Digitalisierung Der nimmermüde Mitarbeiter

Ein Roboter im Innovationszentrum von DHL in Singapur.

(Foto: Nicky Loh/Bloomberg)

In den Fabriken übernehmen Roboter längst viele Arbeiten. Und sie werden immer besser.

Von Varinia Bernau, Düsseldorf

Sawyer ist nicht nur belastbar und wendig, zuverlässig und teamfähig. Er ist auch wissbegierig. Er beobachtet, was um ihn herum passiert - und lernt dazu. Der Roboter mit rotem Greifarm und Kameraauge wurde in den Laboren des US-Unternehmens Rethink Robotics entwickelt. Seit Sommer arbeitet er bei der Deutschen Post zur Probe und stellt sich dabei ganz gut an.

In der deutschen Industrie sind vergleichsweise viele Roboter im Einsatz. Rein rechnerisch kommen hierzulande auf eine Belegschaft von 10 000 Menschen etwa 292 Maschinen, wie eine Erhebung der International Federation of Robotics aus dem vergangenen Jahr zeigt. Höher ist die Dichte nur noch in Japan und Südkorea, in den USA hingegen ist sie gerade einmal halb so hoch.

Weniger als die Hälfte der Jobs in Büros könnte ein Computer nicht so einfach übernehmen

Doch Sawyer steht nicht in einer Fabrik am Fließband, um dort die immer gleichen Dinge zu tun. Er übernimmt auch Arbeiten, an denen Roboter lange Zeit scheiterten. In drei Bereichen, so waren sich bislang Ökonomen wie Techniker einig, ist der Mensch nämlich besser als die Maschine: Dort, wo es auf Empathie ankommt, in Krankenhäusern, Schulen oder Pflegeheimen also. Dort, wo Kreativität gefordert ist: in Architekturbüros, Ateliers oder Opernhäusern. Und schließlich in sehr komplexen Situationen, die ein Kellner oder ein Förster genauso meistern muss wie ein Lagerarbeiter, der etwa bei der Deutschen Post Pakete bestückt. Das menschliche Auge erkennt das Buch, das sich in dem metallenen Regal spiegelt, ebenso einfach wie die durchsichtige Wasserflasche. Die menschliche Hand weiß auch intuitiv, dass sie eine Hantel anders anpacken muss als ein Handtuch. Einer Maschine muss all das mühsam beigebracht werden. Selbst die Roboter in den gut ausgestatteten Laboren von Google vertun sich noch immer bei jedem zehnten Griff in eine Kiste.

Doch der Einsatz von Sawyer zeigt den rasanten technologischen Fortschritt. Auch in komplexen Situationen, also in einer Umgebung, die unübersichtlich und voller Überraschungen ist, behaupten sich Roboter immer besser. So ließ etwa im Oktober vergangenen Jahres Daimler den ersten selbstfahrenden Lkw über die A8 rollen. Ein Mensch war nur noch mit an Bord, weil das so vorgeschrieben ist. Aber bei Daimler war man sich sicher, dass der Roboter der bessere Steuermann ist. Er wird nie abgelenkt, er wird nie müde - und bietet damit mehr Sicherheit. Zudem sinke der Spritverbrauch, weil er gleichmäßiger und damit effizienter fahre.

Einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung zufolge haben gerade einmal 40 Prozent der deutschen Beschäftigten einen Job, den ein Computer nicht so einfach übernehmen könnte.

Auch in die deutschen Büros ziehen immer mehr Roboter ein. Olaf Rehse von der Boston Consulting Group glaubt sogar, dass der Wandel durch Automatisierung und künstliche Intelligenz im Dienstleistungssektor viel spürbarer sein wird als in der Industrie. In den Fabriken nämlich seien die Abläufe in den vergangenen 30 Jahren bereits optimiert worden: Dort werde schon so wenig Material verschwendet wie möglich und dort sei die Fehlerquote gedrückt worden. Banken und Versicherungen aber, Telefonanbieter und Energieversorger hätten noch einen enormen Nachholbedarf: "Ein Auto, in dem fünf Dinge nicht funktionieren, wird nicht ausgeliefert. Aber dass man in einem Call Center mehrmals anrufen muss, bis eine Störung behoben ist, das ist gang und gäbe."

Gerade in der Verwaltung gibt es noch eine Menge einfacher Tätigkeiten, die von Menschen erledigt werden - und nicht von einer schnelleren und akkurateren Maschine. Wenn ein Kunde, der mehrere Policen bei einer Versicherung hält, beispielsweise umzieht, wird die neue Adresse häufig von einem Sachbearbeiter in jedem einzelnen System eingetippt. Viele Dienstleistungsunternehmen aber, erzählt Rehse, testen Software, die wie ein Mensch die Daten in einer Bildschirmmaske ausliest und in andere einfügt. "Solch ein Roboter kann zwei bis drei Sachbearbeiter ersetzen", sagt Rehse. In Callcentern werde jeder zweite Arbeitsplatz in den nächsten zehn Jahren verschwinden, schätzt er.

Auch die Einsätze von Technikern werden deutlich zurückgehen. So stellen beispielsweise gerade alle Telefonanbieter ihre Netze auf eine neue Technologie um. Dabei werden dann auch Sprachsignale in Datenpakete geschnürt und durchs Netz geschleust, so wie dies heute schon bei den Fernseh- und Internetangeboten läuft. Solch ein Netz lässt sich auch aus der Ferne warten. Statt zum Kunden zu fahren und am Telefon herumzuschrauben, kann ein Techniker vieles per Software steuern. Das ist nicht nur billiger. Es geht auch schneller. Insgesamt, so ist in einer Studie, die Rehse mit Kollegen bei der BCG kürzlich erstellt hat, könnten Dienstleistungsunternehmen bis zu 40 Prozent Kosten einsparen, wenn sie alle Möglichkeiten ausschöpfen, die neue Technologien bieten. Und sie könnten beim Kunden durch besseren Service punkten.

Ein Ding, das etwa vier Jahre ohne Unterbrechung rackern kann, kostet etwa 27 000 Euro

Und so wie sich die Roboter vom übersichtlichen Fließband zum anspruchsvolleren Warenlager hochgearbeitet haben, so werden Algorithmen in den deutschen Büros auch nicht nur Verwaltungsarbeit erledigen. "Werbekampagnen entwerfen heute Menschen in den Marketingabteilungen von Unternehmen. Sie denken sich in Kunden rein - und überlegen, wie sie diese dazu kriegen, ein besseres Produkt zu kaufen", sagt Rehse. Bei Google oder Facebook aber erledige auch das längst ein Algorithmus: Der kennt den Kunden, der sich im Internet bewegt, ziemlich gut - und schlägt ihm die passenden Angebote vor.

Roboter werden also klüger und kreativer. Und sie werden billiger. Eine Technologie wie Sawyer war vor zehn Jahren noch nicht denkbar. Jetzt kostet so ein Ding, das etwa vier Jahre ohne Unterbrechung rackern kann, etwa 27 000 Euro.