglich dazu da ist, das Zugpersonal zu entsolidarisieren", erklärte GDL-Chef Claus Weselsky. Das Unternehmen verweigere "nach wie vor inhaltliche Verhandlungen für das gesamte Zugpersonal in der GDL". Die Bahn biete "für Lokomotivführer auf den ersten Blick scheinbar massive Verbesserungen, die sie aber gleichzeitig den Zugbegleitern verweigert".

Die GDL fordert fünf Prozent mehr Lohn und eine kürzere Arbeitszeit. Außerdem strebt sie die Federführung bei Tarifverhandlungen auch für Zugbegleiter und andere Bahnmitarbeiter an, die bislang von der größeren Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) vertreten werden.

Spürbare Auswirkungen auf den Autoverkehr bleiben aus

Trotz des Streiks und der Herbstferien in elf Bundesländern blieb es auf den Straßen am Samstag laut ADAC weitgehend ruhig geblieben. Eine Sprecherin des Autobilverbands sagte: "Der Streik hat bislang keinerlei Auswirkungen auf den Verkehr." Für ein Wochenende, an dem in insgesamt neun Bundesländern die Herbstferien beginnen oder enden, sei es zunächst sogar "extrem ruhig" geblieben.