Digitalisierung Kollege oder Killer?

Mensch oder Maschine? Im Film "Lucy" ist Scarlett Johansson irgendwo dazwischen. Auf der CES gibt es einen echten Roboter, der ihr erstaunlich ähnelt.

(Foto: Jessica Forde/AP)
  • Auf der Technologiemesse CES in Las Vegas werden intelligente Roboter vorgestellt, die dem Menschen bestimmte Arbeiten abnehmen sollen.
  • Die Branche diskutiert, ob damit eine riesige Welle der technologischen Arbeitslosigkeit droht.
Von Jürgen Schmieder, Las Vegas

Weil immer alles mit allem zusammenhängt und das eine stets zum anderen führt, sei an dieser Stelle erwähnt, dass es nun auch Sex-Roboter gibt. Noch sehen sie nicht so aus wie die verführerischen Geschöpfe aus der Fernsehserie Westworld, eher wie die unheimlichen Puppen in Horrorfilmen. Das aber soll sich bald ändern, glaubt man den Visionären auf der Technologiemesse CES in Las Vegas. Zumindest sind die dort präsentierten Fortschritte in Robotik, 3-D-Druck und künstlicher Intelligenz immens.

Es gibt etwa den Roboter Mark 1, den der chinesische Tüftler Ricky Ma gebaut hat und der Schauspielerin Scarlett Johansson verblüffend ähnlich sieht. Wenn diese überaus attraktive Puppe nun mit der Entwicklung des Unternehmens Abyss Creations (versprochen werden "warme, lebensechte Genitalien"), der künstlichen Intelligenz des Roboters "Frigid Farrah" von Hersteller True Companion (gilt als schüchtern, reagiert auf selbstbewusste Befehle) und den Angeboten in virtueller Realität von Pornhub ausgestattet wird, wenn also wirklich alles mit allem zusammenhängt, dann führt das in dieser sündigen Stadt praktisch zwangsläufig zur Frage: Ist das nach allgemeinem Dafürhalten älteste Gewerbe der Welt nun von Massenarbeitslosigkeit bedroht?

Der nimmermüde Mitarbeiter

In den Fabriken übernehmen Roboter längst viele Arbeiten. Und sie werden immer besser. Von Varinia Bernau mehr ...

Es ist eine der interessantesten und am hitzigsten geführten Debatten auf der diesjährigen CES. Es geht dabei freilich nicht nur darum, ob in ein paar Jahren zwischen den hell erleuchteten Kasinos junge Frauen aus Fleisch und Blut oder gut programmierte Maschinen ihre Körper feilbieten werden.

Es geht um viel mehr: Könnte es vielleicht sein, dass Computer und Roboter den Menschen die Jobs wegnehmen? Dass Maschinen in den kommenden 20 Jahren jeden zweiten Arbeiter in den Vereinigten Staaten ersetzbar machen, so wie es die Ökonomen Carl Benedikt Frey und Michael Osborne prognostizieren? Sind in Deutschland 5 oder gar 19 Millionen Jobs gefährdet? Droht damit tatsächlich eine riesige Welle der technologischen Arbeitslosigkeit?

Las Vegas Convention Center, Parkplatz Gold Lot: Außerhalb der stickigen Hallen laden die Autohersteller zu Testfahrten mit teilautomatisierten Fahrzeugen ein und präsentieren den aktuellen Stand des Wettrennens der Entwicklungsabteilungen. Es ist faszinierend, wie souverän diese Autos bereits einparken, Hindernissen ausweichen und Unfälle verhindern. "Was wir für Science Fiction gehalten haben, das wird gerade Wirklichkeit", schwärmt Jen-Hsun Huang, Chef des Chipherstellers Nvidia, der mit Herstellern wie Audi und Mercedes kooperiert: "In spätestens vier Jahren wollen wir Autos mit künstlicher Intelligenz auf die Straße bringen."

Die ersten Lkw-Fahrer wurden schon ersetzt

Ein wenig abseits der Testfahrten steht Ted Scott und schüttelt den Kopf. So, wie es Menschen manchmal tun, wenn sie nicht wahrhaben wollen, was sie da vor sich sehen. Scott ist Direktor der American Trucking Associations, dem führenden Wirtschaftsverband der Lastwagen-Industrie in den USA. "Es wird noch lange dauern, bis wir einen Lastwagen ohne Fahrer sehen", sagt er. "Der Mensch ist zu 99,9 Prozent ein herausragender Fahrer, Computer stürzen häufiger ab. Die Leute überholen ohnehin nicht gerne einen Lastwagen - wie wird das erst sein, wenn kein Fahrer am Lenkrad sitzt?"

Diese Aussage lässt sich als Optimismus Scotts für seine Branche interpretieren - oder aber als die erste Phase der Trauer: das Nicht-Wahrhaben-Wollen. Im Oktober lieferte das Silicon-Valley-Unternehmen Otto, eine Tochterfirma des Fahrdienstes Uber, mehr als 50 000 Bierdosen mit einem fahrerlosen Lastwagen über eine Strecke von 200 Kilometern. Es heißt, dass alleine die amerikanische Logistik-Industrie etwa 70 Milliarden Dollar im Jahr sparen könnte, wenn sie auf ihre 3,5 Millionen Trucker verzichten würde.