Aufsichtsräte Zu männlich, zu deutsch, zu alt

Mangelhafte Firmenkultur ist oft Ausdruck von schlechter Führung.

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Deutsche Bank, Volkswagen, Siemens: Weltkonzerne machen Schlagzeilen, weil ihre Kontrollgremien versagen. Noch verdeckt die gute Konjunktur die Führungsschwächen.

Kommentar von Karl-Heinz Büschemann

Bei der Deutschen Bank entschied das Volk. Die Aktionäre haben dafür gesorgt, dass die Führung der Krisenbank nach langem öffentlichen Gezerre über Fehler des Managements abgelöst wurde. Auf der Hauptversammlung im Mai haben die Investoren den Chefs Anshu Jain und Jürgen Fitschen ein so schlechtes Zeugnis ausgestellt, dass der Aufsichtsrat gar nicht anders handeln konnte, als die schon lange angezählte Doppelspitze abzuberufen. Das Kontrollgremium hat viel zu lange gebraucht, um die Führungskrise in der wichtigsten Bank des Landes zu beenden. Auch sie ist ein Beispiel für die oft erschreckende Harmlosigkeit mancher Aufsichtsräte.

Vor wenigen Wochen war bei VW ein krasses Führungsproblem deutlich geworden. Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch hatte öffentlich seinem Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn das Vertrauen entzogen, konnte aber keinen neuen Chef durchsetzen. Piëch selbst musste gehen und hinterlässt in Wolfsburg einen Scherbenhaufen, an dessen Entstehen der inzwischen 78-jährige Patriarch maßgeblich beteiligt war. Das Unternehmen leidet unter hohen Kosten, doch der Aufsichtsrat wird mangels Alternative vom früheren IG Metall-Chef Berthold Huber geführt. Der Vertrag des 68-jährigen Winterkorn soll 2016 sogar noch einmal verlängert werden. Weitsichtige Unternehmensführung sieht anders aus.

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Noch ist nicht vergessen, wie der Siemens-Konzern durch Fehleinschätzungen des Aufsichtsratschefs Gerhard Cromme 2007 Peter Löscher als neuen Chef berief, der sich als Fehlbesetzung herausstellte. Wenig später schickte er den Österreicher wieder weg und berief Joe Kaeser, von dem auch nach zwei Jahren noch nicht klar ist, wohin er den Konzern führen will. Jetzt steht die Belegschaft auf der Straße und demonstriert gegen immer neue Entlassungspläne.

Die Räte versagen vor allem bei der Wahl der Führungskräfte

Drei deutsche Weltkonzerne machen Schlagzeilen, weil ihre Aufsichtsräte es nicht schaffen, eine Führungsmannschaft zu etablieren, die klaren Kurs fährt und Beschäftigten wie Aktionäre eine Orientierung gibt. Manche Kontrollgremien sind den Anforderungen internationaler Konzerne nicht gewachsen. Oft werden sie noch immer nach den Regeln der Kumpelei besetzt. Sie sind zu männlich, zu deutsch, zu alt. Besonders häufig versagen die Räte bei der Wahl des Führungspersonals, der wichtigsten Aufgabe eines Aufsichtsrates. Das wird spätestens deutlich, wenn wie bei der Deutschen Bank oder bei Siemens von oben ein Kulturwandel verordnet wird. Dann ist Vorsicht angebracht. Mangelhafte Firmenkultur ist oft Ausdruck von schlechter Führung. Es geht auch anders. Bayer hat es gezeigt. Vorstandschef Marijn Dekkers hat das Pharma-Unternehmen zum wertvollsten Dax-Konzern gemacht. Der jüngste Führungswechsel bei BMW wurde vorbildlich abgewickelt, Gleiches gilt für die Neubesetzung des Chefbüros bei Linde. Als das Chemieunternehmen Lanxess vor etwas mehr als einem Jahr in eine Krise geraten war, hatte der Aufsichtsrat binnen weniger Wochen das Problem gelöst. Geräuschlos wurde ein neuer Chef eingesetzt.

Zähe Führungsquerelen sind nicht nur schlechte Reklame für die Firmen wie den Industriestandort. Sie sind auch gefährlich, weil sich dieses Land nicht mehr lange darauf verlassen kann, dass die gut laufende Konjunktur alle Führungsschwächen in den Konzernen gnädig verdeckt. Die Euro-Krise oder die zunehmende Flaute des wichtigen Exportmarktes China werden zur Folge haben, dass auch in diesem Land bald die Zeiten härter werden. Es gibt keinen Spielraum mehr für schlechte Unternehmensführung, schon gar nicht bei einem Entscheidungszentrum wie der Deutschen Bank.